
Vor zehn Jahren hat Clemens Tönnies noch mit Helene Fischer gesungen. Die Schlagersängerin hatte auf der Feier zum 60. Geburtstag des Fleischfabrikanten in Rheda-Wiedenbrück ein Privatkonzert gegeben. Eine Dekade später will es der Familienunternehmer ruhiger angehen lassen zu seinem Geburtstag am 27. Mai. Das hängt wohl weniger mit dem Altersunterschied zusammen als damit, was in den vergangenen Jahren alles passiert ist: der Corona-Ausbruch im Werk, sein unrühmlicher Abschied von Schalke 04, die schwierige Lage in der Fleischindustrie. Selbst für einen hartgesottenen Fleischfabrikanten ist das eine Ausnahmezeit.
Clemens Tönnies ist zurückhaltender geworden. Zu einem gewissen Grad natürlich. Er ist nach wie vor einer, der immer vorne mitspielen will. In der Mittagsrunde am Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück ist er noch jeden zweiten Tag dabei. An der Vorstandssitzung montagmorgens, um sieben Uhr, vor Ort, wird eisern festgehalten. Und wenn mal ein Termin kurzfristig ausfällt, zieht Tönnies die Arbeitskleidung über den Anzug und die Gummistiefel an und inspiziert sein Werk. Gleichwohl übergibt der geschäftsführende Gesellschafter der Premium Food Group (PFG), wie das Familienunternehmen seit 2025 heißt, sein Reich so langsam an die nächste Generation.
Geburtsgewicht mit der Fleischwaage bestimmt
Wer Clemens Tönnies, einen der umstrittensten Unternehmer in Deutschland, verstehen will, muss erst einmal seine jungen Jahre in den Blick nehmen. Aufgewachsen ist er als fünftes von sechs Kindern in der Metzgerei der Eltern. Schon das Geburtsgewicht wurde mit der Fleischwaage unten im Laden bestimmt. „Du warst auch als Kind Teil des Geschäfts“, sagt Tönnies. Mit acht Jahren ist er an der Kasse gestanden, 140 Brötchen abzählen, neun Pfennig das Stück. Mit seinem Bruder Bernd teilte er sich für sieben Jahre das Bett, die Eltern waren sparsam. „Mein Vater kaufte eine Hose im Jahr und lief mit Gummischuhen herum.“ Behütet aufgewachsen seien die Kinder, aber auf Fleiß sei immer Wert gelegt worden.
1971, da war Bruder Bernd gerade mal 19 und vier Jahre älter als sein kleiner Bruder, gründete er einen Großhandel für Fleisch- und Wurstwaren. Sie konnten eine insolvente Wurstfabrik pachten. In Rheda gab es zu der Zeit alleine fünf Wurstfabriken, die gut 500 Schweine in der Woche verarbeiteten. Die schnitten aber nur Fleischteilstücke selbst heraus, also kauften die Tönnies-Brüder den Rest und verwerteten weiter. Knochenputzen nennt sich das. Clemens Tönnies kümmerte sich um Verkauf und Vertrieb. „Aber mein Bruder war der Visionär.“ Vom Geld von der Kommunion kauften sie den ersten gebrauchten Lieferwagen, einen R4 für 5800 Mark. Später dann den ersten Lkw. „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so stolz, auch später nie, als dieses Auto da zu kaufen“, sagt Tönnies.
Mit den Discountern als Abnehmern wuchs das Geschäft rasant. Tönnies entwarf Kataloge mit Artikelnummern, legte Wert auf Prozesssicherheit, auf Nachverfolgbarkeit. „Als ich 22 war, hatten Bernd und ich jeder eine Million auf dem Konto. Das hat nur keiner gemerkt.“ Im Laufe der Zeit übernahmen sie verschiedene Verarbeiter, wurden selbst Wurstproduzenten. 1992 investierten sie 84 Millionen Mark in ein Gelände mit 18.400 Quadratmetern in Rheda. Eine Riesensache damals. Die Wende hatte neue Kunden und mehr Geschäfte gebracht. Heute nimmt Tönnies dort mit seinem Werk die gesamte Fläche ein, auf 185.000 Quadratmetern. Also zehnmal so groß.
