Es gibt viele Gründe, nach Neapel zu reisen. Da ist das grandiose archäologische Museum, wo wir Orpheus so traurig über den Verlust seiner Eurydike fanden wie nirgends sonst. Da ist der stolze Vesuv und das ausgegrabene Pompeji, wo wir uns daran erinnern, was wir so gerne vergessen, „dass das Leben jeden Moment zu Ende sein kann“, wie Gabriel Zuchtriegel, der Direktor des Archäologischen Parks, uns einschärft. Und da ist die Pizzeria auf der Terrasse des Palazzo Petrucci an der Piazza San Domenico Maggiore, wo man sich einbilden könnte, noch nie eine so grandiose Margherita gegessen zu haben.
Es gibt noch einen weiteren Grund. Neapel ist das Mekka der Graffitikunst. Sagen wir, um nicht zu übertreiben: Neapel ist das europäische Mekka der Street Art. Denn gegen Manhattan oder São Paulo kommt die Stadt am Vesuv dann doch nicht an. Das erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Da sieht man nur, dass es wohl keine Straße in der Altstadt gibt, die nicht in bunten Farben und Formen besprüht oder bemalt ist.
Der neue Kaiser
Dass an vielen Stellen aber Künstler am Werk sind, darauf macht uns Maria Carmen Morese bei einem Spaziergang aufmerksam. Sie ist im nahen Pompeji geboren, lebt nach akademischen Wanderjahren in Deutschland inzwischen wieder in Neapel als Leiterin des Goethe-Instituts. Wenige Schritte vom berühmten Majolikakreuzgang Santa Chiara entfernt in der Via Banchi Nuovi deutet Maria Carmen Morese auf einen in das Mauerwerk eines Hauses eingelassenen römischen Stein, an dem wir achtlos vorbeigegangen wären.

Antike Steine in Häusern kommen im Mittelmeerraum häufig vor, es wimmelt vor antikem Baumaterial. Die Inschrift hier ist schwer zu entziffern, die Buchstaben D…M sind zu erkennen. Das müsste „dis manibus“ heißen, den Totengöttern gewidmet: die klassische römische Grabinschrift, die unseren Stein als Grabstein ausweist. Direkt über dem antiken Stein sieht man ein Porträt eines Mannes, den wir mit Frau Moreses Hilfe als Matteo Salvini identifizieren, den stellvertretenden Ministerpräsidenten Italiens von der rechtspopulistischen Partei Lega.
Der Politiker erscheint in dem Graffito an der Mauer als römische Büste in Form eines klassischen Kaiserporträts, aber eben mit modernem Gesicht. Bei näherer Betrachtung lässt sich darunter der Begriff LINGUA (Zunge/Sprache) entziffern. Salvini wäre dann jemand, der mit Sprache Macht ausübt. Ob das die Intention des anonymen Künstlers war oder nur unser Vorurteil in das Bild hineininterpretiert, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wie alt das Kunstwerk ist; Salvini ist schon seit vielen Jahren ein landesweit bekannter Politiker. Doch dass alle Macht einmal verfällt, wird durch den Kontrast mit dem antiken Grabstein eindrucksvoll ins Bild gesetzt.
Salvini in der Via Banchi Nuovi hat uns auf den Geschmack gebracht. Die häufig mithilfe von Schablonen gemalten Bilder, Stencil-Verfahren genannt, sind nicht einfach irgendwo platziert. Sie gehen eine Beziehung ein zu einer Stadt, die aus vielen historischen Schichten besteht. Auch unter der mittelalterlichen Stadt, durch die wir streifen, verbergen sich in der Tiefe frühere Besiedlungen. Schon vor 5000 Jahren gruben die ersten Bewohner den gelben Vulkantuffstein aus. Später nutzten die Griechen die entstandenen Höhlen als Nekropolen. Die Römer verbanden alles mit Tunneln und Kanälen. Unter den barocken Kirchen liegen griechische Tempel, unter den Häusern Katakomben.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Sigmund Freud hat das Unbewusste der menschlichen Seele mit den Schichtungen einer Stadt verglichen, in der nichts Vergangenes verschwindet – „und alle früheren Entwicklungsphasen noch fortbestehen“. Maria Carmen Morese, unsere kundige Führerin, spricht von „Stratifikation“. Neapel ist geologisch, archäologisch und kulturell eine Stadt der Schichten.
Aber nicht nur vertikal in die Tiefe, sondern auch horizontal ins Stadtbild vernetzen und verweisen uns die Street-Art-Künstler. Längst haben sich die Kunstwissenschaftler damit beschäftigt. Jorit, bürgerlich Ciro Cerullo, ein 1990 geborener Künstler aus der Nähe von Neapel, der berühmt ist für seine hyperrealistischen Porträts („Murals“) an Hausfassaden, malte im Viertel Forcella ein Wandbild mit dem Titel „San Gennaro“. Der ist der berühmteste Heilige und Schutzpatron der Stadt, dessen Blut in der nahe gelegenen Kathedrale aufbewahrt wird. Jorit gab seinem Heiligen 2015 aber nicht die Züge San Gennaros, sondern das Gesicht eines jungen Fabrikarbeiters.
Caravaggio lässt grüßen
Das ist einerseits ein politisches Bekenntnis zur Arbeiterbewegung, lässt sich andererseits künstlerisch als Hommage an Caravaggio deuten, den für Neapel wichtigen Maler des Barocks, der ebenfalls berühmte Figuren mit den Gesichtern einfacher Menschen aus dem Volk darstellte.

Das Renommee und das hohe künstlerische Niveau vieler Werke an den Straßen Neapels lässt einen auf einen Schlag die ganze Stadt selbst wie ein Museum erleben, das seinerseits wieder auf Originalität und Individualität der Werke Wert legt. Quasi die „Mona Lisa“ des „Museums Neapel“ wäre dann Banksys „Madonna mit einer Pistole“: Am christlich-ikonographisch vorgegebenen Platz des Heiligenscheines zeigt Banksys Muttergottes eine Pistole, was allgemein als Zeichen und Kritik einer tiefen Verbindung zwischen Verbrechen und Katholizismus in Neapel gedeutet wird. Diese Madonna ist die einzige dokumentierte und erhaltene Arbeit des weltberühmten Stencil-Künstlers in Neapel. Weil mutmaßlich andere Werke von Banksy zerstört oder übermalt wurden, wird die Madonna seit geraumer Zeit mit einer Glasplatte geschützt. Musealer geht es nicht.
Und dabei haben wir noch gar nicht über den Nationalheiligen der Stadt geredet: Diego Maradona. Den gibt es so oft zu sehen, dass jeder Besucher ihn selbst entdecken kann. Häufig findet sich der Fußballgott in den Bezirken der berüchtigten Gangs („Ultras“) des SSC Napoli, die selbst entscheiden, welche Kunst sie an ihren Häusern dulden oder verbieten. Aber darüber informiert man sich am besten – und sichersten – bei den geführten Touren, die es inzwischen von verschiedenen Anbietern gibt. Wie gesagt, es gibt viele Gründe, nach Neapel zu reisen.

