
Wie ein Sprecher der Bundesregierung auf F.A.Z.-Anfrage klarstellt, war Merz bewusst, dass Medien im Raum waren. Das machte demnach aber keinen Unterschied. „Der Bundeskanzler ist in derartigen Terminen stets aufgeschlossen und offen – unabhängig davon, ob Pressevertreter anwesend sind.“
Ist das ein Fehler? Oder genau das Richtige? So einfach ist das nicht zu beantworten. Denn das Sprechen von Politikern mit Kindern und Jugendlichen ist eines der komplexesten Dialogformate überhaupt, „fast die Königsdisziplin der politischen Kommunikation“, wie Thorsten Klein sagt, ehemaliger Regierungssprecher von Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) im Saarland und heute selbständiger Kommunikationsberater.
Es geht schon damit los, dass es Dritte – wie in Merz’ Fall US-Präsident Donald Trump – offensichtlich nicht interessiert, ob ein Satz vor Schülern oder einem anderen Publikum formuliert wurde: Er wird behandelt wie jeder andere. Auch die Presseagenturen, die über den Auftritt schrieben, erwähnten den besonderen Rahmen – wenn überhaupt – nur am Rande und nicht etwa so, dass dadurch das Gewicht der Worte relativiert worden wäre.
„Spannend, was für Auswirkungen so eine Aussage haben kann“
Anwesende Schüler zeigten sich danach überrascht. Ein Mädchen sagte dem WDR: „Ich fand es einfach spannend, was für Auswirkungen so eine Aussage eines Politikers haben kann. Das war mir vorher so gar nicht bewusst. Vor allem, weil er jetzt nur an einer Schule war und das, was er gesagt hat, trotzdem die ganze Welt erreichen kann.“
Als Vergleich bietet sich der politische Aschermittwoch an. Auch da geht es für die Redner in erster Linie darum, die physisch anwesenden Zuhörer zu begeistern, in Passau etwa mit Witzen, die man nur dort bringen kann. CSU-Chef Markus Söder und Co. müssen allerdings im Blick haben, dass noch Wochen danach Schnipsel aus ihrer Rede weitergetragen werden, wenn nicht in die ganze Welt, so doch in jeden Winkel Deutschlands, und zwar auch hier ohne Markierung des Kontextes.
Die Passauer Dreiländerhalle am Aschermittwoch zum Kochen zu bringen, ist schwer. Kaum leichter ist es allerdings, Kinder bei der Stange zu halten. Das weiß jeder, der schon einmal einen Kindergeburtstag selbst gestaltet hat – was natürlich nicht bedeutet, dass es die, die noch nie einen gestaltet haben, nicht wissen können. Wie sagt der Regierungssprecher: „Eigene Kinder und Enkel sind für einen kindgerechten Zugang bestimmt hilfreich, aber kein Muss.“ Jedenfalls hätten die Schülerinnen und Schüler in Marsberg zurückgespiegelt, dass sie den Termin mit dem Bundeskanzler „als atmosphärisch angenehm und inhaltlich wertvoll empfanden“.
„Zuhören ist mindestens genauso wichtig wie Sprechen“
Wie kann man das erreichen? „Entscheidend ist, altersgerecht zu kommunizieren, zuzuhören und den Schülerinnen und Schülern genügend Raum für ihre eigenen Gedanken und Fragen zu geben“, teilt eine Sprecherin des bayerischen Kultusministeriums mit, dessen Chefin, Anna Stolz von den Freien Wählern, regelmäßig Schulen besucht. Gerade dort gelte: „Zuhören ist mindestens genauso wichtig wie Sprechen.“ Und wenn sprechen, dann „verständlich, klar und zugewandt“, ohne dabei künstlich „jugendlich“ wirken zu wollen.
Thorsten Klein meint, die gängige Methode von Politikern, viel zu reden und wenig zu sagen, funktioniere bei Kindern nicht. Darüber hinaus sei der Grat schmal zwischen Autorität ausstrahlen, ohne kalt zu wirken, und auf Augenhöhe kommunizieren, ohne kumpelig zu sein. Man solle die Kinder ernst nehmen und sie nicht unterfordern. „Kinder verstehen erstaunlich komplexe Dinge.“ Und sie merkten auch, wenn sie für Show- oder Fototermine instrumentalisiert würden, als handele es sich bei ihnen um Hundewelpen.
