Im Sommer 1961 erschien in einem kleinen unbekannten Chicagoer Verlag ein Buch, das heute als Meilenstein, ja als Ausgangspunkt der weltweiten Holocaustforschung gilt. Der Titel des Bandes, auf dessen Cover der Verlag aus Marketinggründen ausgerechnet ein Hakenkreuz hatte prägen lassen, lautete: „The Destruction of the European Jews“.
Er hatte nicht weniger zum Ziel, als die Gesamtgeschichte des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Mordgeschehens gegen die europäischen Juden in den Jahren von 1933 bis 1945 analytisch zu erfassen, für dessen Bezeichnung sich erst viel später der heute uns völlig vertraute Begriff „Holocaust“ etablieren sollte.
Was Hilberg erstmals systematisch nachwies
Der Verfasser des Bandes war der damals fünfunddreißigjährige Politikwissenschaftler Raul Hilberg, ein in der Öffentlichkeit unbekannter Professor der ebenfalls wenig bekannten University of Vermont, in der Stadt Burlington am äußersten Rand der USA unweit der Grenze zu Kanada gelegen. Obwohl Hilberg nicht der erste Autor war, der sich mit Holocaust beschäftigte, war sein Buch ein Novum.

Auf fast 800 dicht bedruckten Seiten mit unzähligen Fußnoten, Tabellen und Anhängen und unter Verweis auf Zehntausende gesichtete deutsche Akten wies er nach, dass nicht allein eine Führungsclique einzelner fanatischer Antisemiten und Nationalsozialisten den Völkermord an den europäischen Juden verübt hatte. Die gesamte deutsche Gesellschaft in all ihren Funktionsbereichen, vom evangelischen Pfarrhaus über Banken und Versicherungen bis zu Bahn und Post, von kommunalen Beamten in den Rathäusern über die Ministerialbeamten in Berlin bis hin zu Wehrmacht und Wirtschaft, hatte daran mitgewirkt.
Nicht bloße Rädchen im Getriebe
Die Schreibtischtäter aus der deutschen Bürokratie haben nach Hilberg zusammen mit den Direkttätern in Lagern und an den Erschießungsplätzen im Osten eine gigantische Vernichtungsmaschinerie gebildet, in der die Befehle nicht von oben nach unten gegeben werden mussten, sondern deren Dynamik auch von der Eigeninitiative von Beamten auf den unteren Führungsebenen ausging. Diese Bürokraten waren mehr als das berühmt-berüchtigte passive „Rädchen im Getriebe“. Sie setzten die Vernichtungsmaschinerie erst richtig in Gang und hielten sie dann über Jahre trotz aller Hindernisse mit hoher Effizienz am Laufen, auch indem sie sich moderne Organisationsprinzipien wie die Arbeitsteilung zunutze machten. Die hatte zugleich den Vorteil, dass die Verantwortung nach dem Ende der Verfolgung immer verschoben werden konnte.
Die Schreibtischtäter blieben bei Hilberg jedoch nicht anonyme Funktionsträger. Er nannte sie beim Namen, deutsche Bahnbeamte und Industrielle genauso wie Generäle und Diplomaten. Jahrzehnte bevor die deutsche Öffentlichkeit kontrovers und überrascht über die mörderische Rolle von Wehrmacht und Auswärtigem Amt diskutierte, wies er schon früh deren aktive Beteiligung am Holocaust nach.
In den USA überregional wahrgenommen und positiv besprochen
Über den Autor des damals durchaus von der überregionalen amerikanischen Presse wahrgenommenen und positiv besprochenen Buches erfuhren die Leser bei seinem Erscheinen 1961 nur wenig. Auf der hinteren Umschlagseite gab es unter einem Foto Hilbergs, das ihn als ernsten jungen Mann mit Scheitel, Brille und Krawatte zeigte, einen biographischen Abriss. Darin hieß es über seine Vorgeschichte knapp: „Born in 1926 in Europe, he was educated in the United States.“
Stärker konnte man die dramatische Lebensgeschichte Hilbergs kaum untertreiben, dessen Familienangehörige in Osteuropa nach 1941 alle durch die Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer umgebracht wurden. Der kurze Satz verrät, wohl sehr bewusst, nichts über Hilbergs jüdische Herkunft und die Umstände seiner Flucht aus Wien. Es sollte wohl gar nicht erst der Verdacht aufkommen, dass der Autor emotional belastet an seine Aufgabe herangegangen sei. Kein Schatten etwaiger persönlicher Befangenheit sollte auf seine durch und durch analytische, rationale und sprachlich nüchterne Darstellung fallen.
