
Die Einrichtungskette Depot hat Insolvenz angemeldet, ebenso der Industrieofenbauer Eliog, die Spedition Betz und die Hotelgruppe Revo: Ein Blick in die Meldungen der vergangenen Wochen zeigt, dass kaum eine Branche mehr vor der wirtschaftlichen Krise gefeit ist. Im vergangenen Jahr meldeten rund 24.000 Unternehmen Insolvenz an, ein Anstieg von zehn Prozent gegenüber 2024. Was an wirtschaftlicher Substanz in Deutschland derzeit verloren geht, geht jedoch weit über diese Zahlen hinaus. Denn insbesondere kleine Betriebe, der Schmuckladen oder das Café von nebenan, sperren oft einfach irgendwann zum letzten Mal die Tür zu. Unter den knapp 200.000 Betriebsschließungen im Jahr 2024 war etwa jede zehnte eine Insolvenz..
Seit einiger Zeit gibt es zudem eine dramatische Verschiebung, sagt Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. „Anfang 2025 waren unter den Insolvenzfällen oft Unternehmen, die schon lange totgesagt waren“, stellt er klar. „Was wir heute beobachten, sind immer mehr Insolvenzen aus dem vollen Geschäft heraus.“ Darunter seien Unternehmen, die eigentlich „weltmarktfähige“ Produkte hätten – aber angesichts steigender Zinsen unter ihrer Schuldenlast zusammenbrechen oder den Rückgang der Nachfrage nicht abfedern können.
Besonders betroffen ist die Automobilbranche, generell ist die Lage für viele energieintensive Betriebe kritisch. So vermeldet etwa Nordrhein-Westfalen besonders viele Insolvenzen, wo traditionell die Industrie- und Baubranche verwurzelt ist. Auch im Dienstleistungssektor sieht es nicht gut aus, was sich an den hohen Insolvenzquoten von großen Städten wie Berlin und Hamburg bemerkbar macht. Dort gibt es viele Restaurants und kleine Geschäfte, denen es derzeit nicht gut geht, und auch die strauchelnde Werbebranche ist in Großstädten zu Hause. In den ostdeutschen Bundesländern wiederum gibt es viele stabile mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe, außerdem wenige Gründungen, wodurch die Insolvenzquoten niedriger sind, wie eine Auswertung von Creditreform zeigt.
Welchen Anteil die Chefs selbst an der Schieflage ihres Betriebs haben, ist nicht immer eindeutig. Eine Umfrage unter Interim-Managern hat ergeben, dass ineffiziente Unternehmensführung durchaus zu den Krisenursachen gehört. Insolvenzverwalter Geiwitz wiederum sieht viele strukturelle Probleme. „Den einen Grund, weshalb die Unternehmen jetzt in die Insolvenz rutschen, den gibt es nicht“, sagt er. Die Möbelbranche etwa bekomme zu spüren, dass sich die Verbraucher während Corona eingedeckt hätten mit neuen Sofas und Tischen und sie jetzt zudem ihr Geld mehr zusammenhielten. Die Autoindustrie leide darunter, dass ihre Produkte sowohl in Deutschland als auch global weniger benötigt würden und neue Wettbewerber, etwa aus China und Osteuropa, den Markt erobern. Im Einzelhandel kommt zu der altbekannten Herausforderung der Billigkonkurrenz aus dem Internet nun die schwache Nachfrage.
Immer öfter sind auch große Unternehmen betroffen. Die Zahl der Insolvenzen von Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz hat 2025 den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht, und bisher zeigt dieses Jahr keine Verbesserung. „Wenn es kracht, dann oft richtig“, sagt Milo Bogaerts, Chef der Kreditversicherung Allianz Trade im deutschsprachigen Raum. Das gilt nicht nur für Deutschland. „Weltweit mussten im vergangenen Jahr 475 große Unternehmen Insolvenz anmelden, das entspricht einer Großinsolvenz alle 18 Stunden“, so Bogaerts. „Deutschland macht etwa ein Fünftel der weltweiten Fälle aus und ist damit einer der Treiber hinter der globalen Dynamik.“
Gleichzeitig wird es immer schwieriger, die Unternehmen durch Sanierung oder Verkauf vor dem endgültigen Niedergang zu bewahren. Eine Analyse der Transformationsberatung Falkensteg hat ergeben: Die Rettungsquote großer Unternehmen mit mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz ist in Deutschland seit 2020 um ein Drittel zurückgegangen: von fast 62 Prozent auf nur noch 44,2 Prozent im Jahr 2024. Von den Unternehmen, die 2025 einen Insolvenzantrag gestellt haben, konnte bisher etwa jedes vierte gerettet werden. Im Laufe dieses Jahres dürfte diese Zahl noch steigen.
Der Rückgang der Rettungsquoten ist kein kurzfristiges Phänomen – denn Investoren sind zunehmend kritisch. „Der Markt für Übernahmen ist praktisch tot“, sagt Insolvenzverwalter Geiwitz. „Wir haben immer mehr Probleme, Käufer zu finden.“ Das bestätigt auch Falkensteg-Berater Jonas Eckardt. Das Verhalten der Investoren habe sich fundamental verändert – statt großer Übernahmen würden heute eher einzelne Geschäftsbereiche verkauft, generell gebe es eine größere Risikoaversion. „Die Zeit der schnellen Schnäppchen ist vorbei“, resümiert Eckardt. Viele Investoren kämpften bereits mit Schwierigkeiten in ihrem eigenen Betrieb oder den Firmen des bestehenden Portfolios. „Bei rund zwei Dritteln der aktuell insolventen Unternehmen fehlt schlichtweg ein funktionierendes Geschäftsmodell, das eine Sanierung ermöglichen würde“, erklärt Eckhardt.
Für die Zahl der Insolvenzen verheißt das nichts Gutes. Die Allianz Trade rechnet für dieses Jahr mit einer weiteren Steigerung und 24.650 Firmenpleiten in Deutschland.
