In wenigen Wochen wird Paul McCartney 84 – aber in diesen Tagen hat der alte Beatle einen beachtlichen jugendlichen Lauf. Gerade erst gab er der letzten Ausgabe der „Late Show“ des geschassten amerikanischen Talkmasters und Komikers Stephen Colbert den entscheidenden melancholischen Schliff, als er mit dem Gastgeber, anderen bekannten Musikern und schließlich sogar dem Polonaise über die Bühne machenden Publikum zusammen den Beatles-Hit „Hello Goodbye“ sang.
Dann schaltete Colbert symbolisch den Strom ab, was viele als Ereignis der amerikanischen Zeitgeschichte deuteten: In dem Land versteht man keinen Spaß mehr. Aber durch McCartney und seinen freundlich-harmlosen, generationenübergreifenden Beatles-Touch hatte dieses Ende trotz allem etwas Versöhnliches, Optimistisches mit Aussicht auf Neuanfänge: I don’t know why you say goodbye, I say hello.
Das Gesicht eines verschmitzten Hobbits
McCartney pflegt mit langem Grauschopf längst den Gandalf-Look, dabei hatte er in einer 1967 von Stanley Kubrick angedachten „Herr der Ringe“-Verfilmung eigentlich einmal den Frodo spielen sollen. Dazu kam es nicht, aber aus Sir Pauls Gesicht zwinkert uns der verschmitzte Hobbit bis heute an.
Über die Beatles ist schon sehr viel geschrieben worden, ihr Werk wurde in jeder Hinsicht ausgewertet. Im vergangenen Jahr aber ist besonders auch McCartneys Geschichte jenseits der Beatles neu in den Fokus gerückt. Nämlich zunächst in Form eines auf Deutsch bei C.H. Beck erschienenen 500-seitigen Prachtbandes mit dem Titel „Wings: Geschichte einer Band On the Run“, der in Interviews und Bildern von der zweiten großen Band in McCartneys Leben erzählt, außerdem von seiner darin mitwirkenden Frau Linda (1941 bis 1998). Das Buch beginnt mit dem romanhaft wirkenden Satz: „Als die Beatles allmählich begannen, sich aufzulösen, machte ein sehr eigenartiges Gerücht die Runde: dass ich tot sei.“

Es konnte dann doch widerlegt werden, und dass Anfang der Siebzigerjahre, zurückgezogen im ländlichsten Schottland, zwischen Kindern und Schafen, Wiesen und Meer trotzdem erst das eigentliche Leben des Paul McCartney begann, erhellt parallel auch ein sehenswerter Dokumentarfilm von Morgan Neville („Man on the Run“), der ebenfalls die Musik- und Privatgeschichte der Wings-Zeit in den Blick nimmt. Von dieser Zeit gibt es nicht nur tolle Fotos, sondern auch wunderschöne Filmaufnahmen, die teils mythischer wirken als jede Fantasy-Erzählung, aber tatsächlich dokumentarisch sind. An der dort entstandenen Musik, etwa des Albums „Ram“ (1971), scheiden sich bis heute die Geister, und auch das macht sie interessant. Was dann die wechselhafte Geschichte von Wings in den Folgejahren betrifft, wird hier durch die ebenfalls bestechenden Aufnahmen der „Wings Over Europe“-Tournee bewusst: dass sie neben Bob Dylans „Rolling Thunder Revue“ das andere letzte große Sichaufbäumen des Hippietraums bedeutete, während die Durchkommerzialisierung der Rockmusik längst begonnen hatte.
Ein friedlicher Folk-Moment für die Ewigkeit
Kulminationspunkt der Schottlandzeit ist die Entstehung des modernen Volksliedes „Mull of Kintyre“ (1977), die schon in dem zugehörigen „Musikvideo“ avant la lettre eingefangen war mit den Dorfkindern, ihren Familien und den Dudelsackspielern der Campbeltown Pipe Band am Strand mit Lagerfeuer: ein friedlicher Folk-Moment für die Ewigkeit, lustig gebrochen durch die Anekdote, dass bei ersten Proben der Sack im Garten dudeln musste, weil er für das kleine Home-Studio in McCartneys „High Park Farm“ deutlich zu laut war.
Das Nachhausekommen nach weiten (Lebens-)Reisen, um das es in „Mull of Kintyre“ geht, schlägt eine Brücke zum diesen Freitag erscheinenden, nunmehr achtzehnten Solo-Album „The Boys of Dungeon Lane“. Es ist ein Konzeptalbum über McCartneys eigene Jugend im Liverpool der Nachkriegszeit, eine Zeit der „smoky bars and cheap guitars“, wie es in dem Lied „Days We Left Behind“ heißt. Dieses ist nicht das einzige darauf mit zutiefst melancholischem Text – der aber doch wieder zum Optimismus drängt: „Nothing ever stays / Nothing comes to mind / No one can erase / The days we left behind“, singt ein alter, weiser Mann. Die Vertonung mag rührselig sein, aber sie muss ja auch großen Schmerz verarbeiten, weit über die Geschichte der Beatles, über die von Paul und John Lennon hinaus, der 1980 ermordet wurde. Sehr persönliche Würdigungen erhalten auch die eigenen Eltern in „Salesman Saint“ oder „Momma Gets By“.
