Einmal hätte ich fast Lemmy Kilmister von Motörhead interviewt, das war in den Nullerjahren, und seine sehr laute, böse und legendäre Band sollte abends ein Konzert in Berlin geben. Im Flur vor Lemmys Zimmer im Hotel Esplanade warteten wir Journalisten, die Tür ging auf, ein Kollege kam raus, ich wäre als Nächstes dran gewesen, die Pressebetreuerin ging hinein – und durch die geöffnete Tür hörte man Lemmys Stimme, heiser wie immer, aber ungewohnt leise und ernst.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dann kam die Betreuerin zurück und sagte, noch leiser und ernster: Es tät ihr leid, es täte vor allem Lemmy leid, aber er fühle sich nicht gut, es würde also nichts. Am Abend davor hatten Motörhead in Spanien gespielt, maximal Alkohol bei maximaler Hitze, das Konzert in Berlin, am Abend meines Interviews, brach die Band dann ab, Lemmy war hinter der Bühne kollabiert.
Was der Rock’n’Roll mit dem Körper zu tun hat
Beim Rock ’n’ Roll ging es von Anfang an um Körper. Und je länger es diese immer noch junge Kunstform gibt, desto älter werden die, die sie geprägt haben – und ihre Körper mit ihnen. Lemmy starb 2015, nur Tage nach seinem 70. Geburtstag. Paul McCartney, für dessen Beatles der junge Lemmy als Roadie gearbeitet hatte, konnte in dieser Woche sein neuestes Album rausbringen, mit 83 Jahren. Ringo Starr, der zweitletzte lebende der vier Beatles, singt auf „The Boys of Dungeon Lane“ auch mit.

Und dann sind da natürlich die Rolling Stones, deren neues Album am 10. Juli erscheinen wird: Noch weiß man nicht, wie es sein wird, dass es aber um den Titel des hässlichsten Covers des Jahres mitspielt, kann man jetzt schon sagen: eine illustrierte Collage aus den Gesichtern der verbliebenden Stones, ein Drittel Keith Richards, eins Ron Wood und eins, die Lippen natürlich, Mick Jagger. „Foreign Tongues“, heißt die Platte, „Klebefleisch“ hätte aber auch ganz gut gepasst.
Und um klebendes Fleisch geht es auch im Video zu ihrer ersten Single, „In the Stars“, in dem Frauen tanzen, die sechzig Jahre jünger als Mick, Ron und Keith sind – die wiederum per KI verjüngt wurden. Immer andere, jüngere Menschen nehmen nach und nach den künstlichen Stones ihre Instrumente ab, andere, jüngere tanzen dazu, ein diverses Wunschpublikum für eine Band, die, heißt es, hier wirklich die letzte Platte ihrer langen Karriere aufgenommen haben könnte. Und die offenbar hofft, damit nicht nur ihre Getreuen zu erreichen, die seit „Satisfaction“ dabei sind.
Seltsam anzuschauen, aber weil es so sentimental ist, nervt es nicht so sehr. Auch McCartney schaut in seinen neuen Songs auf den Jungen zurück, der er mal war. Das Verbrechen der Woche bleibt wie jede Woche, dass das Leben nicht unendlich ist.
