Echte Kunst-Werke: Anselm Kiefer im Atelier Croissy vor zwei Bildern für seine Ausstellung „Die Alchemistinnen“ im Palazzo Reale in Mailand, die noch bis zum 27. September läuft.
31. Mai 2026 · Ein Blick in ein Lebenswerk: Zu Besuch auf Anselm Kiefers Ateliergelände in Südfrankreich.
Die Bilder, die wir hier zeigen, bieten einen Blick auf eines der größten künstlerischen Werke der Welt: auf das von Anselm Kiefer. Fotografiert hat sie Barbara Klemm. Ihre Aufnahmen zeigen die beiden Orte, an denen Kiefers Kunst entsteht. Der Künstler hat diese Produktionsstätten, veritable Kunst-Werke, längst selbst zu Kunstwerken gemacht. Sie tragen ihre Titel „La Ribaute“ und „Croissy“ nach ihren topographischen Namen. Sie sind 700 Kilometer voneinander entfernt – die eine im romantischen Hügelland Okzitaniens, die andere in einem gesichtslosen Gewerbegebiet am Stadtrand von Paris.
Barbara Klemm war an beiden Orten, im vergangenen November. Und auch wir haben beide besucht, Croissy schon vor zehn Jahren, La Ribaute erst viel später, dafür jedoch gleich zweimal. Bei der zweiten Ankunft dort geht die Welt unter. Ein Vormittagsgewitter bricht über die südfranzösische Hügellandschaft oberhalb von Barjac herein: Nachtdunkel, Blitzkaskaden und sintflutartiger Regen. Wir bleiben in den Autos. Eine Viertelstunde biblisch anmutende Elementargewalt, dann klart der Himmel auf. Aufs Schuhwerk muss geachtet werden, denn über die Wege durch La Ribaute strömt noch lange das Wasser. Und es steht in den unterirdischen Gängen und Krypten, so dass vieles unzugänglich bleibt, was wir drei Jahre früher, beim ersten Besuch, noch besichtigen konnten. Doch in den drei Jahren ist in La Ribaute auch vieles dazugekommen – so viel, dass es jetzt an die 100 Bauwerke auf dem Gelände gibt, und was darunter an Verbindungstunneln neu geschaffen wurde, können wir nur ahnen. Es ist, als wäre hier ein unermüdlicher Demiurg am Werk, der nicht nur über die Erde gebietet, die er bebaut und aushöhlt, sondern auch über den Himmel, durch dessen Eingriff der Zutritt zur Gesamtanlage heute beschränkt wird aufs Überirdische. Was mehr als genug ist, denn hier wird eine Schöpfung ausgestellt, die ihresgleichen in der Welt nicht hat.
Anselm Kiefer kaufte das 40 Hektar umfassende Gelände rund um eine frühere Seidenfarm des 19. Jahrhunderts im Jahr 1992 und zog mit seiner Familie aus dem Odenwald hierher. Für anderthalb Jahrzehnte blieb La Ribaute sein Lebensmittelpunkt. Mit einer gewissen Nonchalance bezeichnete er das Areal einfach nur als sein Atelier: das zweifellos größte, das einem einzelnen Künstler zur Verfügung stand. Kiefer verließ es 2007, um nach Paris zu ziehen, wo ein neues Atelier auf ihn wartete: Croissy. Das war zwar an Fläche kleiner als das Gelände von La Ribaute, bot aber dennoch einen neuen Superlativ, denn das war kein Freigelände, sondern eine gigantische Halle von 40.000 Quadratmetern, in der zuvor das berühmte Kaufhaus La Samaritaine sein Warenlager unterhalten hatte.
