
Die möglichen Übernahmepläne der US-Investmentgesellschaft Castlelake für die Billigfluglinie Easyjet haben zu einem Kurssprung geführt. Der Aktienkurs stieg am Montag zeitweise um elf Prozent. Die britische Gesellschaft wies ein mögliches Übernahmeangebot zurück. Die Airline gilt als geschwächt. In den vergangenen zwölf Monaten, besonders wegen des Kerosinpreisschocks infolge des Irankriegs, hat ihre Aktie fast ein Drittel an Wert verloren. Aktuell wird Easyjet mit rund 3,3 Milliarden Pfund (3,8 Milliarden Euro) bewertet. Zum Vergleich: Ryanair, Europas größte Billig-Airline, kommt auf fast 26 Milliarden Euro; die Lufthansa auf gut zehn Milliarden Euro Börsenwert.
Castlelake hatte Ende vergangener Woche bekannt gegeben, es stehe „in der Anfangsphase, ein mögliches Angebot zu erwägen“. Die 2005 gegründete Private-Credit-Gruppe aus den USA teilte am Montag nun mit, dass sie 16,2 Millionen Easyjet-Aktien gekauft habe und damit einen Anteil von 2,1 Prozent besitze.
Für die Fluggesellschaft mit Sitz in Luton bei London kommt der Vorstoß aus den USA zu einem schwierigen Zeitpunkt. Easyjet hat im Winter einen Rekordverlust von 552 Millionen Pfund verbucht, 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Das war das schlechteste Halbjahr außerhalb der Covid-Zeit. Die nahe Zukunft ist ungewiss. Für das wichtige Sommerquartal von Juli bis September sind erst 40 Prozent der Tickets verkauft. Wegen hoher Kerosinpreise und später Buchungen konnte Easyjet vor gut einer Woche keine Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2025/26 abgeben.
„Äußerst opportunistischer Zeitpunkt“
Die Fluglinie erklärte am Montag zu Castlelakes Vorstoß: „Der Vorstand nimmt den äußerst opportunistischen Zeitpunkt zur Kenntnis, zu dem der Aktienkurs von Easyjet aufgrund der aktuellen Lage im Nahen Osten und ihrer Auswirkungen auf Kundenvertrauen und Kerosinpreise vorübergehend unter Druck steht.“ Vorstandschef Kenton Jarvis hatte schon im März gemutmaßt, dass einige am Markt wegen der günstigen Bewertung ein Übernahmeangebot erwägen könnten.
Einer Übernahme durch Castlelake würden indes regulatorische Vorgaben in der Europäischen Union entgegenstehen, warnt Easyjet. Laut den EU-Regeln müssen Fluggesellschaften, die innerhalb der EU operieren, mehrheitlich im Besitz von EU-Bürgern sein und von diesen kontrolliert werden. Für die US-Gesellschaft könnte das eine schwierige Hürde werden. Laut Analysten von RBC Capital Markets könnten die EU-Regeln eine Übernahme „zumindest kompliziert machen für Castlelake, wenn sie allein handeln“. Andere Analysten erinnerten daran, dass die EU-Regeln nicht strikt durchgesetzt würden. Ryanair gehöre nur zu 30 Prozent EU-Eigentümern. Größter Easyjet-Anteilseigner ist bislang die Familie des britisch-zyprischen Gründers Stelios Haji-Ioannou, die gut 15 Prozent der Aktien hält.
Trotz der jüngsten Verluste im Winter und der schwachen Aktienkursentwicklung der letzten fünf Jahre sieht sich Easyjet „in einer Position der Stärke“, gestützt auf eine solide Bilanz. Viele Investoren sind indes skeptisch, ob die Billigfluglinie ihr mittelfristiges Versprechen erfüllen kann, dauerhaft mehr als eine Milliarde Pfund Gewinn vor Steuern zu erzielen. In den Jahren 2020 und 2021 machte Easyjet Covid-bedingt große Verluste. In den Geschäftsjahren 2023 und 2024 kam das Unternehmen auf einen bereinigten Vorsteuergewinn von 610 Millionen Pfund beziehungsweise 665 Millionen Pfund. Im März stieg das Unternehmen wegen seiner geschrumpften Börsenbewertung aus dem Leitindex FTSE 100 ab. Die Airline ist nur noch in der zweiten Börsen-Liga, im FTSE 250, vertreten.
Wertvolle Flotte und Landeslots an wichtigen Flughäfen
Seit Monaten gibt es Spekulationen, dass Easyjet ein Übernahmekandidat sei. Gegenüber dem Kursrekord vor elf Jahren hat der Konzern drei Viertel seines Werts verloren. Easyjet gibt den Buchwert seiner Unternehmenswerte mit fünf Milliarden Pfund an, die Marktkapitalisierung liegt weit darunter. Was Easyjet für eine Übernahme attraktiv machen könnte, ist nicht nur die wertvolle Flotte von 356 Maschinen, sondern sind auch die Landeslots an wichtigen Flughäfen wie Brüssel, Frankfurt und Paris CDG sowie die dominante Stellung am Flughafen London-Gatwick.
Castlelake ist seit vielen Jahren in der Luftfahrtbranche tätig. Die Gruppe vermittelt Finanzdeals, investiert in Flugzeuge, vergibt Kredite und kauft notleidende Forderungen. 2023 kaufte die Gruppe 32 Prozent der beinahe insolventen skandinavischen Fluglinie SAS und verkaufte den Anteil anschließend an Air France-KLM. Möglicherweise könnte der Vorstoß in Richtung Easyjet nun auch andere große Spieler wie die British-Airways-Muttergesellschaft IAG zu einem Gebot animieren. Nach den britischen Börsenregeln hat Castlelake nun bis zum 26. Juni Zeit, um ein formelles Angebot für eine Übernahme abzugeben.