Ähnlich sieht das Dirk Metz. Der Kommunikationsberater mit eigener Agentur in Frankfurt war einst Staatssekretär und Sprecher der Hessischen Landesregierung unter Roland Koch (CDU). Er sagt, man dürfe sich nicht anbiedern; wenn man es doch tue, registrierten das die Kinder sofort – und eventuell anwesende Journalisten auch. Er empfiehlt: „So natürlich sein wie eben möglich“ – was leichter gesagt ist als getan. Metz hat ein gutes Werkzeug gefunden, mit dem er die Welt der Erwachsenen mit derjenigen der Kinder kurzschließen konnte, wenn er selbst als Kabinettsmitglied Schulen besuchte: den Fußball. Zu jeder Einschulungsfeier hat er einen mitgenommen – und ihn den Kindern zugeworfen, wenn sie sich etwa als Fans der Eintracht oder gar von Metz’ Herzensverein FC Schalke 04 zu outen wagten.
Die Fragen sind oft einfach – doch die Antworten nicht
Die Fragen, die Kinder stellen, mögen einfach sein. Das heißt nicht, dass sie kinderleicht zu beantworten wären, zumal wenn sie an Grundsätzliches rühren, mit dem Erwachsene sich sonst nicht aufhalten wollen. Klein erinnert sich an Schülerreporter in der Saarbrücker Staatskanzlei, die Kramp-Karrenbauer fragten: „Was macht eigentlich eine Ministerpräsidentin?“ Es soll Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten geben, die sich da gar nicht so ganz sicher sind.
Kramp-Karrenbauer konnte gut mit Kindern. Schwieriger war es bei Angela Merkel. Wenn sie mit ihrem rationalen Rüstzeug auf die entwaffnende Emotionalität von Kindern traf, war Gefahr im Verzug. Über ihre bekannteste asymmetrische Begegnung schreibt sie in ihren Erinnerungen. Am 15. Juli 2015 habe sie in der Sporthalle eines Schulzentrums an einem Gespräch mit 29 Jugendlichen teilgenommen. Auch die damals 14 Jahre alte Reem Sahwil kam zu Wort. Sie erzählte von ihrer Familie, die aus Libanon nach Deutschland gekommen war und keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis habe.
Merkel schreibt: „Ich hörte aus Reems Worten den Wunsch heraus, dass ich ihre Situation ändern möge. Dennoch sagte mir der Verstand, dass ich nicht den Eindruck entstehen lassen durfte, Reem mit einer Aussage Hoffnung zu machen, nur weil sie die Gelegenheit hatte, mit mir zu sprechen (…)“ Während Merkel antwortete, begann das Mädchen zu weinen. Die Kanzlerin ging zu ihm hin, streichelte es ein wenig und sagte: „Och, komm, du hast das doch prima gemacht.“
Im Gespräch mit Reem Sahwil konnte Merkel kaum gut aussehen
In dieser Sekunde, erinnert sich Merkel, habe sie gespürt, „dass etwas vorgefallen war, was mich noch verfolgen würde, denn ich hatte nicht verhindern können, dass eine Diskussionsteilnehmerin in Tränen ausgebrochen war, noch dazu eine so junge.“ Merkel geriet sofort in einen Shitstorm. Doch was hätte sie anders machen können? Dirk Metz sagt: „In dieser Situation kann man kaum gut aussehen. Entweder man erscheint als herzlos – oder als das glatte Gegenteil.“
Als Erwachsener kann man nicht nur verlieren, wenn man sich allzu erwachsen verhält, sondern auch, wenn man die Ansprüche nicht erfüllt, die üblicherweise an Erwachsene gestellt werden, insbesondere was Expertise und Bildung betrifft. Diese Erfahrung musste im baden-württembergischen Wahlkampf der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel machen, als er bei einem Unterrichtsbesuch den Treibhauseffekt nicht korrekt erklären konnte – und dabei auch noch gefilmt wurde. Kann man als Politiker solche Gefahren entschärfen, indem man Fragen vorbespricht und etwa Themen ausschließt, auf die sich zum Moralisieren neigende Pubertierende besonders gern einschießen? „Nein“, sagt Metz. Seiner Erfahrung nach würden das Schulrektoren, Lehrer und auch Eltern kaum mit sich machen lassen. Außerdem wirkte derlei unsouverän. Heißt: „Das Risiko muss man schon eingehen.“