Und es ist nicht so, dass Kiefer die 400.000 Quadratmeter Freifläche nahe Barjac einfach gegen das zehnfach kleinere und trotzdem noch unvorstellbar riesige Gebäude im Pariser Vorort eingetauscht hätte. Er behielt La Ribaute und baute es weiter aus. Als Kiefer 2011 als erster Künstler überhaupt Vorlesungen am Collège de France hielt, beschloss er deren Reigen mit zwei Exkursionen für seine Hörer: Die erste ging nach Croissy, die zweite nach Barjac. Das war das erste Mal, dass Kiefer Außenstehenden Zutritt zu seiner Welt gewährte, gleich zu beiden Hemisphären. Das ist ein Sonderfall geblieben, denn die Halle in Croissy ist heute immer noch ein für die Öffentlichkeit unzugänglicher Ort, obwohl Kiefers dortiges Atelier mittlerweile durch Zukauf eines Nachbargrundstücks auf mehr als 60.000 Quadratmeter angewachsen ist; dort arbeitet der Künstler an Neuem. Doch auch von La Ribaute spricht Kiefer weiter als Atelier. Hier lässt er heute zwar vor allem lagern: Kunstwerke in allen Formaten, bis zu den zehn Meter hohen Bildern des Paul-Celan-Zirkels, den Kiefer 2021 für seine spektakuläre Ausstellung im Pariser Grand Palais Éphémère angefertigt hatte. Oder die noch größeren Gemälde für den Dogenpalast in Venedig aus dem Jahr 2022. Oder nur unwesentlich kleinere Arbeiten aus der Schau „Sag mir, wo die Blumen sind“, die 2025 in Amsterdam in Stedelijk und Van-Gogh-Museum gezeigt wurden. Aber um solche Bilder aufbewahren zu können, braucht es Bauten, die noch ganz andere Dimensionen bieten als die sanierten alten Produktionsstätten der Seidenfarm, und so sind immer wieder neue Gebäude entstanden: architektonische Rahmen, die aus den Gemälden und Plastiken ortsgebundene Installationen gemacht haben.
Eine hangargroße Halle mit einem Rolltor von zwölf Metern Höhe gibt es mittlerweile auch, denn gelegentlich kommt Kiefer doch noch nach Barjac und arbeitet weiter an den dort gelagerten Bildern. Ein Gemälde im Atelier wird seiner Meinung nach erst fertig, wenn es schließlich außer Haus geht, und damit büßt es seinen Charakter als Kunstwerk ein, wie er ihn versteht: „Wenn das Bild einmal das Atelier verlassen hat, wird es zu etwas anderem. Es ist zum Gegenstand geworden, es ist nicht mehr wahr.“ Das erklärte Kiefer vor 15 Jahren seinen staunenden Studenten bei deren Besuch in Croissy, und die konnten gar nicht fassen, was für eine Fülle an Kunst dort in Arbeit war. Dabei hatten sie den Besuch in Barjac ja noch vor sich, mit damals schon etwa 50 Bauten.
Mittlerweile sind es an die 100, doch nun soll wirklich Schluss sein mit dem Ausbau von La Ribaute. Wir sind gekommen, weil eine Transformation bevorsteht, eine Umwidmung des Geländes zum öffentlichen Ort. Kiefer ist 82 Jahre alt, und er denkt über sein Erbe nach. Sein Wirken als einer der höchstbezahlten lebenden Künstler hat ihm Extravaganzen gestattet, darunter die, ein solches Gelände zu unterhalten. Aber wenn das, was hier entstanden ist – eine höchstpersönliche Inszenierung des größten Einzelbestands an Kiefer-Kunstwerken –, bewahrt werden soll, dann darf die Finanzierung von La Ribaute auf Dauer nicht durch den Verkauf anderer Arbeiten bestritten werden, denn irgendwann wird Kiefer keine mehr schaffen, und müsste man sich dann von Objekten trennen, ginge der Ensemble-Charakter verloren. Also ist das Gelände samt den hier installierten Kunstwerken in eine Stiftung namens Eschaton (nach dem theologischen Begriff für die Endzeit) überführt worden, die den Erhalt als Ganzes sichern soll.
Und den Weiterbetrieb von La Ribaute, dann aber nicht mehr als Atelier, sondern als Ausstellungsobjekt. Schon seit fünf Jahren gibt es dazu eine Art Probebetrieb; seitdem ist La Ribaute für die Öffentlichkeit zugänglich, aber nur an drei Tagen pro Woche in jenen Monaten, die nicht zu wetterunbeständig oder zu heiß sind, und für nicht mehr als 54 Besucher pro Tag, denn ein größerer Zustrom würde Sicherheitsmaßnahmen erfordern, die den Charakter des offenen Areals verändern würden; bislang erfolgen die geführten Rundgänge nur in Gruppen von bis zu 18 Personen. Und natürlich würde eine Ausweitung des Besuchs auch den Künstler stören, wenn der aus Paris auf Stippvisite zum Weiterarbeiten nach Barjac kommt. Als wir das erste Mal dort waren, 2022, hatten wir das Glück, an einem Schließtag eingelassen zu werden, weil Wim Wenders Aufnahmen zu seinem Film „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ machte. Da konnte Kiefer eh nicht ungestört arbeiten. Die Begegnung mit einem solchen Ort ist unvergleichlich. Es gibt nichts Monomanischeres, und doch fühlt man sich willkommen, weil nicht nur die weite Hügellandschaft rundum sich den Blicken öffnet, sondern einem auch dieses private Weltkulturerbe offensteht. Jede neue Wegbiegung, jeder Tunneldurchgang birgt Überraschungen. Wie Perlenketten reihen sich kleine Pavillons für Einzelwerke oder große Glashäuser für Werkgruppen aneinander.
