
Ein kleines Gedankenexperiment: Nehmen wir an, Anfang 2025 hätte uns ein allwissender Prophet erzählt, wie die Welt siebzehn Monate später aussehen wird. Der neue US-Präsident wird sich als noch unberechenbarer und skrupelloser erweisen als ohnehin erwartet, Freund und Feind werden mit atemberaubenden Zöllen überzogen, er wird ohne größere Not einen Krieg vom Zaun brechen und eine der ältesten Demokratien ins Wanken bringen. Der Ölpreis wird durch die Decke knallen, die NATO mehr und mehr ihre größte Stütze verlieren, der Krieg in der Ukraine weitergehen und Putins Drohungen immer schriller werden. Hierzulande schließlich wird man sich bestenfalls in Reförmchen üben, aber nicht in einem großen Wurf. Deutschland lahmt an allen Fronten. China nutzt seine Macht immer mehr.
Und dann, Teil zwei des Experiments, wäre die Frage gestellt worden, ob der Dax, gemessen an seinem damaligen Niveau von rund 20.000 Punkten, heute rund 5000 Punkte höher oder tiefer stehen würde. Ich wette, dass sich die große Mehrheit für die zweitgenannte Variante entschieden hätte – mich eingeschlossen. Wie wir wissen, trat exakt das glatte Gegenteil ein. Der Dax steht derzeit rund 5000 Punkte höher als zum Jahreswechsel 2024/2025. Wie ist das zu erklären? Eine Antwort will ich mir weitgehend versagen. Fundamentales ist nicht mein Spezialgebiet.
Was man aus dieser Beobachtung aber auf jeden Fall schlussfolgern muss: Der Dax zeichnet sich durch eine absolut extreme, bis an die Grenze des gerade noch Vorstellbaren reichende Robustheit aus. Er ist zu einem Markt geworden, der zwar nicht alles und jedes sofort wegsteckt, aber der sich selbst vom größten Unbill nicht nachhaltig beeindrucken lässt. In acht von zehn Fällen muss man sich um solche Charts keine großen Sorgen machen. Die Aktien sind, mit Kostolany gesprochen, in starken Händen.
MACD-Indikator mit frischem „Steigt“-Signal
Die aktuelle Technik unterstreicht diese Lagebeurteilung. Insbesondere das jüngst entstandene „Steigt“-Signal des mittelfristigen MACD-Indikators sticht heraus. Im gegebenen Kontext extremer Robustheit muss seine Güte als überdurchschnittlich hoch bewertet werden.
Was auch auffällt: Lässt man den in diesem Chart ziemlich überschaubar wirkenden Kursrutsch zu Beginn des Irankrieges außen vor, dann pendelte der Dax seit einem Jahr eher langweilig zwischen rund 23.000 und 25.500 Punkten hin und her. Dieser Seitwärtsentwicklung war ein dynamischer Anstieg seit Mai 2022 vorausgegangen. Genau aus diesem Muster sind Haussen gestrickt. Es geht dynamisch bis spektakulär aufwärts und anschließend unaufgeregt seitwärts. Im nächsten Schritt steht in solchen Charts im Regelfall wieder ein Schub gen Norden an.
„Miese“ Stimmung macht 30.000 Punkte in 18 Monaten möglich
Dazu passt die aktuelle Stimmung am Markt. Einem selbst gestrickten, langfristig orientierten Indikator folgend (ohne Abbildung), ist sie noch immer ziemlich mies. Besonders spannend ist, dass das zuvor erreichte Stimmungstief nur zu Corona-Zeiten und dem Beginn des Ukrainekrieges eine Entsprechung findet. Man muss daraus nicht unbedingt ein ähnliches Kurspotential wie damals ableiten. Aber dieses Indikatorverhalten signalisiert schon, dass es nicht nur um ein paar Hundert Punkte in die richtige Richtung gehen dürfte. Ohne mich in Euphorie schreiben zu wollen: Die nächste richtig runde Zahl von 30.000 Punkten könnte mit Blick auf die nächsten zwölf bis 18 Monate schon in Reichweite sein.
Ein Wermutstropfen bleibt: Der Dax und sein dividendenbefreiter Bruder, der Kurs-Dax, notieren knapp unter ihren jeweiligen Allzeithochs. Diese historischen Bestmarken sind traditionell starke Widerstände. Die Abgabebereitschaft der Investoren rund um dieses Niveau ist fast immer groß. Es könnte also schon noch der eine oder andere Tag ins Land gehen, bis sie sich zu neuen Höhen aufmachen. Aber dass es dazu kommen wird, diese Wahrscheinlichkeit darf man bei 80 Prozent und damit auf dem höchsten Niveau ansiedeln, die ich für eine Prognose vergebe.
Weil man gerade als Analyst den Respekt vor der Zukunft niemals verlieren sollte: Wenn, was ich derzeit explizit als unwahrscheinlich ansehe, der Dax unter 23.000 Punkte zurückfallen sollte, habe ich mit Zitronen gehandelt.
Ein Grund für die bemerkenswerte Robustheit des Dax mag sein, dass alle vierzig Dax-Unternehmen zusammen rund 80 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erzielen – also dort, wo es brummt. Ein anderes Argument liefern bestimmt die von Tag zu Tag auf faszinierende Weise zunehmenden Fähigkeiten der KI. Wie dem auch immer sein mag. Für mich zählt vor allem eines: Der Dax sieht mittelfristig gut aus. Vielleicht heißt das ja auch, dass die Welt schon bald wieder etwas friedlicher und ruhiger sein wird. Es wäre ein Segen!
Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.
