Die selbst ernannte Active City wird jetzt im üblichen Trott weitermachen. Beachvolleyball, Triathlon, Radrennen, dazu hier eine renovierte Halle, da eine neue Bewegungsinsel, und bestimmt gibt es bald wieder eine Hockey-Meisterschaft und 2027 dann abermals Tennis am Rothenbaum und Reiten in Groß Flottbek.
So weit, so langweilig – alles schön und gut, und für die jeweilige Blase oder die Nachbarschaft sicher ein Höhepunkt. Aber wo waren in den vergangenen 25 Jahren, abgesehen von einzelnen Spielen der Fußball-WM (2006) und -EM (2024), die großen Sportereignisse in der Stadt?
Eine Schwimm-Weltmeisterschaft, eine Leichtathletik-WM? Auch auf der Landkarte des Turnens fehlt Hamburg. Ereignisse, die eine große Zahl von Menschen davon hätte überzeugen können, wie unterhaltsam und verbindend Sport höchsten Niveaus sein kann, der nicht Fußball heißt.
Viel deutlicher als vor neun Jahren
Die ganze Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele wirkte, als wollte sich ein Viertklässler in die Oberstufe versetzen lassen: ein bisschen sehr vollmundig, bedenkt man, wie unbedeutend Hamburg auf der internationalen Sportlandkarte ist.
München hatte 2022 immerhin das Multisportereignis „European Championships“, um Begeisterung in der Stadt zu schüren und Ängste zu nehmen.

Am Sonntagabend ist zum zweiten Mal nach November 2015 ein Referendum für das weltweit größte Sporteignis in der Freien und Hansestadt gescheitert: 54,9 Prozent der 650.000 Abstimmenden entschieden sich bei einer Wahlbeteiligung von gut 50 Prozent gegen eine Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele. Das war viel deutlicher als vor neun Jahren; damals waren 51,6 Prozent dagegen. Für den erhofften Schub haben auch die Jungwählerinnen und Jungwähler nicht gesorgt; ihr Ergebnis bleibt in etwa im Hamburger Trend.
Noch am Abend zog der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) die Hamburger Bewerbung enttäuscht zurück; sein rot-grüner Senat um ihn und die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Die Grünen) hatten geschlossen für Olympia geworben. Dass das Ergebnis so deutlich ausfiel, war eine Schlappe für die erfolgsverwöhnte Regierung – man war von einem Resultat in dieser Höhe ausgegangen: aber für Olympia. Damit bleiben dem DOSB für die Entscheidung am 26. September die Bewerber Berlin, München und Köln/Rheinruhr – Berlin besitzt international die größte Strahlkraft, München hat den größten Rückhalt bei den Menschen, und Köln und Co. versprechen den höchsten finanziellen Gewinn.
Leuchttürme im Westen? Abgelehnt im Osten der Stadt
In Hamburg aber sagt man tschüss, um mit Heidi Kabel zu sprechen. Und beim Blick in die Ergebnisse bekommt man den unschönen Trend geliefert, den man auch aus der Landes- und Bundespolitik kennt: die „normalen Menschen“ fühlen sich offenbar abgehängt und von der Politik nicht gesehen.
Geschlossen haben die ärmeren Viertel im Hamburg Osten gegen Olympia gestimmt. Billstedt, Wandsbek, da, wo die Wohnblocks in den Himmel ragen und die AfD sich traut, Plakate aufzuhängen: gegen Olympia. Offenbar hielten die Menschen hier wenig von Leuchtturmprojekten im Westen der Stadt.
Auch im Süden, in Harburg und Wilhelmsburg, wo man sich ohnehin als ferner Satellit der Machtströme im Rathaus fühlt, gab es deutlichen Widerspruch. Es wird kleinteilig, wenn man nach den Gründen fahndet, denn ein weiträumiges Politikversagen kann man dem Senat nicht nachsagen. Es sind die kleinen Dramen des Alltags, die zermürben können; hier eine volle S-Bahn, dort eine, die ausfällt. Die Folgen der Wirtschaftskrise, die Armutsmigration: hohe Mieten, fehlende Wohnungen, ein Hauptbahnhof, für den man sich schämen muss – es wirkte, als wollten die ärmeren Quartiere Bürgermeister Tschentscher misstrauisch zurufen (und zwar sehr laut): „Macht erst einmal eure Hausaufgaben, bevor ihr uns mit Prestigeprojekten kommt!“

Da aber, wo das (oft alte) Geld sitzt, an Elbe und Alster, im Norden, wo Hamburg waldig und die Grundstücke groß werden, auch in der HafenCity und in Harvestehude und Eppendorf, da stimmte man sehr deutlich für die erhoffte große Party 2040 ab; wer im SUV zur Arbeit fährt oder gleich im Homeoffice bleibt, den nervt die knallvolle U-Bahn ja auch nicht. Auch sah man hier wohl eher die eigenen wirtschaftlichen Vorteile, die Olympische Spiele mit sich gebracht hätten.
Fair und respektvoll nahmen die Hamburger Hauptpersonen die Niederlage hin. Sowohl Tschentscher als auch Sportsenator Andy Grote und der Leiter der Bewerbung Steffen Rülke mahnten an, die Niederlage in diesem demokratischen Wettbewerb anzuerkennen und nicht dem Lager der „Nein“-Sager um die Partei „Die Linke“ und die Formation „Nolympia“ die Schuld in die Schuhe zu schieben. Beide hatten klug und punktgenau ihre Lager mobilisiert und offenbar auch Unentschiedene überzeugt, gegen ein vermeintliches Elitenprojekt zu sein.
Dabei hatten sie auch von der gesellschaftlichen Großwetterlage profitiert, die ein „Nein“ als Denkzettel an „die da oben“ leichter macht als ein „Ja“. Skepsis vor Großveranstaltungen, Furcht vor überstülpenden Plänen des IOC und eine allgemeine Politikverdrossenheit werden ihnen in die Karten gespielt haben. Dafür kann man den Senat nur bedingt mitverantwortlich machen: die Bewerbungsgruppe hatte mit Beteiligungsverfahren in allen Stadtteilen versucht, die Menschen mitzunehmen. Aber die Lust auf Veränderung und Modernisierung scheint bei wachsender sozialer Ungerechtigkeit auch im reichen Hamburg nur gering ausgeprägt zu sein.
Mit der bekannten Selbstverliebtheit wird es in der „schönsten Stadt der Welt“ nun weitergehen, auch, was den Sport betrifft; ein bisschen hier was und ein wenig da. Die Metropole im Norden bleibt natürlich offen, bunt, lebenswert – aber das Abstimmungsergebnis vom Sonntagabend bringt ein Resultat, das nicht nur Soziologen besorgniserregend finden werden: das einer geteilten Stadt.