Kleinbürgerliche Herkunft
Raul Hilberg wurde am 2. Juni 1926 in Wien im XX. Bezirk, der Brigittenau, geboren und besuchte dort ein jüdisches Gymnasium. Seine Eltern stammten aus Galizien, in der heutigen Ukraine und bis 1918 Teil Österreich-Ungarns, und waren noch zu Zeiten der Doppelmonarchie nach Wien gekommen. Ihren einzigen Sohn benannten sie nach dem damals berühmten Burgschauspieler Raoul Aslan (1886–1958).
Hilbergs Vater Michael arbeitete als Zwischenhändler für Haushaltsgeräte. Die Kleinfamilie lebte in einer Vierzimmerwohnung und konnte sich immerhin eine Haushaltshilfe leisten. In der häuslichen Bibliothek, so erinnerte sich Hilberg in seiner 1994 erschienenen Autobiographie „Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers“, fanden sich Bände von Goethe, Heine und Dostojewski. Die Familie war weitgehend assimiliert, zu Hause sprach man Deutsch. Der Vater war Zionist, jedoch nicht besonders religiös. Ab und an nahm er seinen Sohn mit in die nahe gelegene Synagoge. Später unterrichtete er ihn im Hebräischen und las gemeinsam mit ihm in der Genesis.
Hitler hat die Kindheit mit einem Schlag beendet
In Wien erlebte Hilberg im März 1938 als elfjähriger Schüler die umjubelte Triumphfahrt Adolf Hitlers durch die Straßen der österreichischen Hauptstadt und den sogenannten Anschluss der Republik Österreich an das Deutsche Reich. Hilberg erinnerte sich später: „Meine Kindheit war mit einem Schlag beendet.“
Sicher wurde der Schüler Hilberg Zeuge von den ersten antijüdischen Ausschreitungen in Wien, als die Nationalsozialisten auch jüdische Menschen in seinem Viertel zwangen, auf den Knien die Straßen zu reinigen – unter dem Hohngelächter umstehender Zuschauer. Beim Novemberpogrom wenige Monate später wurde der Vater verhaftet. Hilberg und seine Mutter wurden mit vorgehaltener Waffe gezwungen, die Wohnung zu räumen. Seine Schule war schon zuvor geschlossen worden.
Nachdem der Vater wegen seines Veteranenstatus – er hatte als Zugführer der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg gedient – nicht wie vorgesehen in das Konzentrationslager Dachau deportiert worden war, sondern unter der Auflage freikam, das Land so schnell wie möglich zu verlassen, planten die Hilbergs ihre Flucht. Das Ziel war New York, wo einige Verwandte der Mutter lebten.
Am 1. April 1939 verließ die Familie Wien mit dem Zug in Richtung Frankreich. Einen Tag später fuhren die Hilbergs über die Rheinbrücke in Kehl und entkamen so der unmittelbaren Verfolgung. Hilberg erinnert sich an die Zugfahrt, die sein Leben verändern sollte: „Einige Minuten später waren wir frei und – um unseren Status richtig zu benennen – Flüchtlinge.“
Glück im Unglück
Hilberg war das, was die Historikerin Atina Grossmann später einmal als „lucky victim“ bezeichnete: zwar ein Opfer der nationalsozialistischen Vertreibungspolitik von zuvor als jüdisch definierten und weitgehend isolierten und entrechteten Menschen, aber genau im richtigen Alter, um sich in der „Neuen Welt“ ein neues Leben aufzubauen.
Vater, Mutter und Sohn setzten nach ein paar Wochen Aufenthalt in Frankreich von La Rochelle mit einem britischen Schiff nach Kuba über. Auf der Karibikinsel hieß es zunächst einmal, auf die Einreisegenehmigungen in die USA zu warten. Nach vier Monaten Wartezeit betrat Raul Hilberg am 1. September 1939, mit dem Schiff aus Havanna kommend, zum ersten Mal das Land, das ihm zur neuen Heimat werden sollte.
