In der Nacht des 15. September 1954 wurde die Ecke von Lexington Avenue und 52nd Street in Manhattan zum Schauplatz eines legendären Film- und Fotoshootings. Durch die Presse über Zeit und Ort informiert, waren trotz vorgerückter Stunde aus allen Himmelsrichtungen Menschen herbeigeströmt, um einen Blick auf die Szene zu erhaschen. Hunderte, ja Tausende sollen es gewesen sein, überwiegend Männer. Die Polizei konnte die johlende Menge nur mithilfe von Barrikaden im Zaum halten. Selbst für New Yorker Verhältnisse war der nächtliche Aufruhr etwas Außergewöhnliches. Das Ziel der Begierde, auf das sich alle Augen und Linsen richteten, war eine mittelgroße blonde Frau in weißem Kleid, die sich unbefangen auf dem Gitter eines U-Bahn-Lüftungsschachts bewegte, während eine darunter installierte Windmaschine ihren Rock in die Höhe blies und dabei für einige Momente ihre Unterwäsche sichtbar machte.
Wegen des Lärms am Set musste die Szene, die Marilyn Monroe und ihren Filmpartner Tom Ewell beim Verlassen eines Kinos zeigt, später im Hollywood-Studio noch einmal neu gedreht werden. So ließ sich auch der strenge Sittenkodex einhalten, dem die Produktionsfirmen zu jener Zeit unterworfen waren. Seinen eigentlichen Sinn, den Werbezweck, erfüllte das ursprüngliche Shooting aber voll und ganz. „The Seven Year Itch“ („Das verflixte 7. Jahr“), so hieß der Film des Regisseurs Billy Wilder, der im Juni 1955 anlief und ein internationaler Kassenerfolg wurde. Noch breitere Wirkung erzielten die Aufnahmen, die der offizielle Fotograf Sam Shaw und zahllose andere von Marilyn Monroe auf besagtem U-Bahn-Gitter geschossen hatten. Sie gingen rasch um die Welt und gehören heute zu den ikonischsten Divenfotos des zwanzigsten Jahrhunderts.
Die angeheizten Erwartungen bleiben unerfüllt
Von der Darbietung Marilyn Monroes lebt auch der Film „Das verflixte 7. Jahr“, der überwiegend von den sexuellen Fantasien, Verklemmungen und Ängsten der männlichen Hauptfigur Richard Sherman handelt, seines Zeichens Lektor eines Verlags für Schundliteratur. Während Frau und Kind zum Sommerurlaub nach Maine gereist sind, bleibt Sherman der Arbeit wegen in New York zurück und gerät dabei, nach sieben Ehejahren vermeintlich zum Seitensprung prädestiniert, in den Bann des namenlosen „Mädchens“, das für einige Wochen die Wohnung über ihm bewohnt. Anders als in dem gleichnamigen Bühnenstück von George Axelrod, das die Vorlage für das Drehbuch bildete, kommt es im Film nicht zum Ehebruch, wodurch die im Verlauf der Komödie angeheizten Erwartungen der Zuschauer unerfüllt bleiben und die Gewissensnöte des Protagonisten absurd erscheinen.
Andererseits möchte man der von Monroe gespielten jungen Frau auch kaum echte Leidenschaft für den peinlichen Sherman abnehmen, wenngleich sie ihm an einer Stelle versichert, der „nervöse, schüchterne Typ in der Ecke“ sei für sie am Ende viel aufregender als der sich für unwiderstehlich haltende Bursche. Was sucht sie überhaupt bei ihm? Blickt man auf das konkrete Geschehen, kann die Antwort nur lauten: Sie sucht nach Abkühlung. Und das ist auch so ziemlich das Einzige, was Sherman zu bieten hat.

