
Wer Musik geschaffen hat, zu der fast jeder Deutsche eine persönliche Geschichte erzählen kann, hat am Ende der eigenen Karriere wohl fast alles erreicht. Öffentlichkeitswirksame Anekdoten wie aus dem Sommer 2014: Mario Götze hat jenes Tor der Geschichtsbücher geschossen, auf der Afterparty feiert Miro Klose mit Popstar Rihanna – und im Hintergrund läuft „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen. Oder ganz persönliche Erinnerungen: eine verqualmte Studentenparty, wo „Bonnie & Clyde“ um drei Uhr noch bravourös performt wird.
Ein letztes Album zu schreiben, das ist mit diesem melancholischen Ballast im Hinterkopf keine leichte Aufgabe. Doch wer die ersten Songs des 16. Studioalbums in 44 Jahren Bandgeschichte hört, nimmt keine Nostalgie wahr. Laut und schnell, Hosen-Sound im besten Sinne, sind die ersten Tracks. Die „Show muss weitergehen“ heißt ein bereits zuvor veröffentlichtes Lied oder „Wir waren nie weg“. Die Lyrics schließen mit „Wir gehen nie weg“, und von der Abschiedskulisse, per Dokumentarfilm der ARD öffentlichkeitswirksam aufgebauscht, bleibt da erst mal wenig übrig. Mehr als musikalische wie sozialkritische Kontinuitätslinie denn als Abschluss wirkt auch „schlechte Nachbarn“.
Mit der neuen Bundesrepublik arrangiert
Aber dann wird es doch melancholisch: eine Hommage an das Punkrockerleben in der „Modestadt Düsseldorf“, eine Liebeserklärung an Zivilcourage. Viele Songs sind dem Rechtsruck der Gesellschaft gewidmet. Der Muff, gegen den die „Opel-Gang“ einst anschrieb, ist zurückgekehrt. In all dem wird klar, wie sehr sich die Toten Hosen mit der neuen Bundesrepublik arrangiert hatten. Der lange Marsch durch die musikalischen Institutionen hatte nicht nur viele Alben abgeworfen, sondern seinen Teil zur Liberalisierung der Bundesrepublik beigetragen. Jetzt werden nicht nur die Knie schwer, sondern einst erkämpfte Errungenschaften stehen wieder zur Disposition. Dass nicht nur für die Fans, sondern auch für die Band selbst ein melancholischer Schleier über allem schwebt, macht das neue Album deswegen so besonders.
Der Abschied wird erst im 15. Song wirklich unabwendbar, wenn es schließlich heißt: „Trink aus! Wir müssen gehen, waren eh schon viel zu lange unterwegs.“ Bleibt zuletzt die Frage, welches Getränk aus der Anweisung eigentlich folgen sollte. Ein Feierabendbier im Eigenheim für die mittlerweile verbürgerlichten Fans erster Stunde? Oder doch ein Sekt zum Anstoßen auf das letzte Album der Lieblingsband vieler Deutscher? Einst sangen die Hosen „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“, heute dürften sie und viele ihrer Fans zum Radler greifen. Auch das könnte Anlass zur Melancholie sein.