Als der Dreizehnjährige allein, ohne seine Eltern, die noch zehn Monate länger auf die kontingentierten Einreiseerlaubnisse warten mussten, in Miami ankam, verkündeten die Zeitungsschlagzeilen gerade den Überfall des Deutschen Reichs auf Polen und den Ausbruch des Krieges. Was dem Neuankömmling bei der langen Busfahrt von Florida zu seiner Tante in New York sofort auffiel, war die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung: „Als wir den Süden durchquerten, sah ich dort Bänke mit der Aufschrift ‚Für Farbige‘. So dachte ich darüber nach, daß ich, dem Wiener Parkbände mit dem Hinweis ‚Nur für Arier‘ verboten waren, mit einem Schlag besser dastand als viele gebürtige Amerikaner.“
Die New York Times meldete den Massenmord an Juden – auf Seite elf
Hilberg besuchte in New York zunächst die Highschool und das College und erwies sich als aufmerksamer, an Geographie und Geschichte interessierter Beobachter des Kriegsgeschehens in Europa. Aus Wien hatte er seinen alten Schulatlas mitgenommen, der heute in seinem umfangreichen Nachlass an der Universität von Vermont lagert. Darin bewahrte er Zeichnungen auf, in denen er die alten europäischen Landkarten entsprechend dem Kriegsverlauf aktualisierte.
Als Leser der „New York Times“ und des „Aufbau“ erfuhr Hilberg 1942/43 auch von den Massenmorden an Juden in Osteuropa. Doch selbst als die „Times“ am 20. April 1943 von zwei Millionen ermordeten Menschen berichtete, erschien diese Meldung nicht etwa auf der Titelseite, sondern erst auf Seite elf der Ausgabe als eine unter vielen anderen Nachrichten vom europäischen Kriegsschauplatz. Die Untätigkeit der Welt empörte den jungen Hilberg.

Sobald er 18 Jahre alt geworden war, meldete er sich zum Dienst in der US-Armee, auch um endlich die Staatsbürgerschaft seines Exillandes zu erhalten. Im Dezember 1944 wurde Hilberg US-Bürger. Im März 1945 kehrte er als amerikanischer Soldat nach Europa zurück, um mit seiner Einheit in München das Ende des Krieges mitzuerleben.
Nach seiner Rückkehr in die USA nahm er das vor seiner Armeezeit begonnene Chemiestudium nicht wieder auf, sondern entschied sich für die Politikwissenschaft als Studienfach. Am New Yorker Brooklyn College und an der Columbia University studierte er bei den deutschen Exilanten Hans Rosenberg (1904–1988) und Franz Neumann (1900–1954), von denen er wichtige Impulse für seinen wissenschaftlichen Werdegang erhielt.
Ein Akt der Revolte
1948 entschied Hilberg sich in einem Akt der „Revolte“, wie er später in einem Interview sagte, sich mit dem nationalsozialistischen Judenmord zu beschäftigen, der auch nach 1945 kein Thema war. In der Bibliothek der Columbia University studierte er jahrelang die Akten der Nürnberger Prozesse, um 1950 seine Masterthesis „The Role of the German Civil Service in the Destruction of the Jews“ vorzulegen, in der der Titel seines Hauptwerkes bereits anklang. Darin formulierte er erstmals seine täterzentrierte Forschungsperspektive: „There is a need for an analysis which deals with the destruction of the European Jews, during the period 1933–1945, in terms of planning and operation of destruction measures. (…) We must now analyze the perpetrators.“ Und er entwickelte ein Modell eines technokratischen Vernichtungsprozesses, der in verschiedenen Phasen von der Definition der Opfer über deren Enteignung und örtliche Konzentration in Ghettos und Lagern bis zu ihrer Ermordung verlief.
Am Ende seiner gut 250-seitigen Masterarbeit, die heute als Typoskript in der Bibliothek der Columbia University lagert, formulierte Hilberg zum ersten Mal seine bis heute viel diskutierten Thesen über die Reaktion der jüdischen Gemeinden auf die drohende Auslöschung.
Mangelte es an Widerstand?
Erstens konstatierte Hilberg wegen des bis dahin in der jüdischen Geschichte dominierenden Anpassungsgedankens einen mangelnden Widerstand gegen die Verfolger („an almost complete lack of resistance on the part of the Jews“). Selbst größere Revolten, wie der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943, konnten den Vernichtungsprozess nicht stoppen.
