
Die führende Organisation britischer Fachmediziner hält den Konsum sozialer Medien durch Jugendliche für ebenso gesundheitsgefährdend wie das Rauchen. Diese und viele weitere Warnungen sind in einem von insgesamt rund 80.000 Gutachten und Stellungnahmen enthalten, die während einer drei Monate währenden Anhörung beim britischen Digital-Ministerium eingegangen sind, die bis Mitte dieser Woche dauerte. Sowohl die Anbieter von Onlinediensten als auch Erzieher, Lehrer, Ärzte und Eltern waren aufgefordert, auf einen detaillierten Fragenkatalog über die Chancen und Risiken des Online-Konsums von Kindern und Jugendlichen zu antworten.
Die Ergebnisse sollen in den nächsten Monaten ausgewertet werden und dann zu regulierenden Einschränkungen führen. Die Antworten zeugen von großer Sorge. Die Academy of Medical Royal Colleges empfiehlt, Kinder- und Hausärzte sollten bei jungen Patienten routinemäßig deren Verweilzeiten vor Computerbildschirmen und in Online-Kanälen abfragen. Die Ärzte wünschen sich Hinweise für medizinisches Personal, wie Anzeichen eines übermäßigen gesundheitsschädlichen Internetkonsums bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert werden könnten. Mögliche Schäden, etwa physische und mentale Folgen des Konsums extremer Gewalt in Onlinemedien, müssten systematischer dokumentiert werden.
Welche Maßnahmen sind die wirksamsten?
Die Ministerin für Wissenschaft und Digitales, Liz Kendall, sagte, die Regierung werde ihr Fazit zur Anhörung im Sommer vorlegen. Die Frage sei aber „nicht, ob wir handeln werden, das werden wir auf jeden Fall“. Premierminister Keir Starmer äußerte sich ähnlich: Es sei nicht länger strittig, dass gehandelt werden müsse, sondern bloß, welche Maßnahmen am wirksamsten seien.
Offen ist bislang, wie scharf die Beschränkungen des Online-Konsums für Kinder und Jugendliche in Großbritannien ausfallen sollen. Die Forderungen reichen von einem generellen Verbot für Konsumenten unter 16 Jahren, wie es in Australien seit vergangenem Herbst gilt, bis hin zu gestaffelten Altersbeschränkungen, wie sie etwa bei Kinofilmen üblich sind. Dass die Regierung handeln muss, ist der Hartnäckigkeit des Oberhauses zu verdanken, der beratenden zweiten Parlamentskammer, die in die Beratungen zu einem Gesetzentwurf über „Schulen und kindliches Wohlbefinden“ immer wieder eine Handlungsverpflichtung der Regierung einbrachte.
„Eine gesellschaftliche Katastrophe“
Unter Federführung Lord John Nashs, eines einstigen Parlamentarischen Staatssekretärs der Konservativen im Erziehungsministerium, bemühte sich eine große Mehrheit der Peers mehrfach, schon in das Gesetz selbst ausdrückliche Beschränkungen hinein zu verhandeln. Zunächst plädierten die Lords zum Jahresbeginn für eine generelle Verbotsschwelle bis zum Alter von sechzehn Jahren. Nash legte als Begründung dar, die Abhängigkeit vieler Kinder vom Konsum sozialer Medien sei „eine gesellschaftliche Katastrophe“. Im vergangenen Jahrzehnt sei die Zahl der Kinder, die psychologische Beratung und Betreuung erhielten, um rund 475 Prozent gestiegen; die Zahl der Siebzehn- bis Neunzehnjährigen, die mit Essstörungen auffällig würden, habe sich versechzehnfacht.
Die Regierung schmetterte diese Änderungswünsche des Oberhauses mit ihrer Regierungsmehrheit im Unterhaus ab und wies zur Begründung auf die geplante Anhörung hin. Das Oberhaus antwortete mit dem Vorschlag eines konditionierten Verbots – es sollte zumindest für jene Angebote im Internet gelten, die Kindern ernsten Schaden zufügten oder sie zu ungesundem, auffälligem oder suchtartigem Verhalten veranlassten. Auch dieser Änderungsantrag wurde im Unterhaus abgewiesen; jedoch fügte die Regierung anschließend einen Passus in den Gesetzentwurf, in welchem sie sich – kursorisch, aber definitiv – zum Handeln verpflichtet, sobald die Anhörung zum Konsum sozialer Medien ausgewertet sei.
Wie sollen Verbote praktisch funktionieren?
Diese Selbstbindung bildet den Hintergrund der Beteuerungen Kendalls und auch des Premierministers Keir Starmer, dass auf jeden Fall Regulierungen der sozialen Medien zu erwarten seien. Welche technischen Wege beschritten werden sollen, um den Zugang bestimmter Altersgruppen wirksam zu begrenzen, ist im Vereinigten Königreich unterdessen noch offen.
Allerdings hatte eine britische Firma die australische Regierung bei der Einführung ihrer Beschränkungsmechanismen unterstützt. Demnach kann ein Altersnachweis des Nutzers für Kinder problematisch sein, wenn sie nicht über betreffende Identitätsdokumente verfügen; umgekehrt kann eine Altersschätzung des Anbieters im Internet gerade bei Jugendlichen unpräzise ausfallen.
Starmer empfing am Dienstag in seinem Amtssitz in der Downing Street 10 die Eltern von Teenagern, die ihre Kinder durch Suizid verloren haben und mutmaßen, dass deren Internetkonsum, etwa durch ihre Bindung an Chatbots, dafür ursächlich war. Der Premierminister beteuerte, es werde zu „entschiedenen Veränderungen“ kommen. Die Mutter eines durch Selbsttötung gestorbenen Vierzehnjährigen sagte hingegen, sie sei da nicht zuversichtlich.
Der frühere Gesundheitsminister Wes Streeting, der vor eineinhalb Wochen sein Ministeramt aufgab, um Starmer in einer erwarteten Kampfkandidatur die Führung von Partei und Regierung streitig machen zu können, entpuppte sich jetzt als deutlicher Befürworter einer allgemeinen Altersbeschränkung von 16 Jahren für den Zugang zu sozialen Medien. Streeting sagte, er könne jetzt „freier reden als früher“, und beschuldigte Aufsichtsbehörden und Politiker, sie hätten Schutzmechanismen verschlafen. Die Praktiken, die große Internetfirmen anwendeten, um Nutzer von ihren Angeboten abhängig zu machen, ähnelten denen der Tabakkonzerne.