Historisches Interesse verdient Wilders Komödie weniger als Filmkunstwerk denn als Zeugnis des American Way of Life im Spannungsfeld von traditionellem Geschlechterverhältnis und moderner Konsumgesellschaft. Atmosphärisch wird der Plot durch die Hitze der sommerlichen Großstadt bestimmt. Sie steigt Sherman und dem „Mädchen“ auf ganz unterschiedliche Weise zu Kopfe. Während es die heiße Frau nach körperlicher Abkühlung verlangt, ringt der von ihr erhitzte Mann um Coolness. In dieser asymmetrischen Konstellation weiß er sich technologisch im Vorteil: Richard Sherman besitzt nämlich Klimaanlagen, und zwar in jedem Raum, wie er stolz verkündet. „Hey, you’ve got air conditioning! How does it work? Put it on!“, ruft sie bei ihrem ersten Besuch in seiner Wohnung begeistert aus. Nun löst sich die Spannung. Vor der Maschine am Wohnzimmerfenster streift Marilyn Monroe den Gürtel ihrer Bluse ab und lässt kühle Luft über ihre entblößte Taille strömen.
Das technologische Gefälle zwischen Mann und Frau
Technologien der Abkühlung bilden ein augenscheinliches, wenn auch kaum je beachtetes Leitmotiv des Films. In den Verlagsräumen, wo Sherman sich nach der Abfahrt seiner Familie ebenso pflichtbewusst fleischlicher Versuchung enthält wie anschließend im vegetarischen Restaurant, beherrschen Ventilatoren den Hintergrund. Das Erste, was er nach dem Betreten seiner Wohnung öffnet, ist die Tür seines großen weißen Kühlschranks (das Zweite eine Flasche Himbeerlimonade). Vor allem aber prägen Kühlgeräte die entscheidenden Szenen mit dem „Mädchen“. Dabei wird das technologische Gefälle zwischen Mann und Frau gleich bei der ersten Begegnung ersichtlich. Die schöne Fremde, die zu später Stunde an der Haustür klingelt, weil sie ihren Schlüssel vergessen hat, will ihren neu erworbenen kleinen Ventilator die Treppe hinauftragen, doch dessen Stecker bleibt in der Tür stecken, weswegen Sherman noch einmal öffnen muss.
In der nächsten Szene, als sie versehentlich einen Blumentopf von ihrem Balkon auf seine Terrasse fallen lässt und er sie daraufhin zum Drink einlädt, elektrisiert ihn die Auskunft, dass sie ihre Unterwäsche gerade in der „icebox“ kühle. Spricht aus dieser Bezeichnung lediglich ihre Ahnungslosigkeit, oder besitzen die Kaufmans, deren Wohnung sie hütet, wirklich nur einen antiquierten Eisschrank und – anders als die meisten amerikanischen Haushalte jener Zeit – noch keinen elektrischen Kühlschrank („refrigerator“)? Künstlich klimatisiert ist ihr Haushalt jedenfalls nicht, wie Sherman umso überraschter feststellen muss, als sie sich doch Dinge wie afrikanische Masken leisten.
Das Air-Conditioning ist und bleibt die große Errungenschaft, mit der Sherman das „Mädchen“ an sich zieht. Nachdem ihr erster Besuch in seiner Wohnung mit einem tölpelhaften Annäherungsversuch seinerseits geendet ist, lockt er sie am zweiten Abend ins klimatisierte Kino und dann, nachdem auch ihr Gang auf das Gitter des U-Bahn-Lüftungsschachtes nur eine kurze Erfrischung gebracht hat, abermals in sein Heim – „just to cool off“; die Klimaanlage habe er auf vollen Touren laufen lassen. Tänzerisch gleitet sie auf die Maschine am Wohnzimmerfenster zu, lässt sich davor auf einem Sessel nieder, legt ihre Beine hoch und erwägt, später ihren Ventilator vor dem offenen Eisschrank zu postieren. Schließlich fragt sie Sherman, ob sie über Nacht bei ihm bleiben könne, um endlich einmal wieder gut, nämlich im Kühlen zu schlafen. Als er sich am nächsten Morgen in voller Montur von seiner Couch erhebt, schlummert sie selig im Ehebett. Obwohl weiter nichts passiert ist, beschließt er, unverzüglich zu seiner Frau nach Maine zu fahren. Am Ende des Films winkt sie ihm, über das Außengerät einer Klimaanlage gelehnt, lächelnd aus seinem Schlafzimmerfenster hinterher.
