Kann Gymnastik Horror sein? Für manche Leute schon, die sofort an muffige Schulturnhallen denken, und an missratene Radschlagversuche. Gymnastik kann aber noch auf ganz andere Weise zum Horror werden. Dass Yuta Shimotsus Film „New Group“, in dem Schüler wie Lehrer einer Art zwanghafter Gymnastik anheimfallen, unter dem diesjährigen Motto „Shades of Reality“ beim Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt läuft, hängt auch mit der speziellen Ausformung japanischer Horrorfilme zusammen. Die können maßlos übertrieben und gleichzeitig lustig sein oder, wie in diesem Fall, eher schleichendes Grauen verbreiten und zugleich eine Satire auf die gegenwärtige japanische Gesellschaft sein. In „New Group“ sei das Gefühl, dass da etwas nicht stimme, die ganze Zeit da, sagt Mayu Sugaya. Sie hat den Film mitausgesucht, als Teil des Filmteams von Nippon Connection, das in zwei Gruppen Hunderte von Lang- und Kurzfilmen sichtet. 145 japanische Filme sind es in diesem Jahr, die vom 2. bis 7. Juni zu sehen sein werden. Die meisten von ihnen hat Sugaya, die einzige Japanerin im Filmteam, in Tokio gesehen, bevor sie sich, wie jedes Jahr, auf den Weg nach Frankfurt gemacht hat.
Sugaya hat sich eine Laugenbrezel zum Kaffee bestellt. Die mag sie. Ansonsten ist ihre Begeisterung für deutsches Essen wie für deutsches Wetter sehr verhalten. Ausnahme: Kebab. Nicht gerade das, was man unter deutscher Küche verstehen würde. Aber in Japan kaum zu bekommen und wenn, dann nicht so lecker wie in Frankfurt und Offenbach. Das weiß Sugaya, weil sie seit 20 Jahren nicht nur den Dönerläden der Region die Treue hält, sondern vor allem dem Nippon Connection Filmfestival. Ein Zufall hat sie 2006 in das Team der Gästebetreuer geführt, 2005 bis 2009 lebte sie in Frankfurt und Umgebung, der Liebe wegen. Ihre Arbeit in Japan und ihr Engagement für Nippon Connection ergänzen sich: Die vergangenen Jahre hat sie auch beim Tokio International Film Festival in der Gästebetreuung gearbeitet, auch in einer Filmcommission war sie tätig.

Als filmbegeisterte Japanerin war sie prädestiniert, um bei dem heute größten japanischen Filmfestival außerhalb Japans mitzumachen. Im Jahr 2000 wurde es von Studenten der Goethe-Universität um Marion Klomfaß gegründet, die es bis heute leitet; es lebt von Dutzenden Ehrenamtlichen und ein paar Zeitkräften, die das enorme Programm aus Filmen, Kultur und Kulinarik stemmen. Was sich in all den Jahren, in denen Sugaya bei Nippon Connection arbeitet, geändert hat? „Das Festival ist immer größer geworden. Dieses Mal haben wir gut 140 Werke, darunter viele Kurzfilme, und entsprechend mehr Gäste aus Japan. Als ich dazu kam, hatten wir vielleicht 15 Gäste zu betreuen.“ Dieses Jahr werden es gut 200 Filmschaffende sein. Sugaya ist weiter für die Gästebetreuung zuständig, auch in der Übersetzung und Redaktion des Programmhefts arbeitet sie mit. Aber durch die vielen Filme, die sie in den vergangenen Jahren gesehen hat, ist sie Filmfachfrau geworden und freut sich, dass ihre Meinung geschätzt wird.
„Ich komme jedes Jahr“
„Handgemacht“ sei das Festival noch immer, aber nicht mehr so wie seinerzeit auf dem Campus Bockenheim. Heute erstreckt es sich über 13 Veranstaltungsorte, im Zentrum der Mousonturm und die Naxoshalle. Für Sugaya ist Nippon Connection eine Art zweite Heimat. „Ich komme jedes Jahr sechs, sieben Wochen für das Festival nach Frankfurt“, sagt sie. Und wenn man in der Hochphase der Vorbereitung und dann an den eng getakteten Festivaltagen Hunger hat, sind in Deutschland leider keine Konbini zu finden, die japanischen 24-Stunden-Shops. Warum die Deutschen das nicht haben und offenbar nicht einmal vermissen, ist Sugaya ein Rätsel. Also gibt es Laugenbrezel, Kebab und Kaffee. Und viele Fragen zu den Unterschieden zwischen der japanischen und deutschen Gesellschaft.

