Wer nach einer Verbindung zwischen Jake Paul und boxenden Frauen sucht, wird schnell auf Youtube fündig. Auf dem Kanal des berühmten Influencers wurde beispielsweise bereits 2019 ein Video mit folgendem Titel hochgeladen: „HOT GIRL BOXING MATCH!!“. Der Clip zeigt, wie zwei junge Frauen ohne Kampfsporterfahrung in einer Luxusvilla mit Boxhandschuhen aufeinander losgehen – unter dem Gejohle eines mehrheitlich jungen und männlichen Publikums. Mittendrin bei diesem bizarren „Kampf“, der mutmaßlich chauvinistische Gelüste stillen soll: ein damals 22 Jahre alter Paul, der genüsslich den Ringrichter mimt.
Was damals noch kaum absehbar war: In nur wenigen Jahren wird sich der selbst ernannte „Witzbold“ mit einer kontroversen Vergangenheit, von Rassismusvorwürfen bis hin zu Anschuldigungen sexualisierter Gewalt, zu einem der wichtigsten Förderer professioneller Boxerinnen etablieren. Als Promoter hat der Amerikaner nun für den Streamingdienstriesen ESPN eine hochkarätige Fightcard aus den besten Kämpferinnen der Welt auf die Beine gestellt, die am Samstag gegeneinander antreten werden. Ist das nun ein Wandel vom Saulus zum Paulus?
Unbestritten ist Pauls Leidenschaft für den Boxsport, den er vor wenigen Jahren noch dafür einsetzte, um medienwirksam Streitigkeiten mit anderen Influencern im Ring zu begleichen. Die Kämpfe waren wenig mehr als publikumswirksame Schlägereien ohne sportlichen Mehrwert. Doch Pauls Ambitionen gingen weiter; er wollte auch als seriöser Boxer anerkannt und respektiert werden. Und da passierte es.
Dankbarkeit für die Plattform
Im Januar 2020 gab Paul sein Debüt als Profiboxer, während am selben Abend vor ihm Amanda Serrano kämpfte (48 Siege, vier Niederlagen). Die Puerto Ricanerin zählt zu den besten Boxerinnen in der Geschichte des Sports und hält den Rekord für die meisten Titel (neun in sieben verschiedenen Gewichtsklassen).

Das Potential der charismatischen Kämpferin in und außerhalb des Rings beeindruckte Paul dermaßen, dass er beschloss, sie innerhalb seiner eigenen Organisation Most Valuable Promotions (MVP) zu fördern. Und dafür setzte Paul das ein, was ihm noch näher liegt als der Boxsport – seinen Einfluss in der Medienbranche. Werbeverträge und Deals mit bedeutenden Streamingplattformen wie Netflix und ESPN folgten.
„Eine meiner größten Errungenschaften war es, Amanda Serrano dabei zu helfen, sich von einer Boxerin, die in Hinterhofkämpfen 500 Dollar verdiente, zu einer der besten Boxerinnen aller Zeiten zu entwickeln – und sie zur größten Boxerin aller Zeiten im Frauenboxen und zur Multimillionärin zu machen“, sagte Paul gegenüber amerikanischen Medien. „Sie fand keinerlei Anerkennung, und wir haben sie bekannt gemacht.“
Höhere Prämien, Kämpfe in den berühmtesten Austragungsorten der Welt und vor allem mehr Sichtbarkeit waren das Ergebnis. Dass Paul dabei nicht nur altruistische Motive verfolgte, sondern als Promoter kräftig mitverdiente, steht außer Zweifel. Dessen ungeachtet zeigte sich Serrano weiterhin dem Geschäftsmann gegenüber dankbar über die verbesserte Lage im Sport. „Jake Paul und MVP haben den Sport des Frauenboxens für immer verändert“, sagte die 37-Jährige, die 2022 als erste Boxerin einen Hauptkampf im Madison Square Garden bestritt und auch am Samstag um den Titel im Federgewicht antreten wird – diesmal gegen ein Talent aus Deutschland: Cheyenne Hanson.
„Ich gehe dahin, um zu gewinnen“
Auch die Augsburgerin (17 Siege, zwei Niederlagen) ist für die Plattform dankbar, die sich ihr bietet: „Ich denke, ich habe mir im Boxsport bereits einen ganz guten Namen gemacht, aber ich finde es schade: Deutschland war mal eine Boxnation, und für uns Frauen fehlt die Rückendeckung“, sagt die 28-Jährige. In England und den USA sei die Popularität mittlerweile anders – vor allem, weil man, wie im Falle von Paul, sich getraut habe, Boxerinnen zu fördern: „Ja, such dir einfach einen normalen Job. Davon wirst du doch nie leben können. Gerade als Frau sind das Sätze, die man öfter hört, weil es für uns grundsätzlich schwieriger ist in diesem Sport“, sagt Hanson. „Gerade deswegen ist es wichtig, was Jake da auf die Beine gestellt hat.“
Dass sich Investitionen lohnen würden, sehe man ja schließlich auch anderswo: „Das ist so eine Sache wie mit dem Frauenfußball zum Beispiel. Es ist nicht so, dass es die Leute nicht interessiert, aber wenn man keine Plattform bietet, dann ändert sich nichts.“
Von ihrem Wert im Ring will Hanson die Welt nun im Kampf gegen Serrano am Samstag überzeugen. Von dem Star-Status ihrer fast zehn Jahre älteren Gegnerin lässt sich die Deutsche nicht einschüchtern: „Ich gehe dahin, um zu gewinnen, und natürlich werde ich den Knock-out suchen. Ich weiß auch, dass ich stark bin“, sagt sie. „Und ich glaube, das wird ein geiler Kampf, und ich werde es ihr auf gar keinen Fall einfach machen.“
Wie sehenswert das sein kann, bewies vor allem Serrano vor einem Jahr, als zu ihrem dritten Kampf gegen die Irin Katie Taylor sechs Millionen Interessenten eingeschaltet haben. Das freute nicht nur sie: Auch für Jake Paul dürften sich die Investitionen gelohnt haben.