Das Bügeleisen der Studioproduktion
Kann man nun also die Lobeshymne auf eine weiteres großes Spätwerk-Album anstimmen, auf dem McCartney als Solokünstler mit Dylan, Cohen und Cash gleichzieht und noch einmal die ersten und die letzten Dinge in den Blick nimmt, in Melodien gießt? Nein, das geht in diesem Fall nicht so einfach.
Denn es ist so: Fans guter Rockmusik werden mit diesem Album nicht zufrieden sein können, zumindest nicht durchweg. Und das liegt weniger am Songmaterial als an der Produktion von Andrew Watt. Die nämlich ist streckenweise eines jener Klangverbrechen, das man seit den frühen Achtzigerjahren Rockmusikern immer wieder angetan hat: indem man ihren Werken und Arrangements die Klarheit und die Kanten nahm, um dann allerlei Halleffekte, vor allem aber solche der Kompression darüberzulegen.
Zugespitzt gesagt: Paul McCartneys neue Songs klingen leider teils wie generische KI-Musik, auch wenn man das Handgemachte unter dem Produktionsschleier noch heraushören kann. Das gilt etwa gleich für den merkwürdig disparat klingenden, im Wesen prog-rockigen Opener „As You Lie There“, der erstaunliche Wechsel in Melodie, Rhythmus und Lautstärke aufweist, aber wie zum Schluss noch mit dem Bügeleisen geglättet wirkt. Und es gilt auch für die federnd-witzige Ballade „Ripples On a Pond“, bei der man sich so sehr einen authentischen Gesangs- und Schlagzeugsound wünschte, aber stattdessen Blech bekommt. Dann der langsame Schieber „We Two“, der ein bisschen an Tom Petty erinnert und lyrisch an „Two of Us“ von den Beatles anschließt: auch hier guter Stoff, nicht so gute Verarbeitung.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn nach hinten heraus wird das Album dann doch stärker und werden die beschriebenen Effekte weniger eingesetzt. Es entwickelt sogar psychedelische Züge, die zwischen Flöten und Mellotron gewisse Seventies-Vibes auslösen und dabei sowohl an Wings-Experimente als auch an Spätbeatles-Eskapaden erinnern.
Doch noch ein Klassiker
Und dann erreicht das Album mit „Life Can Be Hard“ sogar doch noch Klassiker-Qualität, wie McCartney sie seit Langem nicht mehr erreicht hat: Einmal noch wieder eine richtig eingängige Melodie wie zu „When I’m Sixty-Four“-Zeiten, mit swingender Jazz-Klarinette und sogar Beatles-Bass, wenn auch leider in den Hintergrund gemischt. Ausgerechnet dieser typische Bass, den McCartney zu einem Melodie-Instrument gemacht hat, so versteckt! Hier hofft man schon gleich mit der Erstveröffentlichung auf spätere, anders abgemischte Versionen – hoffentlich nicht erst nach Jahrzehnten, wie es bei Beatles-Werken mit „Let It Be (Naked)“ der Fall war. Trotz dieser Einschränkung: Bei „Life Can Be Hard“ versteht man wieder, was es ist, das an Paul McCartneys Songwriting Menschen auf der ganzen Welt und aller Altersgruppen anspricht, auch Nachgeborene – das gelingt nur sehr wenigen Popmusikern.
Den Song „Home to Us“, bei dem dann auch noch Ringo Starr mit von der Partie ist, darf man vielleicht als Bonus-Track, als musikalischen Witz verstehen. Wohlgemerkt: als musikalischen, denn der Text für sich ist erst einmal eine tolle, ernste Ballade über die „einfachen Verhältnisse“ der Boys aus der Dungeon Lane, der von starken Gegensätzen lebt, zwischen Beton und Rosen: „The place we used to live in you could say it wasn’t much / But it was home to us“. Und dann, großartig: „The lady on the hill was drinking brandy / Eating caviar, the perfect host / My mum was in the kitchen washing dishеs in the sink / And then she burnt thе toast“.
Nun aber zum Witz: Denn dieser Song ist arrangiert wie eine klassische englische Fußballhymne. Er schließt sozusagen direkt an „Football’s Coming Home“ an, und er hat mit seinem nicht weiter spezifizierten Bezug auf „my hometown“ noch einen generischen Vorteil: Er könnte auch weit über Liverpool hinaus gesungen werden. Es wäre nicht überraschend, wenn der jungenhafte Paul McCartney es bei seinem besagten Lauf mit diesem Song noch einmal weit nach oben schaffen würde, an die Tabellenspitze der Popmusik.
Paul McCartney: „The Boys of Dungeon Lane“. Capitol (Universal)