„Für mich ist es wichtig, zu sehen, wie das deutsche Publikum die Filme wahrnimmt“, sagt Sugaya. „Denn wir haben oft völlig verschiedene Sichtweisen und Wahrnehmungen, aufgrund unserer Persönlichkeiten, aber auch wegen der kulturellen Hintergründe.“ Viele der Filme, nicht nur jene, die unter dem Festivalmotto „Shades of Reality“ laufen, zeigen Facetten der japanischen Gesellschaft, vier Beispiele aus dem Programm hat Sugaya zum Gespräch mitgebracht: neben „New Group“, dessen Hauptdarstellerin Anna Yamada in diesem Jahr den Rising Star Award des Festivals bekommt, auch den Dokumentarfilm „Tetsuyo Turned 104, Living on Her Own“ über die einstige Lehrerin Tetsuyo, die ihren Alltag allein, wenn auch unterstützt von Verwandten, bewältigt. „Es ist sehr typisch für das Leben alter Leute auf dem Land, viele leben dort so, und viele Junge sind in die Städte gezogen. Meine Großmutter lebte auch allein“, sagt Sugaya. Sie ist heute in Tokio ansässig, verbringt aber auch Zeit in ihrer Heimatstadt Fukuoka, an der Nordküste der südwestlichsten Insel, Kyushu.
„Man weiß immer, welches Gefühl das Gegenüber hat“
Dass Japan ein überaltertes Land ist, wissen viele, wie das aussieht, erst recht jenseits der Städte, weiß kaum jemand in Deutschland – der Film eröffnet einen neuen Blick. „Sato and Sato“ wiederum ist ein Spielfilm über ein junges Paar, das einen noch ganz und gar nicht üblichen Rollentausch vollzieht: Sie macht Karriere, er wird Hausmann. Er begeistert Sugaya auch, weil der Film von einer Regisseurin, Chihiro Amano, stammt, die ihren Weg trotz vieler Hürden gemacht hat. „Es gibt sehr wenige Frauen in der japanischen Filmregie. Für viele endet die Karriere, wenn sie heiraten und Mutter werden. Es ist schon etwas besser geworden, aber es bleiben weiter sehr wenige Frauen in der Filmindustrie“, so Sugaya.
Umso mehr imponieren ihr das Comeback Amanos nach „Mrs. Noisy“, der 2020 auf dem Festival lief, und die Themen, die sie verhandelt. „Es ist ein Film mit vielen verschiedenen Nuancen und etwas Pfeffer“, findet sie. Pfeffer hat auch „A Unique Country in Asia“ von Kenji Yamauchi, ein ganz und gar außergewöhnlicher Film, der Politik, Sex und Satire zusammenbringt. Die Hauptfigur ist eine Art japanische „Belle de jour“, die Sexarbeit im eigenen Zuhause zwischen die Pflege des Schwiegervaters und den Haushalt integriert und über den ermordeten Premierminister Shinzō Abe lästert. „Den Film habe ich in einem sehr kleinen Kino in Tokio gesehen. Es ist ein sehr untypischer Film, denn normalerweise reden Japaner weder über Sex noch über Politik. Und auch Meinungen werden in Gesprächen nicht geäußert. Diese Frau erscheint also ziemlich schräg. Und die Leute im Kino haben gelacht, es hat ihnen gefallen. Normalerweise macht japanisches Publikum im Kino keine Geräusche“, sagt Sugaya. Die Deutschen hingegen schon. Mit ihnen zu arbeiten, liebe sie: „Man weiß immer, welches Gefühl das Gegenüber hat, man zeigt, was man mag, und was nicht. Bei Japanern weiß man das nie.“
Filmfestival Nippon Connection, 2. bis 7. Juni in Frankfurt.
