Die französische Schriftstellerin Anne Berest hat es zu ihrer Sache gemacht, die Geschichten ihrer Familie zu erzählen. Sie hat, gemeinsam mit ihrer Schwester, ein Buch über ihre Urgroßmutter Gabriële Buffet-Picabia geschrieben, die im Paris des frühen 20. Jahrhunderts eine einflussreiche Figur der Dada-Bewegung war. Ein paar Jahre später folgte der Roman „Die Postkarte“, der das Schicksal des jüdischen Familienzweigs aufrollte. Einzig Berests Großmutter Myriam hatte den Holocaust überlebt, die anderen Verwandten starben in den Konzentrationslagern der Nazis. Als Jahrzehnte später eine Postkarte mit den Namen der Toten im Briefkasten liegt, kommt lange Weggesperrtes ans Licht. Wer hat die Karte geschickt? Aus ihrer Recherche machte Berest eine Detektivgeschichte in die Vergangenheit.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Erklärtermaßen interessiert sich die Autorin für die Idee des Stammbaums und für Transgenealogie: die Frage also, wie Erfahrungen, Emotionen und Verhaltensmuster von einer Generation an die nachfolgenden weitergegeben werden. Welche Gespenster treten ans Licht, wenn man genau hinschaut? Zum neuen Buch „Vatertage“ lässt sich sagen: Die meisten bleiben im Dunkeln.
Eine Bildungsgeschichte aus der Bretagne
Nahm Anne Berest bisher die Vorfahren ihrer Mutter in den Blick, zeichnet sie nun die Wege ihres Vaters und seiner Vorväter nach. Zugleich handelt der Roman vom Finistère, jenem westlichen Teil der Bretagne, aus der diese Männer stammen. Glaubt man dem Klischee, so sind die Menschen dort hart arbeitend und wortkarg. Es ist eine windzerzauste Region, der äußerste Zipfel Frankreichs: „Weiter ging es nicht. Danach kam Amerika.“

Dort haben die Berests sich einen Namen gemacht, vom Urgroßvater Eugène, der eine Bauerngenossenschaft gründete, über dessen Sohn, der ebenfalls Eugène hieß und zum Bürgermeister von Brest aufstieg. Anne Berests Vater Pierre schließlich ist der Erste, der die Heimat dauerhaft Richtung Paris verlässt. Er geht an die Elite-Universität Polytechnique und wird ein angesehener Wissenschaftler. Man könnte es eine klassische Bildungsgeschichte nennen, ein Leben des 20. Jahrhunderts.
Eine unkonventionelle Familie, ein schweigender Vater
Berest erzählt in kurzen, episodischen Abrissen, erst relativ spät wird das Ziel des Buchs offenbar: Sie will dem kühlen Verhältnis zwischen Vater und Tochter auf den Grund gehen. Seine Krebserkrankung erhöht den Zeitdruck des Projekts. „Mein ganzes Leben lang habe ich in meinem Vater ein Rätsel gesehen“, resümiert sie, und es ist natürlich ein beliebter Kniff, sich dem, was man entschlüsseln will, im Schreiben zu nähern.
Man erfährt, dass dieser Mann als Mathematiker über das Phänomen der Bifurkation forscht, einer plötzlichen Veränderung in Systemen. Dass er sich als Student den Trotzkisten anschloss und dann Jahrzehnte lang ablehnte, darüber zu sprechen. Man erfährt, wie er seine Frau kennenlernte, die Linguistin Lélia Picabia, die an der Reformuniversität im Bois de Vincennes lehrte. Im Einklang mit ihren Idealen sollte das gemeinsame Zuhause keiner bürgerlichen Ordnung folgen, sondern eine kleine familiäre Zelle sein.
Das alles könnte eine interessante Erzählung ergeben. Doch „Vatertage“ wirkt seltsam eindimensional. Man kann sich vorstellen, wie kompliziert es ist, über die Verwandtschaft zu schreiben, wie unbequem das Stochern „in den alten Geschichten“, wie es an einer Stelle heißt. Man spürt Berests Ehrfurcht vor der viel beschriebenen Unkonventionalität der Eltern. Doch nahe kommt man den Protagonisten so nicht. Hinzu kommt, dass der Vater ein engagierter Schweiger ist und derart in sich gekehrt, dass seine Frau manchmal wie eine Dolmetscherin agiert. Vor allem aber vermeidet es die Autorin, selbst die Oberfläche zu durchdringen. Warum fühlt sie sich außen vor? Warum zieht es sie als Erwachsene zu Mode und Glamour, in eine Welt, die man zu Hause missbilligt? Das Schweigen wird zum Leitthema, das attestiert, aber nicht ergründet wird.
„Die Postkarte“ funktionierte als Buch so gut, weil sie die Tragik der Familiengeschichte mit der Tragweite der Geschichte verband. Und das historische Trauma in Verbindung zu aktuellem Antisemitismus setzte. Es war auch schlicht spannend. „Vatertage“ fehlt das Allgemeingültige und die Introspektion. So bleibt es anekdotisch.
Anne Berest, „Vatertage“. Roman. Aus dem Französischen von Michaela Meßner und Amelie Thoma. Berlin Verlag, 448 Seiten, 25 Euro.