Zweitens gelang es den deutschen Tätern Hilberg zufolge, die jüdischen Opfer sogar in die Vernichtungsmaschinerie einzubinden, indem zum Beispiel Judenräte in den Ghettos die deutschen Anordnungen und Befehle mithilfe jüdischer Polizisten und Ordnungskräfte ausführten. Der vierundzwanzigjährige Masterstudent hielt damals, nur fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in seinem Schlusssatz eine bittere Erkenntnis von enormer historischer Tragweite fest: „What is perhaps the most significant aspect of the destruction process: that it made the victims agents of their own destruction.“
Auch wenn ihm sein akademischer Lehrer Neumann davon abriet, machte Hilberg den Völkermord an den europäischen Juden auch zum Thema seiner anschließenden Doktorarbeit, an der er fünf Jahre lang ohne ein regelmäßiges Stipendium oder eine befristete Anstellung arbeitete. Der junge Wissenschaftler verschuldete sich bei seinen Eltern und musste, wie schon als Schüler in einer Konservenfabrik, nebenher arbeiten gehen. Er nahm schlecht bezahlte Lehraufträge an, selbst im US-Außengebiet Puerto Rico, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Doktorvater Neumann verschaffte ihm 1951/1952 eine Stelle nahe der Hauptstadt Washington im „War Documentation Project“, wo Hilberg als Muttersprachler und „Research Specialist“ im Auftrag der US-Regierung nach Kriegsende beschlagnahmte deutsche Akten auswertete.
Die Dissertation umfasste nur die ersten drei Kapitel
Im Januar 1955 wurde Hilberg mit der Arbeit „Prologue to Annihilation. A study of the Identification, Impoverishment, and Isolation of the Jewish Victims of Nazi Policy“ an der Columbia University promoviert. Die Doktorarbeit umfasste jedoch lediglich die ersten drei Kapitel des späteren Buches. Zur Veröffentlichung war jedoch das gesamte fast 2000-seitige handgeschriebene Manuskript vorgesehen, das er zu diesem Zweck noch mit der Schreibmaschine übertragen musste. Wenige Monate nach der Promotion erhielt Hilberg für seine Dissertation den Ansley Award. Mit der Auszeichnung verbunden war ein Verlagsvertrag mit der renommierten Columbia University Press.
Nach vielen vergeblichen Stellenbewerbungen hatte Hilberg 1956 eine Professur als Politikwissenschaftler an der University of Vermont angetreten, wo er bis zu seinem Ruhestand 1991 vor allem Sicherheits- und Außenpolitik der USA lehren sollte und erst 1974 seinen ersten Kurs zur Geschichte des Holocausts anbot.
Die Publikation seiner prämierten Doktorarbeit bei Columbia University Press scheiterte zwischenzeitlich an inhaltlichen Differenzen und dem großen Umfang des Werkes. Es sollten weitere sechs Jahre vergehen, bis Hilberg endlich ein Verlagshaus gefunden hatte, das sich auf das Großprojekt einließ, an dem der Autor unermüdlich weiterarbeitete, indem er vor allem mehr und mehr Quellenbelege in den Fußnoten hinzufügte. Es war dann der Eichmann-Prozess in Jerusalem im Jahr 1961, der einen günstigen Augenblick öffentlicher Aufmerksamkeit für die Publikation des Buches bot.

Auch Verlage in der Bundesrepublik zeigten sich in der Folge an einer Übersetzung interessiert. Es dauerte allerdings mehr als zwei Jahrzehnte, bevor 1982 der Berliner Verlag Olle & Wolter mit „Die Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust“ eine deutsche Übertragung des hilbergschen Frühwerks veröffentlichte.
Die erste deutsche Übersetzung eines Buches von Hilberg war mit „Sonderzüge nach Auschwitz“ ein Jahr zuvor in dem kleinen Mainzer Eisenbahnverlag Dumjahn erschienen. Darin ging der Autor im Detail der Rolle der Deutschen Reichsbahn und ihrer Funktionäre im Vernichtungsprozess nach und präsentierte seine Quellenfunde aus bundesdeutschen Archiven, die er auf einer Forschungsreise 1976 besucht hatte.