Im Theaterstück fehlen die Kühlapparate
Shermans Klimaanlagen, so viel steht fest, sind keine marginalen Requisiten, die allein der authentischen Ausstattung des Szenenbilds dienten. Billy Wilder hat sie so gewollt. Ebenso wie all die anderen Kühlapparaturen und Kühlverfahren, die den Film bevölkern, fehlen sie in Axelrods Theaterstück. Beim Vergleich beider Fassungen drängt sich der Gedanke auf, dass Wilder sie als Ersatz für das verhinderte erotische Finale in Stellung gebracht hat. Technik statt Sex – so lässt sich der Transfer des Stoffs vom Broadway nach Hollywood resümieren. War dieser Effekt von Wilder gewollt? Der Regisseur hat schwer mit dem Ehebruchsverbot gerungen, zu dem ihn der „Production Code“ verpflichtete, und es im Nachhinein bereut, den Film dennoch gemacht zu haben.

Ebenso bekannt ist, dass der europäische Immigrant zeitlebens eine kritische Außensicht auf die amerikanische Gegenwart bewahrte und auch in seinen Komödien andeutete. War das massive technologische Aufgebot in „Das verflixte 7. Jahr“ seine subtile Rache an der Zensur? Ob Wilder es so gemeint hat oder nicht: Sein Film ist eine eindrückliche Momentaufnahme der amerikanischen Verfallenheit an die mechanische Kälteerzeugung. Im Subtext gibt er zu verstehen, dass künstliche Kälte psychologische und sexuelle Komplexe nicht auflöst, sondern eher noch verstärkt.
Natürlich kann man die Rolle der künstlichen Kälte in dem Film auch anders betrachten. Der Wunsch des „Mädchens“ nach Abkühlung lässt sie selbst nach technischen Mitteln greifen, und immerhin tragen Shermans Klimaanlagen so sehr zur Attraktivität seiner Wohnung bei, dass sie ihretwegen bei ihm (wenn auch nicht mit ihm) schläft. So gesehen, erweist sich die mechanische Temperaturkontrolle gleichermaßen als allgemeine Notwendigkeit wie als verführungstaugliches Instrument des Mannes. Die Omnipräsenz der Kältemaschinen im Film demonstriert ihre Institutionalisierung im amerikanischen Leben und bringt eine kulturelle Botschaft zum Ausdruck, die ganz auf der Hollywood-Linie der Fünfzigerjahren lag: Die Amerikaner sollten leichten Herzens die Vorteile moderner Technik genießen, zugleich aber die traditionellen Gebote von Moral und Sitte befolgen.
Werbung für ein strauchelndes Produkt
Womöglich war die Motivlage noch handfester: Die heimische Klimaanlage, die im einundzwanzigsten Jahrhundert selbstverständlich zum amerikanischen Leben gehört, war in ihren Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg keineswegs ein Selbstläufer gewesen. Zu Beginn der Fünfzigerjahre verfügten noch weit weniger als fünf Prozent der amerikanischen Haushalte über Air-Conditioning. Nachdem zwei ungewöhnlich heiße Sommer den Absatz der neuartigen Geräte für den Hausgebrauch beflügelt hatten, kam es 1954 schon wieder zu einer Flaute. Diente das plakative Kühlgeschehen in Billy Wilders Film der Werbung für ein strauchelndes Produkt? Wenn ja, dann leisteten der Regisseur und seine Hauptdarstellerin ganze Arbeit. All jene gerade noch erlaubten Ansichten von Marilyn Monroes Körper, die „Das verflixte 7. Jahr“ zum kurzzeitigen Superhit und langfristigen Bildreservoir machten, wurden entweder von künstlich erzeugten Kaltluftströmen freigelegt oder hingen mit weniger vollendeten Kühltechniken zusammen, die den Wert der Klimaanlage unterstrichen.
