
Die Fluggesellschaft Condor bietet Kabinenbeschäftigten die Möglichkeit, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Dieser „Benefit“ sei „bei den Mitarbeitenden sehr beliebt“ und werde daher, „sofern betrieblich darstellbar“, regelmäßig angeboten. Dies gelte jedes Jahr und immer im Jahr.
Was für Außenstehende vielleicht überraschend sein kann, ist bei Condor nach der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gängige Praxis. „Das Angebot, das den Kabinenbeschäftigten jetzt unterbreitet worden ist, ist nicht ungewöhnlich“, sagt Dennis Dacke, Leiter der Bundesfachgruppe Luftverkehr und Maritime Wirtschaft bei Verdi. Die Fluggesellschaft habe derzeit viele Flugbegleiter in Ausbildung, zudem seien aufgrund des Irankriegs „zwei bis drei Ziele mit Stehtag“ im Nahen Osten aus dem Flugplan gefallen, für die explizit ausgebildet worden sei.
Vor diesem Hintergrund bewertet Dacke das Angebot von Condor als „Personalsicherungsmaßnahme für die neuen Beschäftigten“ und als Möglichkeit, bestehendes Personal während der stressigen Sommermonate zu entlasten, wenn das für diese im Individualfall möglich ist. Eine Pflicht zur Auszeit für die Mitarbeiter besteht nicht. Im Branchenvergleich ist diese Möglichkeit, zumal während der Sommermonate, ungewöhnlich. Erstens sind in der Vergangenheit teilweise Anreize geschaffen worden, damit Mitarbeiter ihren Urlaub verschieben. Zudem unterscheidet Condor sich damit auch von manchen Konkurrenten.
Flugbegleiter bewerten Vorstoß kritisch
So teilt etwa Discover, die Ferienflugtochter der Lufthansa, auf Anfrage mit, dass es Derartiges bei ihnen nicht gebe. Vielmehr befinde sich Discover „auf Wachstumskurs“ und werde ihre Flotte bis Mitte 2028 um rund 30 Prozent ausbauen. Entsprechend stelle man derzeit weiterhin fliegendes Personal ein. „Gerade der Sommer ist für uns als Ferienfluggesellschaft die Hauptsaison mit besonders hoher Nachfrage und den meisten täglichen Fliegern.“ Auch die Lufthansa teilt auf Anfrage mit, dass es derartige Angebote bei ihnen nicht gebe.
Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) bewertet das Vorgehen von Condor kritisch. Man stehe mit der Personalvertretung, die für die Verhandlung zuständig und deren Großteil auch in der UFO engagiert sei, in engem Austausch. Die Hoffnung sei, dass dieses Instrument nur sehr dosiert eingesetzt werde. „Es darf nicht passieren, dass trotz der Weltlage alles funktioniert, weil diejenigen, die nicht im Urlaub sind, in Arbeit ersaufen“, sagt Tim Beyermann, Tarifreferent der UFO. Die Kapazitätsplanungen der Condor seien ohnehin „auf Kante genäht“, weshalb 100 bis 200 mehr Mitarbeiter wünschenswert seien.
Das Angebot kommt in einer Zeit, in der Condor seine Zubringerverbindungen nach und aus Frankfurt aufbaut. Das wurde nötig, weil Lufthansa eine entsprechende Vereinbarung, die günstige Zubringerkonditionen von Frankfurt aus enthielt, im Zuge der Gründung von Discover Airlines im Sommer 2021 gekündigt hatte. Nach einer Entscheidung des OLG Düsseldorf vom August 2025 wurde ein Beschluss des Bundeskartellamts vom August 2022 aufgehoben, nach dem Condor Anspruch auf Zubringerflüge durch die Kranich-Airline hatte. Grund waren Verfahrensfehler.
UFO hatte die Einigung zwischen Condor und Verdi nicht mitgetragen
Der Aufbau des eigenen Streckennetzes führt bei den Mitarbeitern zu zusätzlicher Belastung. Die Kabinengewerkschaft UFO kritisierte schon im November die Zubringerflüge wegen ihrer „langen Turnarounds und engen Abläufe, die den Tag strecken und Erholungszeiten zusammenschieben“.
Zudem stehen zwischen Verdi und Condor Tarifverhandlungen bevor. Der Vergütungstarifvertrag zwischen Verdi und Condor läuft Ende September aus. Bei der Gewerkschaft geht man davon aus, in den nächsten Wochen mit ersten Gesprächen zu starten. Gespräche zum Kabinen-Manteltarifvertrag, der Ende des Jahres ausläuft, werden bereits geführt. Dieser stammt noch aus der Zeit der Thomas-Cook-Insolvenz und der Pandemie.
Der Manteltarifvertrag der UFO für die Kabine ist bereits Ende 2025 ausgelaufen. Die Verdi-Tarifverträge gelten nur für Verdi-Mitglieder. Für Nichtmitglieder oder UFO-Mitglieder werden in der Kabine die UFO-Tarifverträge angewendet, außer bei der Vergütung: Dort wird laut Dacke ausschließlich der Verdi-Tarifvertrag aus 2023 angewendet, weil sonst Gehaltsunterschiede von rund 20 Prozent zwischen UFO- und Verdi-Mitgliedern entstünden. So sah diese Einigung allein zum Januar 2026 eine Tariferhöhung für Kabinen- und Bodenpersonal von fünf Prozent vor. Zudem können alle Beschäftigten, die sich dieses Jahr in der Endstufe ihrer Vergütungstabelle befinden, zu ihrem individuellen Einstellungsmonat einen Stufensprung erwarten. UFO hatte diese Einigung nicht mitgetragen.