Eine Alternative wäre, sich Schulbesuche einfach zu sparen. Hier ist die Reaktion aller Gesprächspartner einhellig: Könne man nicht, sollte man nicht, denn damit würde man die Chance „spannender Begegnungen und durchaus beglückender Erfahrungen“ (Metz) verstreichen lassen. Vom bayerischen Kultusministerium heißt es, solche Begegnungen seien „ein wichtiger Beitrag zur Politischen Bildung“. Politik bekomme „ein Gesicht“. Gespräche mit Kindern und Jugendlichen böten darüber hinaus „Politikerinnen und Politikern eine große Chance, unmittelbar zu erfahren, was junge Menschen bewegt, was sie beschäftigt und auch belastet“. Der Sprecher der Bundesregierung teilt für den Kanzler mit, dieser habe „den Anspruch, das Land für künftige Generationen zu bewahren und zu gestalten. Dafür ist es essenziell, Politik im Austausch mit jungen Menschen zu erläutern und zu besprechen.“
Kinder sind Sympathieträger und Multiplikatoren
Mag sein, dass die meisten Schüler noch keine Wähler sind – aber sie sind die Wähler von morgen. Und sie sind Multiplikatoren. Sie kommen nach Hause, erzählen den Eltern, wie es war mit dem Kanzler. Vor allem sind Kinder Sympathieträger, über die Parteigrenzen hinweg. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte zuletzt in seiner Regierungserklärung: „Bei uns zählen nicht nur Raketen, Drohnen und Computer, sondern auch Bauklötze, Tretroller und Sprachkompetenz unserer Jüngsten.“ Kinder seien „einfach das höchste Glück“. Wenig später pflichtete ihm sogar Katharina Schulze bei, die Fraktionsvorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion. Herr Söder habe gesagt, Kinder seien das Wichtigste – „ich unterschreibe das“.
Bernd Lucke hatte das 2013 einmal anders intoniert. Als der damalige AfD-Chef nach seinem Lieblingsgedicht gefragt wurde, antwortete er, vermeintlich abgeklärt: „Lieblingsdinge hatte ich als Sechsjähriger.“ Der gefährliche Eindruck, den Erwachsene mit solchen Sätzen erzeugen können: dass sie sich entfremdet haben von dem, was sie als Kinder einmal werden wollten, Dichter, Astronauten, Tänzer, Tierpfleger – und sicher nicht Mechaniker oder Zyniker der Macht, die sich die Welt von ihren Kindern zwar angeblich nur geliehen haben, aber sich trotzdem so verhalten, als gehörte sie ihnen. Man denke nur an die Themen Kinderarmut, Staatsverschuldung, Klimakrise.
Friedrich Merz hat nach der Sache in Marsberg eine weitere zwiespältige Erfahrung mit dem Thema Kinder gemacht. Auf dem Katholikentag in Würzburg – auch so ein besonderer Kontext, der zu besonderer Ansprache verführt – sagte der CDU-Vorsitzende: „Ich würde meinen Kindern heute nicht empfehlen, in die USA zu gehen.“ Schon wieder war die Aufregung groß.
In ein paar Tagen probiert er es noch einmal. Am 2. Juni wird Merz mit Jugendlichen sprechen, auf Einladung des Bundesjugendrings. Dessen Sprecherin teilte der F.A.Z. mit, der Termin sei „nicht presseöffentlich, daher können wir Sie leider nicht dazu einladen“.
