Es klingt nicht gerade aufbauend, wenn man unmittelbar nach einer Niederlage von seinem Mannschaftsführer vor laufenden Kameras auf subtile Weise für das Resultat verantwortlich gemacht wird – und das gleich danach in den sozialen Medien seine Runde macht. Denn Isaiah Hartenstein hat die undankbarste Aufgabe von allen Spielern der Oklahoma City Thunder zugeteilt bekommen: Er soll Victor Wembanyama, den überragenden langen Kerl in der National Basketball Association, ausschalten.
Aber Shai Gilgeous-Alexander suchte wohl nach einem Sündenbock: „Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, dass das gut gelaufen ist.“ Dann dachte er kurz nach und korrigierte sich wenigstens um einen kleinen Deut: „Es war okay“, sagte er. „Es war gut.“
Hartensteins hoher Basketball-IQ
Dass die Oklahoma City Thunder als aktueller Meister und Team mit dem besten Punktestand der regulären Saison mit Wembanyama und den San Antonio Spurs so viele Schwierigkeiten haben würden, ist keine Neuigkeit. Das zeichnete sich bereits zwischen Dezember und Februar ab. Da trafen die beiden Rivalen um einen Platz in der Finalserie gegen die New York Knicks insgesamt fünfmal aufeinander, und viermal gewannen die Spurs. Eine Mannschaft, die seit einem Generationswechsel und dem zwangsläufigen Aderlass vor sechs Jahren dank der Verpflichtung des 22-jährigen Franzosen und weiterer Verstärkungen wieder das Zeug hat, um den Titel mitzuspielen.
Mit dem 2,24 Meter großen, flinken und wurfstarken Center hätte jeder seine Mühe, nicht nur der nur zehn Zentimeter kleinere, äußerst muskulöse Hartenstein. Der zeigt in der zweiten Saison seines Dreijahresvertrags mit Oklahoma City, der insgesamt 87 Millionen Dollar (umgerechnet knapp 75 Millionen Euro) umfasst, immer wieder, dass er eines der mannschaftsdienlichsten Mitglieder im Kader ist.
Ausgestattet mit einem hohen Basketball-IQ und einer Einstellung, wie sie nach dem Sieg in der zweiten Playoff-Begegnung durchschimmerte: „In einer Mannschaftssportart muss man sein Ego zurückstellen“, sagte er Journalisten. Er vertraue Trainer Mark Daigneault. Der erkläre „einem schon vorher sehr gut, welche Rolle man spielen wird“. Deshalb wusste der 28-Jährige, der in der NBA bereits eine kleine Tournee mit Stationen bei den Houston Rockets, Denver Nuggets, Cleveland Cavaliers und New York Knicks hinter sich hat, „vor dem ersten Spiel ungefähr, was auf mich zukommt“. Vor der zweiten Begegnung gegen die Spurs habe „er sich nochmal mit mir hingesetzt“ und „sich irgendwie entschuldigt“. Seine Ansage lautete: „Sei einfach bereit, wenn du auf den Platz gehst. Wir werden versuchen, ein paar Dinge zu ändern.“
Die Doppelzange packt nicht richtig zu
Besonders delikat ist allerdings ein Problem, das nur auf dem Papier wie keines aussieht: Die Thunder haben mit Hartenstein und Chet Holmgren (2,16 Meter) gleich zwei Riesen, um Wembanyama theoretisch das Leben in der Nähe des Korbs schwer zu machen. Aber diese Kombination zeigte bereits beim Gewinn der Meisterschaft im letzten Jahr ihre Schwächen, als der Trainer in der Finalserie gegen die Indiana Pacers die beiden nur in elf Prozent der gesamten Spielzeit gemeinsam brachte: Die Doppelzange packt weder in der Defensive noch in der Offensive richtig zu. Eine höhere Effizienz springt kurioserweise nur dann heraus, wenn nur einer von beiden auf dem Platz steht.

Daigneault hat seit der letzten Saison das Konzept verfeinert und das Duo in der aktuellen Spurs-Serie zumindest in 20 Prozent der Spielminuten aufgeboten. Denn die Vorzüge sind offensichtlich: Im Kampf um Rebounds wirkt man mit Hartenstein und Holmgren im Tandem unwiderstehlich. Aber sobald das Spieltempo steigt, werden andere Qualitäten wichtiger – zum Beispiel präzise Distanzwürfe. Und da sieht es bei Oklahoma City vergleichsweise mager aus. Die Spurs mit Wembanyama und dem 21-jährigen zweiten Ausnahmetalent, dem Amerikaner Stephon Castle in seinem zweiten NBA-Jahr, trafen – bislang – einen Hauch besser.
Jedenfalls bis zum fünften Spiel der Serie am Dienstag. Da demonstrierten die Thunder über weite Teile mit einer für Basketballverhältnisse ziemlich harten Gangart und mit einem verbissenen Kampf um jeden Ballbesitz, dass ihre Leistungsträger in der Summe mehr an konditionellen Reserven haben und auf diese Weise relativ überlegen den 127:114-Erfolg sicherstellten.
Hartensteins Beitrag war beachtlich: In 31 Minuten produzierte er zwölf Punkte, sammelte fünfzehn Rebounds ein und kam auf vier Assists – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Titelverteidigung. In Spiel sechs in der Nacht zum Freitag deutscher Zeit in San Antonio kann sich Oklahoma City mit einem weiteren Sieg bereits für die Finalserie qualifizieren. Wenn nicht, gibt es auf jeden Fall noch eine weitere Chance: am Samstag abermals in eigener Halle.