Wenig spricht dafür, dass Marilyn Monroe sich mit ihrer Rolle in dem Film identifizierte, der mitsamt den am Set entstandenen Fotos ihren internationalen Durchbruch als amerikanisches Sexsymbol besiegelte. Bei den Dreharbeiten kämpfte sie unter verstärktem Tablettenkonsum mit seelischen und körperlichen Krisen. Ein weniger bekanntes Foto Sam Shaws vermittelt einen Eindruck davon. Schlapp und lustlos hängt sie da über der Klimaanlage an Shermans Schlafzimmerfenster und blickt traurig in die Kamera. Monroe befand sich zu jener Zeit am Beginn eines Emanzipationsprozesses, der sie als Schauspielerin vom drückenden Regime der 20th Century Fox wie vom Image des Postergirls befreien sollte. Auch die Trennung von ihrem damaligen Ehemann Joe DiMaggio gehört in diesen Kontext. Der Baseballstar, Inbegriff des All-American Boy, fühlte sich durch ihren Auftritt beim Shooting an der Lexington Avenue in seiner männlichen Ehre verletzt und schlug sie bei einem Streit im Hotelzimmer. Sechs Wochen später war die glamouröse Ehe geschieden.
Monroes lange unterdrückten politischen wie intellektuellen Neigungen entsprach die Verbindung mit Arthur Miller, den sie ein Jahr nach der Premiere von „Das verflixte 7. Jahr“ heiratete. Der sozialkritische Dramatiker stand im Fadenkreuz des Komitees für unamerikanische Umtriebe. Unamerikanisch war nicht zuletzt seine Konsumkritik. In seinem berühmten Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ spielt zwar nicht die Klimaanlage, dafür aber der Kühlschrank eine prominente Rolle. Am Beispiel von Willy Lomans Kühlschrank rückte Miller bereits 1949 die planmäßige Obsoleszenz von Haushaltsgeräten und anderen Verbrauchsgütern ins Bewusstsein, die der Publizist Vance Packard ein Jahrzehnt später in seinem Bestseller „Die große Verschwendung“ als symptomatische Praxis eines Wirtschaftssystems entlarvte, das sich allein durch den immer rascheren und ständig wachsenden Verbrauch aller produzierten Güter am Leben erhält.
Marilyn Monroe war keine Konsumkritikerin. Noch weniger aber war sie eine Parteigängerin des Nachkriegsamerikas der McCarthy-Ära, für deren Abgründigkeit ihre Schönheit als „perfekte Folie“ diente. „Monroe mag Amerikas Perfektion verkörpert haben, das strahlendste Bild seiner selbst, aber sie glaubte nicht daran“, hat die Literaturwissenschaftlerin Jacqueline Rose festgestellt. Die falsche Rolle gehörte zur Tragik ihres Lebens, an der sie am Ende zerbrach.
Was Marilyn Monroe in der technologisch aufgerüsteten Komödie aus dem Jahr 1955 verkörperte, war der vermeintlich unschuldige Hedonismus, mit dem sich Amerika in der Hochphase des Kalten Kriegs als Leuchtturm der freien Welt empfahl. Für die große Verschwendung, die sein Wesen ausmachte, sollte sich das Air-Conditioning auf lange Sicht als kongeniale Technologie erweisen. Denn die Klimaanlage dient zur individuellen Linderung eines Problems, das sie als allgemeines verschärft. Dies macht sie zu einer Maschine, die ihre eigene Vermehrung erzwingt. Die Dialektik jener Abkühlung, die „Das verflixte 7. Jahr“ als amerikanische Errungenschaft bewarb, stellt sich heute als globales Problem dar. „Some Like It Hot“ („Manche mögen’s heiß“) hieß der zweite und letzte Billy-Wilder-Film, in dem Marilyn Monroe mitspielte.
Von Jan Eike Dunkhase erscheint am 15. Juli bei Reclam das Buch „Kühle neue Welt. Eine Geschichte der Moderne. Wie Kühlschrank, Klimaanlage und künstliche Kälte unser Leben und das Klima verändern“.