Und nicht selten sind je nach Zutritt die Eindrücke von derselben Installation ganz andere. Kamen wir 2022 unterirdisch in jenen Saal, in dem Kiefer seine atemraubenden „Femmes de la Révolution“ untergebracht hat – 14 Bettgestelle, auf denen aus Blei nachgebildete Bettdecken liegen, in deren Vertiefungen Wasser steht, das Ganze vor einem großen Motiv aus der frühen „Besetzungen“-Bilderserie –, so verändert der zweite Besuch das Wahrnehmungserlebnis fundamental. Denn diesmal geht es nicht durch das gewundene Höhlengangsystem, sondern wir erreichen witterungsbedingt über die Straße die ebenerdige Tür zu einem in den Hang hineingebauten Raum – und stehen plötzlich unerwartet mitten in der Installation. Das beim ersten Mal empfundene Verborgensein weicht nun einer Zugänglichkeit, die aus der zuvor scheinbar klandestinen Hommage des deutschen Künstlers an einen vernachlässigten Aspekt der französischen Geschichte deren offensive Feier macht: ein Werk, zwei Wirkungen. Und auch eine Vorahnung dessen, was mit La Ribaute geschehen könnte, wenn es sich weiter öffnet. Die Besuchstermine, bislang wenige tausend pro Saison, können nur über eine Website gebucht werden und sind meist sofort nach Freischaltung ausgebucht. Mit den Eintrittsgeldern allein – 62 Euro pro Person – ist die Anlage nicht finanzierbar. In der Zukunft wird man sie also anders vermarkten müssen: teurer oder populärer. Ihr Charakter wird sich jedenfalls ändern, wenn aus der Kunstproduktionsstätte eine Kunstausstellung wird, das Atelier zum Museum.
Barbara Klemms Bilder entstanden nach der Besuchersaison. Dass sie überhaupt angefertigt werden konnten, ist ein Privileg, denn Fotografieren ist Besuchern hier untersagt. Vom Copyright der Bildrechte an Kiefers Werken ganz abgesehen, will der Künstler die Profanisierung des ebenso erratischen wie auratischen Ortes verhindern, die er befürchtet, wenn geknipste Ansichten des Geländes die sozialen Medien fluten würden. Es geht dem Künstler um eine Form von Wahrnehmung, die beim Wort genommen werden will – „wahr nehmen“ von Kunst durch Unmittelbarkeit an deren Entstehungsort. Was hatte Kiefer über Kunstwerke gesagt, die das Atelier verlassen? Sie seien nicht mehr wahr. Das gilt auch für deren Ablichtungen.
Doch zu Barbara Klemm besteht ein langjähriges Vertrauensverhältnis unter Künstlern; zumal Kiefer Ende der Sechzigerjahre an der Staatlichen Kunstakademie Karlsruhe bei dem Maler Fritz Klemm studiert hat, dem Vater der Fotografin. Der habe ihn damals, so sagte uns Kiefer einmal, nicht nur Kunst, sondern vor allem die Liebe zur Literatur gelehrt. Nach La Ribaute hat Kiefer immer wieder einmal Kollegen eingeladen, um dort eigene Werke zu schaffen. Zum Teil sind die zurückgeblieben und gehören nun mit zum Parcours durchs Gelände: Arbeiten von Valie Export, Giovanni Anselmo und Monica Bonvicini, von Wolfgang Laib sogar ein ganzer unterirdischer Raum. Von manchen Gastbeiträgen aber kann nur noch erzählt werden, etwa von Laurie Andersons Konzert, das die Performancekünstlerin im „Amphitheater“ gegeben hat, einem wie als Negativform eines kopfstehenden Zikkurats 15 Meter tief in den Boden reichenden Bauwerk aus mit Beton abgeformten Transportcontainern – Kiefer hat jede Ausschachtung, jede Höhle, jedes neue Gebäude auf dem Gelände selbst entworfen und mitausgeführt. Barbara Klemms Fotos sind nun die künstlerische Dokumentation von La Ribaute im Atelierzustand.
Und für sie öffnete Kiefer auch die Halle in Croissy – alle Bilder, die ihn selbst bei der Arbeit zeigen, sind dort entstanden. Dieses Pariser Atelier wird die nächste Herausforderung darstellen, die es für einen Künstler zu meistern gilt, dessen Werk jeden Maßstab sprengt. Weil dazu eben auch die beiden Werk-Stätten von Barjac und Croissy gehören.
