
Als bei Jackie Caplan-Auerbach am frühen Morgen des 10. Augusts vergangenen Jahres zu Hause das Telefon klingelte, beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Ihre Nachbarn waren nämlich zehn Tage zuvor zu einer Kajaktour in die beeindruckende, weitgehend unbewohnte Fjordlandschaft im Südosten Alaskas aufgebrochen und hatten die Forscherin gebeten, regelmäßig in ihrem Haus nach dem Rechten zu sehen. Jetzt meldeten sich die Wassersportler per Satellitentelefon bei ihr: Eine schwere Wasserwelle hatte einige Stunden zuvor eines ihrer Kajaks und einen großen Teil ihrer Ausrüstung weggespült. Nun standen sie hilflos an einem Strand auf der einsamen Harbor-Insel am Ausgang des Tracy-Arm-Fjords, gut 60 Kilometer von Alaskas Hauptstadt Juneau entfernt.
Nachdem die amerikanische Seismologin die Küstenwache alarmiert hatte, ging sie in ihr Büro an der Western Washington University in Bellingham bei Seattle. Dort hatte sie Zugang zu den Aufzeichnungen der Messgeräte des seismischen Überwachungsnetzes von Alaska. Tatsächlich hatten einige im Großraum von Juneau aufgestellte Seismometer in der Nacht zuvor ein dumpfes Rumpeln registriert. Seine Stärke entsprach etwa einem Erdbeben der Magnitude 5,4. Allerdings war es kein Erdbeben, sondern ein schwerer Erdrutsch, der die Bodenerschütterungen ausgelöst hatte. Konnte ein solcher Erdrutsch die eigenartige Welle ausgelöst haben, welche die Ausrüstung der Wassersportler fortgespült hatte, fragte sich Caplan-Auerbach.
Gletscher weltweit auf dem Rückzug
Im Laufe des Tages bestätigte sich die Vermutung der Seismologin. Bei einer Patrouillenfahrt durch den unbewohnten Tracy-Arm-Fjord entdeckten Seeleute der Küstenwache schwere Zerstörungen an beiden Ufern. Bäume und Bewuchs waren bis in einige Hundert Meter Höhe weggespült worden, und am oberen Ende des Fjords, wo sonst die Steilhänge dicht bewachsen sind, waren nun mehrere Hundert Quadratmeter nackte Felsen zu sehen.
Eine Forschergruppe um Dan Shugar von der University Calgary, zu der auch Caplan-Auerbach gehört, hat nun in der Zeitschrift „Science“ den Ablauf der Ereignisse in dieser Nacht im vergangenen August und deren weitreichende Folgen beschrieben. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stand dabei der South-Sawyer-Gletscher. Er wird vom Stikine-Eisfeld im Innern von Südwest-Alaska gespeist und mündet als Gezeitengletscher in den Tracy-Arm-Fjord. Bei einem solchen Gletscher schwimmt die Gletscherzunge auf dem Wasser des Fjords, wobei sie den Gezeiten ausgesetzt ist. Wie fast alle Gletscher in Alaska zieht sich auch der South-Sawyer-Eisschild aufgrund der globalen Erderwärmung immer weiter zurück.
Wasserwelle schwappt bis zu 500 Meter hoch
Die Masse der Gletscherzunge gibt aber dem Boden und dem Bewuchs an den Steilhängen des Fjords einen gewissen Halt, vergleichbar mit einem Fundament oder einer Stützmauer. Wenn die Zunge nun allmählich schmilzt und sich der Gletscher zurückzieht, verliert der Boden diesen Halt und kann abrutschen, was katastrophale Folgen haben kann. Genau das geschah in den frühen Morgenstunden des 10. Augusts, als etwa 64 Millionen Kubikmeter Boden, Erde und Geröll plötzlich mehrere Hundert Meter die Steilhänge an der Gletschermündung abrutschten und mit großer Wucht in den Fjord stürzten.
Dabei schwappte das Wasser am gegenüberliegenden Ufer fast 500 Meter hoch die Steilhänge empor und raste dann mit einer Geschwindigkeit von 70 Metern pro Sekunde durch den engen Fjord. Als die Welle nach fast 30 Kilometern das Lager der Wassersportler erreichte, war sie immer noch stark genug, eines von deren Booten und die Ausrüstung wegzureißen.
Solche Tsunamis, die von Erdrutschen ausgelöst werden, sind in den Polarregionen nicht ungewöhnlich. Allein aus Alaska sind aus den vergangenen hundert Jahren 27 Erdrutsche bekannt, die zu derartigen Tsunamis führten. Tatsächlich gab es den bisher größten je gemessenen Tsunami am 9. Juli 1958 in der Lituya-Bucht im Südosten Alaskas. Damals kam es dort entlang der Fairweather-Verwerfung zu einem Erdbeben der Magnitude 8. Als Folge der Erschütterungen rutschte eine gewaltige Felsmasse mit einem Volumen von mehr als 30 Millionen Kubikmetern auf die Zunge des in die Bucht hineinreichenden Lituya-Gletschers. Dabei schwappte das Wasser der im Durchschnitt mehr als 200 Meter tiefen Bucht bis zu 500 Meter hoch auf das gegenüberliegende Ufer und riss dort alle Bäume mit sich.
Liste der verheerendensten Tsunamis
Vor neun Jahren führte ein noch größerer Bergsturz aus knapp 1000 Meter Höhe in dem Karrat-Fjord in Westgrönland ebenfalls zu einem großen Tsunami. Selbst in einer Entfernung von 20 Kilometern war die Welle noch neun Meter hoch, als sie auf das Dorf Nuugaatsiaq traf. Elf Häuser wurden dabei zerstört, und vier Menschen kamen ums Leben. Die abgestürzte Felsmasse wurde auf ein Volumen von 50 Millionen Kubikmetern geschätzt. Schließlich gab es im September 2023 einen gewaltigen Erdrutsch im Dickson-Fjord in Ostgrönland. Der dabei ausgelöste Tsunami richtete schwere Schäden an einer verlassenen Patrouillenstation der dänischen Streitkräfte an. Die Wasserwelle schwappte dann noch tagelang durch den engen Fjord und ließ dabei den gesamten Erdkörper mit einer Periode von 92 Sekunden vibrieren.
In ihrem Artikel erwähnen die Forscher um Dan Shugar auch das immer größer werdende Risiko, das von solchen Erdrutsch-Tsunamis in den Fjordlandschaften des hohen Nordens ausgeht. In den vergangenen zehn Jahren hat nämlich die Zahl der durch die Fjorde zu den Gezeitengletschern fahrenden Kreuzfahrtschiffe immer mehr zugenommen. So hielten sich an dem Tag, als der Erdrutsch-Tsunami durch den Tracy-Arm-Fjord raste, mindestens drei Kreuzfahrtschiffe in den Nachbarfjorden südlich von Juneau auf. Zum Glück war aber keines der Schiffe zur Unglückszeit in dem betroffenen Fjord. Wenn ein Tsunami auf hoher See auf ein Schiff trifft, spürt man die Wellenbewegung kaum, denn dort sind Tsunamis nur wenige Dezimeter hoch. In den engen Fjorden können die Wellen aber mehrere Dutzend Meter hoch sein und selbst auf größeren Schiffen schwere Schäden anrichten.
