
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos haben in den vergangenen 24 Stunden zwei Nordamerikaner Reden gehalten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der kanadische Premierminister Mark Carney hatte offenkundig die Empfindungen vieler Menschen getroffen, als er in ruhigem, würdigem Ton Mittelmächte aufrief, durch eine an Werten ausgerichtete, aber auch pragmatische Zusammenarbeit die Abwehrkräfte gegen übergriffige Hegemonen zu stärken und ihre Machtmissbräuche nicht ängstlich zu verschweigen, sondern offen anzusprechen.
Die Rede erhielt stehende Ovationen und hat sich über den Globus verbreitet. Sie drückt tiefes Unbehagen über das Verhalten der Vereinigten Staaten aus, das in Davos weit zu verspüren ist, meist aber aus Feigheit nicht öffentlich geäußert wird. Immerhin scheint es, wie die „Financial Times“ berichtet, bei einem Festessen angesichts eines ungebührlichen Auftretens des amerikanischen Handelsbeauftragten Howard Lutnick zu einem Eklat gekommen zu sein.
Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, hielt eine würde- und respektlose, mit seinen üblichen Prahlereien gespickte Rede, der jeder Gedanke an gedeihliche Zusammenarbeit fern lag. Seine unverhüllte Verachtung von Regeln und seine Neigung, nur noch sich selbst auferlegte Grenzen zu respektieren, verstören mittlerweile sogar rechtspopulistische Fahnenschwenker in Europa, die ihn bisher für einen Helden hielten.
Carney hat recht: Es liegt kein Sinn in einer Nostalgie gegenüber einer teils verklärten Vergangenheit. Zur aktuellen Realität gehört aber nicht nur die Megalomanie Trumps, sondern auch die Erkenntnis der Verletzlichkeit von Hegemonen. Die ökonomische Bilanz der USA enthält erhebliche Passivposten, vor allem die sehr hohe und steigende Staatsverschuldung. Eine Mehrheit der Amerikaner erteilt ihrem Präsidenten schlechte Noten.
Der Umgang mit egozentrischen Hegemonen ist eine unangenehme Pflicht; insofern sind die Europäer, die mit Washington verhandeln, nicht zu beneiden. Sie sollten Trump mit ruhigem Selbstbewusstsein und Selbstrespekt, aber nicht wie Speichellecker entgegentreten. Carney hat nicht nur ihnen, sondern der ganzen Welt den Weg gewiesen.