Das Münchener Gutachten
Die späte Veröffentlichung seines Hauptwerkes auf Deutsch hing auch mit einem Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) zusammen, das nur fragmentarisch überliefert ist. Es trägt kein Datum, keinen Adressaten und keinen Verfasser. Zudem bricht es auf der zweiten Seite plötzlich ab. Sicher war nur, dass sich das Dokument im Nachlass des ehemaligen Institutsdirektors Helmut Krausnick (1905–1990) befand, der die Münchner Forschungseinrichtung von 1959 bis 1972 geleitet hatte.
Vor wenigen Monaten nun stieß der Berliner Historiker Michael Wildt in Krausnicks Nachlass auf einen Briefwechsel, der die offenen Fragen um das Gutachten klärt und ein neues Licht auf dessen Entstehungskontext wirft. Am 2. Juli 1962, also gut ein Jahr nachdem Hilbergs Buch in den USA erschienen war, wandte sich Paul Franken (1903–1984), der damalige Direktor der Bundeszentrale für Heimatdienst, Vorläufer der heutigen Bundeszentrale für politische Bildung, an Krausnick mit einer Bitte um dessen Expertise. Hintergrund war eine Anfrage des Wiesbadener Franz Steiner Verlags bei der Bundeszentrale um finanzielle Unterstützung für die deutsche Übersetzung von Hilbergs Buch. „Bevor ich mich zu dem Vorschlag des Verlages äussere, würde ich gerne wissen, was Sie von diesem Buch halten“, schrieb Franken an Krausnick.
Dieser antwortete erst nach gut fünf Wochen auf die Anfrage aus Bonn. Vielleicht brauchte der viel beschäftigte Institutsdirektor die Zeit, um das umfangreiche Buch von Hilberg erst einmal zu lesen, das die Institutsbibliothek in München bereits einige Monate zuvor angeschafft hatte. Das Bibliotheksexemplar zeigt jedenfalls Spuren einer intensiven Lektüre, zahlreiche Anstreichungen mit Bleistift und einige handschriftliche Randkommentare mit Kugelschreiber, als deren Autor der Berliner Historiker Götz Aly wegen der auffälligen Handschrift Krausnick selbst vermutet.
Dieser schrieb am 10. August 1962 einen lapidaren Einzeiler an Franken: „In der Anlage erhalten Sie die gewünschte Stellungnahme zur Frage einer Übersetzung des Buches von Raul Hilberg.“ Da das von Krausnick mitgeschickte Gutachten aus verschiedenen Gründen von einer Übersetzung abriet, war die Bundeszentrale offenbar nicht bereit, diese mit einem Zuschuss zu fördern. Der Franz Steiner Verlag hatte seine Publikationsabsichten aber von dieser finanziellen Förderung abhängig gemacht und verzichtete nun seinerseits auf die Übersetzung.
Den Vertrag bald wieder aufgelöst
Gut ein Jahr später schloss der Münchner Verlag Droemer Knaur jedoch einen Verlagsvertrag zur Übertragung von Hilbergs „The Destruction of the European Jews“ ins Deutsche und engagierte dafür vier Übersetzer, darunter zwei Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, die sofort mit der Arbeit begannen. Allerdings vergeblich, wie sich bald herausstellen sollte, denn im Sommer 1965 löste Droemer Knaur den Vertrag wieder auf.
Der zuständige Lektor Fritz Bolle (1908–1962) informierte Hilberg am 11. Juni 1965 schriftlich über die Entscheidung, die Übersetzung seines Buches nicht zu veröffentlichen, vorgeblich wegen „Schwierigkeiten in Ihrer These von der jüdischen ‚Kollaboration‘“. Götz Aly vermutete aber einen möglichen Grund auch in der eigenen Verstrickung Bolles in die nationalsozialistischen Verbrechen.
Ein neu aufgefundener Brief aus dem Archiv des Leo-Baeck-Instituts in New York legt jedoch nahe, dass bei der Ablehnung quasi über Bande gespielt wurde. Denn bereits am 13. Februar 1964 schreibt Hans Reichmann (1900–1964) an Robert Weltsch (1891–1982), beide waren jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg für das Leo-Baeck-Institut in London engagierten: „Dass der Droemer-Verlag das Buch von Himberg (sic!) deutsch nicht herausbringt, sagte ich Ihnen kürzlich.“
Wieso wusste man in London fast eineinhalb Jahre vor Hilberg, dass die deutsche Übersetzung nicht erscheinen wird? Handelte es sich lediglich um eine vorzeitige Spekulation? Immerhin hatte der Verlag Droemer Knaur noch wenige Wochen zuvor, am 8. Januar 1964, einen Vertrag mit einem Übersetzer geschlossen.
