Das Abklingbecken ist eine nützliche Erfindung zur Entschärfung heißer Ware. Es senkt die Gefahr und beruhigt die Gemüter. Seit die deutschen Kernkraftwerke abgestellt sind, wird es dort nicht mehr gebraucht, aber neuerdings kommt es in der Verlagsbranche zum Einsatz, so zum Beispiel in Oliver Jahraus’ Buch „Verstrickte Philosophie“. Alle Hitzköpfe, die sich in den fünfzig Jahren seit Heideggers Tod – und auch schon vorher – zu dessen Verstrickung in den Nationalsozialismus geäußert haben, wirft Jahraus auf engem Raum zusammen, und dann sorgt er für gute Kühlung.
Er will nicht dulden, dass die Debatte von steilen Thesen und schrillen Tönen bestimmt wird, dass „die Amplitude beziehungsweise der maximale Ausschlag von Befürwortung und Ablehnung“ immer größer wird. Sein Bescheid lautet, dass „alle apologetischen Versuche … schlicht und einfach unhaltbar“ seien, dass aber auch eine totale Verdammung von Heideggers Philosophie „schlicht und einfach unhaltbar“ sei.
Heideggers NS-Engagement
So „schlicht und einfach“, wie das hier klingt, fällt Jahraus’ Darstellung zum Glück nicht aus. Mit sicherem Schritt bewegt er sich im Dickicht der Forschungsliteratur, sortiert Argumente und setzt Akzente. Keinesfalls will er herunterspielen oder verharmlosen, was im Konflikt um Heideggers NS-Engagement auf dem Spiel steht – im Gegenteil. Aus seiner Sicht führt kein Weg um die doppelte Einsicht herum, dass Heideggers Werk – wie er mit Jürgen Habermas sagt – einen „eminenten Stellenwert im philosophischen Denken“ des zwanzigsten Jahrhunderts hat und dass es tief in den Nationalsozialismus verstrickt ist. Wie mit dieser „Ambivalenz“ – einem Lieblingswort von Jahraus – umzugehen sei, ist die Grundfrage seines Buches.

Üblicherweise steht dem Material, das im Abklingbecken landet, eine ungewisse Zukunft bevor: Ein Teil wird wiederaufbereitet und harrt weiterer Verwendung, ein anderer Teil landet im Endlager, auf dass niemand je damit in Berührung komme. Jahraus ist ein Verfechter der Wiederaufbereitung: „Von Heidegger abzulassen, weil er sich politisch verstrickt hatte, kann keine philosophische Option sein. Man muss sich nicht weniger, man muss sich, je deutlicher man diese Verstrickung sieht, umso mehr mit Heidegger befassen.“ Von dieser Beschäftigung verspricht er sich eine Schärfung des Blicks auf das, was im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert, in „Moderne“ und „Postmoderne“ vor sich geht.
Jahraus hat sich ein enges methodisches Korsett zugelegt. Er befasst sich nicht direkt mit Heidegger, sondern will die Frage nach dessen „Engagement bzw. Verstrickung beantworten“, indem er „die Geschichte der Auseinandersetzungen um diesen Punkt nachzeichnet“. Darin liegen Vorzug und Grenze dieses Buches. Man findet darin nicht die x-te, eher überflüssige Interpretation der seit 2014 veröffentlichten „Schwarzen Hefte“, aber auch nicht die längst überfällige Deutung von Heideggers Seminarnotizen zu Hegels Rechtsphilosophie aus dem Wintersemester 1934/35: Warum deutet Heidegger Hitlers Machtergreifung als Wiedergeburt Hegels? Abgesehen von ein paar Passagen, die einem ausgeschütteten Zettelkasten gleichen, überzeugt dieses Buch als Versuch, auf dem Umweg über Heideggers Interpreten drei Schlüsselfragen anzupacken: War er überhaupt politisch? War er ein Nazi? War er ein Antisemit? Jahraus’ Antwort auf diese Fragen lautet jeweils: Ja, aber …
Eine vermeintlich ursprünglichere Bedeutung von Politik
Heideggers Auskunft aus dem Jahr 1950, er sei „im Politischen weder bewandert noch begabt“, hat Hannah Arendt und andere veranlasst, sein NS-Engagement als einen Fehltritt mangels Durchblick zu deuten. Jahraus wendet sich gegen diese Lesart mit dem Hinweis, dass hinter Heideggers Distanz zur Politik die offensive Strategie steckt, sie auf eine vermeintlich ursprünglichere Ebene zurückzuführen. Der Nationalsozialismus bietet Heidegger nach Jahraus die Chance zum Durchbruch zur Eigentlichkeit, nachdem sein „Denken nach oder schon mit Sein und Zeit in einen unauflöslichen Widerspruch, in eine Aporie geraten war“. Jahraus vermeidet plumpe Gleichsetzungen zwischen 1927 und 1933 und spürt „die philosophischen Dispositionen und Gedanken Heideggers“ auf, „die seine Verstrickung und die seiner Philosophie in den Nationalsozialismus“ nach sich ziehen. Hierzu verweist er mit Karl Löwith und Karl Jaspers auf Heideggers Deutung von Geschichte und Geschichtlichkeit sowie auf dessen Neigung, Gemeinschaft ohne Kommunikation zu denken.
Der Antisemitismus passt ins Bild, weil Heidegger damit die seinsgeschichtliche Verfallsgeschichte mit einem zusätzlichen Akteur ausstatten kann: dem Judentum und seinen Machenschaften. Seine eigene Rolle als politischer Akteur hat Heidegger nach dem Zweiten Weltkrieg freilich unter den Teppich gekehrt. Jahraus macht deutlich, dass darin nicht nur persönliche Feigheit zum Ausdruck kommt, sondern ein philosophisches Programm ausgeführt wird: Da Heidegger nur mitvollzieht, wohin die Seinsgeschichte von sich aus drängt, hält er moralische Erwägungen für sinnlos – also auch den „Widerruf“, den der Freund und Theologe Rudolf Bultmann von ihm erwartet, oder das Schuldbekenntnis, zu dem ihn der Dichter Paul Celan drängt. Da steigt die Temperatur im Abklingbecken doch sprunghaft an.
Zu einer steilen These lässt sich Jahraus am Ende hinreißen. Sie betrifft das Verhältnis zwischen Martin Heidegger und Jürgen Habermas, dessen F.A.Z.-Artikel aus dem Jahr 1953 „Mit Heidegger gegen Heidegger denken“ ihm als eine Art Grundstein dient. Mit Verweis auf Habermas’ pathetische Selbstauskunft, er habe in jungen Jahren geradewegs „in dessen Philosophie gelebt“, sortiert Jahraus die Einflüsse neu, die auf Habermas gewirkt haben. Demnach liegen nicht „Marx, Frankfurter Schule, sprachanalytische Philosophie“ vorn, sondern „die Bedeutung Heideggers übertrifft wohl die aller anderen. […] Sein Projekt einer normativen Gesellschaftstheorie kann man nicht angemessen verstehen, wenn man nicht die zugrundeliegenden Fragen beachtet, die er von Heidegger übernimmt.“ Nicht nur Adorno, auch Habermas hätte diese Einordnung wohl zurückgewiesen, aber man darf Jahraus nicht übelnehmen, dass er in seinem wohltuend unaufgeregten Buch doch noch eine Provokation versteckt hat.
Oliver Jahraus: „Verstrickte Philosophie“. Heidegger und der Nationalsozialismus. dtv, München 2026. 239 S., geb., 24,– €.
