Die Schalter für die zusätzlichen Register sind schon am Spielschrank angebracht. Doch der Großteil der 588 Pfeifen hat noch nicht den Weg auf die Windladen gefunden: An die Emporenwand gelehnt oder auf Tischen aufgereiht und mit blauen Tüchern vor Schmutz geschützt, warten sie auf den Einbau in das neue Eisenhardt-Werk der großen Orgel in der Katharinenkirche. Die neben den Instrumenten im Dom und der Alten Oper bedeutendste Konzertorgel Frankfurts bekommt dank des Vermächtnisses eines orgelbegeisterten Bürgers zehn zusätzliche Stimmen. Register, die vor allem dazu dienen sollen, Musik der deutschen Romantik etwa von Reger oder Liszt stilgerecht aufzuführen.
Eigentlich sollte das Eisenhardt-Werk in diesen Tagen fertig werden. Doch der Intonateur, der das Klangbild des Instruments maßgeblich mitgestaltet, ist erkrankt. Bis alle Pfeifen an Ort und Stelle sind, wird es nach Schätzung von Martin Lücker, dem Senior-Organisten der Katharinenkirche, noch bis Mitte Juli dauern. Gebaut wird das neue Teilwerk von der österreichischen Firma Rieger, die 1990 die Hauptorgel errichtet hat.

Lücker ist bis heute von dieser Orgel begeistert. Er hält sie für „eines der vollkommensten modernen Instrumente, die es gibt“. Warum dann die Erweiterung? Das hat mit einer anderen Orgel zu tun – jener im Merseburger Dom. Sie stammt in wesentlichen Teilen aus dem Jahr 1855; Franz Liszt hat eigens für sie seine „Fantasie und Fuge über B-A-C-H“ geschrieben. Anders als die meisten westdeutschen Orgeln aus dieser Epoche, die im Krieg zerstört oder später dem Zeitgeschmack angepasst wurden, hat sie sich ihren romantischen Charakter bewahrt.
„Das möchte ich auch haben“, sagte sich Lücker beim Spiel auf den Merseburger Registern, die eine Vielzahl besonders zarter Klangfarben umfassen. Dass sein Wunsch nun in Erfüllung geht, ist Stefan Eisenhardt zu verdanken, einem 2022 gestorbenen Frankfurter Patentanwalt. Er war über viele Jahre treuer Besucher von Lückers Konzertreihe „30 Minuten Orgelmusik“. Nach Eisenhardts Tod erfuhr Lücker zu seiner Überraschung, dass der Musikfreund eine hohe sechsstellige Summe hinterlassen hatte, gebunden an den Zweck, damit vornehmlich die Orgelmusik in St. Katharinen zu fördern.

Dies ermöglicht nun den Anbau des Werks, das den Namen seines Finanziers trägt. Die zusätzlichen Register stehen auf der Rückseite der Orgel in zwei Schwellkästen, die mit Jalousien versehen sind. Mit einem Pedal können sie vom Spielschrank aus bewegt werden, um die Lautstärke noch feiner zu regulieren. Das Werk umfasst Stimmen mit sanftem Flöten-, Streicher- oder Zungenklang wie Lieblich Gedeckt, Echo-Gambe und Vox humana. Zusätzliche laute Register hätte die Katharinen-Orgel auch nicht gebraucht: Bei einem Konzert wurden laut Deniz Rehbein, Geschäftsführer des Orgelmusikfonds St. Katharinen, schon einmal 120 Dezibel gemessen.

Verbunden wurde der Ausbau mit der fälligen Reinigung der Orgel und einer Modernisierung der Setzeranlage, mit der Register-Einstellungen programmiert werden können. Hinzu kam eine dynamische Steuerung, um Register in nicht vollständig gezogener Position fixieren zu können. Das ermöglicht Spezialeffekte, wie sie von manchen modernen Komponisten verlangt werden.
Ungefähr 400.000 Euro kosten das zusätzliche Werk und die neue Technik, die aus dem Eisenhardt-Erbe bezahlt werden. Dass die mehr als 4200 Pfeifen der großen Orgel den Kirchenraum mit ihrem Klang nun umso eindrucksvoller füllen, davon können sich Musikliebhaber in den nächsten Wochen bei mehreren Konzerten überzeugen. Und auch wenn das Eisenhardt-Werk noch nicht komplett ist: Organist Lücker hat vor, zumindest jene Register ertönen zu lassen, die schon an ihrem Platz in den Schwellkästen sind.
Informationen über Konzerte und Führungen gibt es unter stk-musik.de.
