
Im vergangenen Jahr verunglückten mehr als 1500 Menschen in Hessen mit einem E-Scooter. Ein Anstieg von 39,2 Prozent gegenüber 2024. Mehr als 1000 Menschen wurden verletzt, fünf starben. Vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind von dieser „besorgniserregenden Entwicklung“ betroffen, weist die Verkehrsunfallbilanz 2025 des hessischen Innenministeriums aus. In diesen Altersgruppen bis 24 Jahre wurden 780 Unfälle gezählt.
Anbieter von E-Scootern haben darauf reagiert und bieten digitale Präventionsmaßnahmen in ihren Buchungs-Apps an – zum Beispiel Reaktionstests vor der Freischaltung der Fahrzeuge. Nutzer müssen dabei vor Fahrtbeginn Aufgaben lösen, etwa bewegte Symbole antippen oder visuelle Reize richtig zuordnen. Die Maßnahmen sollen Fahrten unter Alkohol- und Drogeneinfluss verhindern.
Reaktionstests am späten Abend sollen Unfälle verhindern
Die Stadt verlangt von E-Scooter-Anbietern in der aktuellen Sondernutzungserlaubnis, dass sie von Donnerstag bis Sonntag zwischen 18 Uhr und 6 Uhr des Folgetages „technische oder softwareseitige Maßnahmen zum Vorbeugen vor Fahrten unter Alkohol- und Drogeneinfluss ergreifen“, teilt die Sprecherin des Verkehrsdezernats mit. Falls die Stadt es anweise, müssten diese Maßnahmen „im Zusammenhang von Veranstaltungen auch gebietsbezogen zu anderen Wochentagen und Uhrzeiten“ angeboten werden.
Voi hat mehr als 3500 Fahrten durch Reaktionstests verhindert
Der Anbieter Voi setzt einen solchen Test nach eigenen Angaben bereits seit 2020 ein. Insbesondere in den Nachstunden würden erfahrungsgemäß besonders viele Fahrten nach Restaurant-, Bar- oder Clubbesuchen gebucht. In den vergangenen drei Monaten seien in Frankfurt mehr als 3500 Fahrten verhindert worden, weil Nutzer den Test nicht bestanden hätten, teilt das Unternehmen mit. Auch E-Scooter-Verleiher Bolt verweist auf Präventionsmaßnahmen. Nutzer müssten vor der ersten Fahrt eine Sicherheitsschulung absolvieren. Zudem gelte für die ersten fünf Fahrten eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 15 Kilometern pro Stunde. In den Nachtstunden würden Reaktionstests eingesetzt. Auffällige Konten könnten gesperrt werden.
Ob diese Maßnahmen zu mehr Sicherheit beitragen, lässt sich nicht immer belegen. Die Reaktionstests des norwegischen Anbieters Ryde seien „wissenschaftlich fundiert“, so ein Sprecher des Unternehmens. Das würden auch die stark regulierten skandinavischen Märkte erfordern. In Oslo würden beispielsweise E-Scooter auf Radwegen automatisch auf acht Kilometer pro Stunde heruntergebremst, nachts bestehe dort ein generelles Fahrverbot für die elektrischen Roller. Sicherheit habe für das Unternehmen oberste Priorität. In deutschen Städten, so auch in Frankfurt, würden dagegen die Regelungen nur mangelhaft kontrolliert, so der Sprecher.
Verkehrsdezernat mit begrenzten Handlungsmöglichkeiten
Im Verkehrsdezernat verweist man auf begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Die Gründe für E-Scooter-Unfälle ließen sich nicht pauschal auf alle Nutzer übertragen, so die Sprecherin des Dezernats. Häufig spielten Alkohol und Drogen eine Rolle. Verstärkte Kontrollen und eine bessere Aufgabenverteilung zwischen Behörden und Verkehrspolizei sollen künftig für mehr Sicherheit sorgen. Zu möglichen Nachtfahrverboten oder allgemeinen Geschwindigkeitsbegrenzungen äußerte sich das Dezernat bislang nicht.
Auch die Polizei Frankfurt beobachtet die Entwicklungen mit Sorge. Im Stadtgebiet stieg die Zahl der E-Scooter-Unfälle von 333 im Jahr 2023 auf 413 im Jahr 2024. Die Tendenz für 2025 sei weiter steigend. Im Jahr 2024 waren Fahrer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren für ein Viertel aller Unfälle verantwortlich, davon 17 unter Alkohol- und Drogeneinfluss.
Die Polizei setzt nach eigenen Angaben auf ein Konzept der „drei E“: Engineering, Education und Enforcement. Hinter den englischen Begriffen verbergen sich digitale Sperrzonen für falsch abgestellte Roller, Präventionsstände mit Informationsmaterial sowie Verkehrskontrollen mit Alkohol- und Drogentests. Beamte kontrollieren dabei gezielt Fahrer von Elektrokleinstfahrzeugen.
Ob Reaktionstests und Hinweise in den Apps langfristig zu weniger Unfällen führen, bleibt offen. Auch die Anbieter formulieren das zurückhaltend. Verkehrssicherheit hänge von vielen Faktoren ab, schreibt Lime, dazu zählten Infrastruktur, Aufklärung, Fahrzeugtechnik und das Verhalten der Verkehrsteilnehmer. Die Tests könnten lediglich „einen Moment des Innehaltens“ schaffen. Damit bleibt die Verantwortung letztlich beim Fahrer selbst. Denn auch wenn E-Scooter vielerorts längst zum Stadtbild gehören, erinnern die Zahlen der Unfallstatistik daran, dass sie kein harmloses Freizeitgerät sind.