Eine „Intervention von jüdischer Seite“?
Der Historiker Hans Mommsen (1930–2015), Anfang der Sechzigerjahre selbst Mitarbeiter am IfZ, vermutete schon 2014 in einem Schreiben an den Autor dieses Beitrages, dass damals „eine Intervention von jüdischer Seite vorgelegen hat“, ohne dass er dies freilich weiter belegen konnte. Der Londoner Brief von Reichmann an Weltsch könnte ein Hinweis darauf sein, immerhin führten Hilbergs Thesen zum fehlenden jüdischen Widerstand und der verhängnisvollen Rolle der Judenräte auch zu einer scharfen Kritik jüdischer Interessenverbände.
Sie warfen Hilberg vor, das Andenken an die Opfer des Holocaust zu verunglimpfen und kein Verständnis für die ausweglose Zwangslage aufzubringen, in der sich die bedrängten jüdischen Funktionäre im Angesicht der Vernichtung befanden. Das sollte sich erst ändern, als Hilberg 1979 zusammen mit zwei Kollegen eine englische Übersetzung des Tagebuchs von Adam Czerniaków (1880–1942) herausgab, des Vorsitzenden des Judenrates im Warschauer Ghetto.
Hilberg sollte zeitlebens nichts von den negativen Gutachten des IfZ erfahren, die erst seit 2013 entdeckt wurden. Mitarbeiter der Einrichtung hatten eine Übersetzung erneut abgelehnt, als 1979 der Verlag Darmstädter Blätter und ein Jahr später der Münchner C. H. Beck Verlag Pläne zur Übersetzung ins Auge fassten und das Institut um eine fachliche Einschätzung baten.
Seinen öffentlichen Durchbruch in Deutschland sollten Hilberg und seine wissenschaftlichen Erkenntnisse erst mit der dreibändigen preisgünstigen Taschenbuchausgabe von „Die Vernichtung der europäischen Juden“ im S. Fischer Verlag erleben, einer vom Autor durchgesehenen und erweiterten Ausgabe seines Originalwerkes. Die Initiative dazu war von Verlagslektor Walter Pehle (1941–2021) ausgegangen, dem Herausgeber der „Schwarzen Reihe“ zur Geschichte des Nationalsozialismus. Pehle war es auch, der dafür sorgte, dass alle weiteren Bücher Hilbergs fortan unmittelbar nach der englischen Originalausgabe bei S. Fischer erschienen: darunter seine einflussreiche akteurszentrierte Darstellung „Täter Opfer Zuschauer“ (1992) und schließlich sein Methodenwerk „Die Quellen des Holocaust“ (2002) als letztes Buch.

Hilberg war in den Neunzigerjahren zu einem viel gefragten Gesprächsgast in den deutschen Medien und in der Wissenschaft geworden. Trotz kontroverser Positionen in öffentlichen Debatten, etwa um die Entschädigungszahlungen der Schweizer Banken oder die Thesen Norman Finkelsteins, genoss er hohe Anerkennung und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2002 den Geschwister-Scholl-Preis und das Große Bundesverdienstkreuz.
Ein Jahr später erschien sein Hauptwerk nochmals erweitert, diesmal in einem der bekanntesten Universitätsverlage der Welt, der Yale University Press. Es folgten zahlreiche Übersetzungen in andere Sprachen. In Israel erschien sein „Destruction“-Buch allerdings erst 2012 in hebräischer Übersetzung, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der englischen Erstveröffentlichung.
Raul Hilberg starb am 4. August 2007 an Lungenkrebs in einem Hospiz unweit seines Wohnortes Burlington mit 81 Jahren. Er hinterließ zwei Kinder aus erster Ehe und seine zweite Ehefrau Gwendolyn. Ihr zuliebe hatte er im April 2007 seinen letzten öffentlichen Vortrag in der liberalen Synagoge von South Burlington gehalten. Die F.A.Z. würdigte Hilberg drei Tage nach seinem Tod auf der Titelseite als den „Erforscher der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus“ und lobte sein frühes Opus magnum als „Standard- und Gründungswerk der Holocaustforschung“.
