Für 2026 erwartete Andrea Nahles „Licht und Schatten“. Das prognostizierte die Chefin der Bundesarbeitsagentur (BA) im Januar. Mit einer Besserung sei Mitte des Jahres zu rechnen, ergänzte sie. Nun ist klar: Das „Licht“ lässt weiter auf sich warten. Am Arbeitsmarkt kann von einer Trendwende nicht die Rede sein, auch wenn der Mai auf den ersten Blick Anlass zur Hoffnung gibt.
Die Arbeitslosenzahl ist unter die Schwelle von drei Millionen gesunken. Konkret weist die BA im aktuellen Monatsbericht für den Mai einen Rückgang um 58.000 Menschen auf nun 2,95 Millionen Arbeitslose aus. „Für einen Mai ein ganz ordentlicher Rückgang“, kommentiert Nahles auf der Pressekonferenz. Rechnet man saisonale Muster heraus, waren im vergangenen Monat 12.000 Personen weniger ohne Arbeit als noch im April. Auch die Arbeitslosenquote sank leicht um 0,1 auf 6,3 Prozent.
Das lässt sich insgesamt aber wohl eher als Erholung für einen überaus schwachen April deuten. Denn da hatte sich die Arbeitslosigkeit unterm Strich um 20.000 Menschen erhöht – entgegen den Erwartungen. Auch die BA liest die Zahlen vom Mai daher nicht als „Trendumkehr“, sondern als „Gegeneffekt“. Etwas klarer wird das Bild auch mit einem Jahresvergleich. So wurden im vergangenen Monat 31.000 Arbeitslose mehr gezählt als 2025 zum gleichen Zeitpunkt.
Dass die Zeichen am Arbeitsmarkt keineswegs auf Entspannung stehen, zeigt auch ein genauerer Blick in die Arbeitslosenversicherung. 1,073 Millionen Menschen nahmen im Mai 2026 Arbeitslosengeld in Anspruch. Das waren dem Bericht zufolge 113.000 mehr als im Vorjahr. Je Monat gingen 15.000 Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verloren, erklärte Nahles auf Nachfrage. „Das sind Leute, die kommen direkt aus der Arbeit, die haben vielleicht jahrzehntelang gearbeitet und werden jetzt arbeitslos.“ Seit vielen Monaten sehe man deshalb eine Zunahme der Arbeitslosigkeit in der Arbeitslosenversicherung.
Unternehmen schreiben sehr wenig Stellen aus
Demgegenüber ist die Zahl der Menschen in der Grundsicherung deutlich zurückgegangen. In ihrer Hochrechnung für den Mai zählt die BA 103.000 Bürgergeldberechtigte weniger als noch 2025 zur selben Zeit. Das liege auch daran, dass die Bemühungen, Menschen mit Migrationshintergrund in Arbeit zu bringen, Früchte tragen, sagte die Behördenchefin. Es gelinge der BA besser als noch vor zwei oder drei Jahren, Ukrainer und Menschen aus den acht wichtigsten Herkunftsländern in Arbeit zu vermitteln. „Das ist nicht selbstverständlich“, ergänzte Nahles, „da die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes weiterhin nicht gut ist.“

Wie es um die Einstellungsbereitschaft deutscher Unternehmen steht, lässt sich in den Stellenausschreibungen ablesen, die bei der Arbeitsagentur eingehen. Im Mai waren 643.000 Arbeitsstellen gemeldet, also immerhin 8000 mehr als im Vorjahr. Die Arbeitskräftenachfrage habe sich damit zwar stabilisiert, aber auf einem niedrigen Niveau. Auch im langjährigen Vergleich würden Unternehmen sehr wenige neue Stellen ausschreiben.
In manchen Branchen allerdings sucht man dennoch händeringend Personal. Das zeigt die neue Engpass-Analyse der Arbeitsagentur. Einmal im Jahr veröffentlicht sie einen Überblick, in welchen Bereichen Unternehmen stark nach Mitarbeitern suchen. Das traf 2025 auf 157 Berufe zu, 2024 waren es noch 163. Besonders gefragt sind immer noch Fachkräfte, also Personal in klassischen Ausbildungsberufen wie Pflege oder dem Handwerk. Über die Hälfte der Mangelberufe findet sich in diesen Bereichen.
Nahles betonte, dass der Mangel an Fachkräften ohne Migration auf dem Arbeitsmarkt weitaus gravierender ausfallen würde. Als Beispiel nannte sie die Pflege. Von Juni 2024 bis Juni 2025 sei die Zahl der Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit in der Pflege um 5000 Personen zurückgegangen. Die Zahl der beschäftigten Ausländer habe in diesem Zeitraum hingegen um 46.000 zugenommen. „Ohne Zuwanderung wären viele Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser vermutlich kaum noch in der Lage, den Betrieb aufrechtzuerhalten“, schloss Nahles. In vielen Berufen sei das Bild ähnlich.
Schon länger schlägt sich die Alterung der Deutschen auch konkret in den Arbeitsmarktdaten nieder. Die letzten Zahlen zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung reichen bis März. Die BA konstatiert dafür einen Rückgang zum Vorjahr von 75.000 Menschen. „Auch bei Berufskraftfahrern, Köchen und Elektrikern schlägt der demographische Wandel zu“, sagte Nahles am Freitag. „Die Zahl der Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit sinkt auch hier.“
In akademischen Berufen gibt es nur in wenigen Bereichen Mangel an Personal. Von den 157 Engpassberufen entfallen lediglich 25 auf „Experten“, also Berufe mit einem langjährigen Studium. Besonders gesucht sind derzeit Vermessungstechniker, Sozialarbeiter und -pädagogen, in vielen Fachrichtungen auch Ärzte. Im IT-Vertrieb und für Softwareentwickler konnte die BA keinen Engpass mehr feststellen, im Vorjahr war das noch anders.
