
Willkommen in der Kaffeerösterei der Zukunft. Roboter arbeiten wie von Geisterhand gesteuert. Sie rösten die Bohnen, füllen sie ab und verpacken sie, dann lagern sie das verkaufsfertige Päckchen im Hochregal ein. Sensoren melden Verschleiß an den Maschinen und Robotern, KI-gestützte Systeme beauftragen Reparaturen, bevor die Bänder stillstehen. Menschen gibt es hier zwar auch noch, aber in der Produktion spielen sie kaum noch eine Rolle. Personalkosten, Strom-, Materialverbrauch und Lagerkosten lassen sich auf ein Minimum reduzieren – um 43 Prozent sinken die Fertigungskosten im Vergleich zu heute. Billigkonkurrenz aus dem Ausland? Muss ein deutscher Kaffeeröster, der so arbeitet, nicht fürchten.
Der nächste große Evolutionssprung
Das Beispiel stammt nicht aus einem Science-Fiction-Roman, sondern aus einer Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Die Berater beschäftigen sich in der Analyse mit der für die deutsche Volkswirtschaft zentralen Frage: Lässt sich die schleichende Deindustrialisierung, die vor etwa einem Jahrzehnt eingesetzt und bereits rund eine halbe Million Arbeitsplätze gekostet hat, noch aufhalten?
Ihr Ergebnis macht Hoffnung: Die Industrieexperten sehen die Fabriken dank verbesserter KI-Anwendungen und Robotik aktuell am Rande eines enormen technologischen Evolutionssprungs. Großer Gewinner könne Deutschland sein. „Wenn es uns gelingt, die Fabriken produktiver zu machen und damit das Gewicht der Lohn- und Energiekosten zu reduzieren, können wir in einigen Industrien wirtschaftlich besser dastehen als ein aus China importiertes Produkt“, sagt BCG Managing Director Daniel Küpper. Das gelte nicht für alle Sektoren, aber für eine ganze Reihe.
Küpper und seine Ko-Autoren sehen die „Fabrik der Zukunft“ in greifbarer Nähe. Diese Fabrik steuert sich weitgehend selbst und ist nicht nur produktiver, sondern liefert auch dauerhaft gute Qualität. Solche Visionen und Schritte in diese Richtung gibt es schon seit vielen Jahren, sie werden von Beratungsunternehmen, die ihr Geld mit Aufträgen aus der Industrie verdienen, propagiert. Der ganz große Produktivitätssprung ist trotz aller Fortschritte aber ausgeblieben. Ein Grund für den neuen Optimismus der Berater sind die Fortschritte in der Robotik. „Der Roboter ist nun auch in Bereichen einsetzbar, für die er nicht explizit trainiert wurde“, sagt Küpper.
Er schätzt, „dass wir heute rund 50 Prozent mehr Anwendungen automatisieren können als vor drei Jahren“. Zudem seien die Kosten für die Installation und Einrichtung der autonomen Systeme, die sonst 70 bis 80 Prozent der Gesamtkosten ausgemacht haben, drastisch gesunken. Heute würden die Systeme in fotorealistischer Umgebung trainiert und dann in einem Schritt auf die Hardware übertragen, das spare sehr viel Geld und mache die Umrüstung der Fabriken auf einmal zum „Business Case“.
Kaum noch Hoffnung für manche Branchen
Um die Folgen dieser Entwicklung abschätzen zu können, haben die Berater weltweit 1000 Industrieunternehmen befragt und eigene Berechnungen angestellt. In mehreren wichtigen Industriebranchen wie etwa der Automobilindustrie verkleinert sich der Wettbewerbsvorteil Chinas gegenüber Deutschland demnach spürbar. In einigen anderen Fällen wie dem Lebensmittelbereich ziehe Deutschland sogar an China vorbei, wenn es darum geht, Waren für den Heimatmarkt zu produzieren. Angenommen wurde dabei, dass sowohl in China als auch in Deutschland in die KI-Fabriken investiert wird. „Logistikkosten und Zölle fallen stärker ins Gewicht, wenn andere Kosten wie etwa Löhne und Energie in einer hochproduktiven Fabrik der Zukunft in geringerem Umfang anfallen“, erklärt Küpper das Ergebnis.
In Summe kommt BCG zu dem Ergebnis, dass von der aktuellen industriellen Wertschöpfung mehr als eine Billion Dollar in West- und Nordeuropa abwanderungsgefährdet seien. Mehr als 700 Milliarden Euro könnten durch die modernen Fabriken im Land gehalten werden. Langfristig kaum Chancen sehen die Fachleute hierzulande für die noch verbliebene Textil- und Elektronikindustrie. Gemischt fällt das Urteil zum Maschinenbau aus. Aktuell sei die deutsche Schlüsselbranche nicht so stark gefährdet wie andere. „Aber das haben wir vor zehn Jahren auch von der Automobilindustrie gedacht — und gesehen, wie schnell es dann am Ende doch mit China ging“, sagt Küpper.
Keine Massenarbeitslosigkeit zu befürchten
Angenommen, die hypermodernen Fabriken können wirklich große Teile der Industrie in Deutschland halten, dann stellt sich die Frage: Was bringt das, wenn dort kaum noch Menschen beschäftigt sind? Berater Küpper will diesen Einwand nicht gelten lassen. Auch in der hoch automatisierten Fabrik würden weiter Menschen arbeiten. „In den indirekten Produktionsbereichen wird es weiter Beschäftigung geben, etwa in der Instandhaltung“, sagt er. Dystopische Prognosen von einer drohenden Massenarbeitslosigkeit hält der Berater für unrealistisch. „Wenn wir 30, 40 Jahre weiter sind, gehe ich nicht davon aus, dass wir Massenarbeitslosigkeit haben — überhaupt nicht. Ich gehe aber sehr wohl davon aus, dass wir spürbare strukturelle Umbrüche erleben werden.“
Damit der Wandel klappt, seien zuallererst die Unternehmen gefragt. Allerdings sieht das Beratungsunternehmen auch die Politik in der Pflicht, die Transformation zu erleichtern. Vor allem der strenge deutsche Kündigungsschutz stehe der schnellen Transformation im Weg, so BCG. Wenn die Kosten für Entlassungen und Abfindungen zu hoch seien, dann mache das die Umstellung unrentabel – mit volkswirtschaftlich langfristig teuren Folgewirkungen. Dass die Vereinigten Staaten Europa in der Produktivität seit den Neunzigerjahren enteilt sind, begründen Ökonomen unter anderem mit dem flexibleren Arbeitsmarkt jenseits des Atlantiks. Die Forderung nach einem gelockerten Kündigungsschutz ist in diesem Fall also mehr als eine Standardforderung von Arbeitgebern.