„Man fügt sich irre Wunden zu“
1994 stirbt Bernd mit nur 42 Jahren an den Folgen einer Nierentransplantation. Seinen Anteil von 60 Prozent vererbt er seinen Söhnen Clemens und Robert. Die Führung des Unternehmens übernimmt aber der Onkel, Clemens Tönnies. Der macht das Geschäft noch viel größer, durch Zukäufe und Effizienz. Die Aufteilung der Familienanteile sollte später noch eine gewichtige Rolle spielen und in einen heftigen Familienstreit münden. Clemens Tönnies überredet seine Neffen 2008, ihm je fünf Prozent abzutreten – so wie es ihm sein Bruder am Sterbebett versprochen habe.
Neffe Robert, der die Anteile seines Bruders zwischenzeitlich übernommen hatte, fordert jedoch seine Schenkung später zurück und klagt auf „groben Undank“. Onkel und Neffe überziehen sich über Jahre mit persönlichen Vorwürfen, treffen sich vor Gericht. Erst 2018 schließen sie einen Familienfrieden. „Man muss vergeben können“, sagt Tönnies. „Man fügt sich irre Wunden zu. Mir tut jeder Satz leid, der über uns in der Öffentlichkeit gestanden hat.“ Die stärkere Rolle seines eigenen Sohnes Maximilian, der inzwischen mit fünf Prozent am Unternehmen beteiligt und damit auch geschäftsführender Gesellschafter ist, hilft heute dabei, die Wogen zu glätten und in der Familie zu moderieren. „Wir treffen uns heute regelmäßig, gehen frühstücken oder treffen uns bei Taufen oder Kommunion, wie sich das in einer Familie gehört.“
Clemens Tönnies selbst verbringt nun viel Zeit damit, zu überlegen, wie man die Produktion stärker automatisieren kann. Die Zerlegung ist enorm personalintensiv und gar nicht so leicht mit Robotern zu ersetzen. Es ist kalt in den Hallen. Und Blut und Desinfektionsmittel sind keine besonders gute Kombination für technische Geräte. Mitten in der Corona-Pandemie, in der wohl größten Krise des Unternehmens, hat Tönnies Millionen investiert in Roboter, die Schweinen die Bauchdecke aufschneiden. Gut 20.000 Mitarbeiter beschäftigt die Unternehmensgruppe, in keinem Werk so viele wie in Rheda-Wiedenbrück, wo jeden Tag 20.000 Schweine geschlachtet werden.
„Die wollten mein Haus anstecken“
Dort kam es in der Pandemie zu Ereignissen, die Tönnies noch heute nachhängen. Im Sommer 2020 infizierten sich mehr als 1500 Mitarbeiter in kurzer Zeit. Weil es damals in der Branche üblich war, Arbeiter über Subunternehmen mit Werkverträgen anzustellen, war die Rückverfolgung der Infektionskette schwierig. Politiker schimpften über Tönnies. 30 Tage blieb das Werk behördlich angeordnet geschlossen. Der Streit mit Nordrhein-Westfalen endete damit, dass das Land 3,2 Millionen Euro zahlte, was Tönnies an karitative Zwecke weiterleitete.
Die Rolle als Feindbild war der Unternehmer zwar schon vorher gewohnt, aber nicht in dieser Dimension. „Schneidet ihm den Kopf ab, wie er das bei seinen Schweinen macht“, das bekam Tönnies von Vermummten zu hören. „Die wollten mein Haus anstecken, das hat mich belastet“, sagt er heute und räumt ein: „Wir hätten Jahre vorher mit den Werkverträgen aufhören müssen. Ganz eindeutig. Das werfe ich mir vor.“ Er sagt aber auch: Haken dran.
Wie bei Schalke 04. Denn zur gleichen Zeit zog sich Tönnies nach scharfer Kritik aus dem Führungskreis des Fußballvereins zurück, den er 26 Jahre prägte. Seinem Bruder Bernd hatte Tönnies auf dessen Sterbebett versprochen, sich um den Verein zu kümmern. Von 2001 bis 2020 leitete er den Aufsichtsrat. Doch die Beziehung zu den Fans war schon früher zerrüttet. 2019 hatte Tönnies auf einer Veranstaltung gesagt, man solle in Afrika Kraftwerke bauen, damit die Menschen aufhörten, „Bäume umzuhauen“ und Kinder zu produzieren.
Ein altes Foto mit Wladimir Putin
Die Empörung war groß. Tönnies trat vorübergehend zurück. Dass die Ultras ihn nie mochten, hatte er längst akzeptiert. Den Eklat von 2019 hat er öffentlich bedauert. Das Sponsoring des russischen Staatskonzerns Gazprom, ein altes Foto, das ihn mit Wladimir Putin zeigt – auch das blieb haften. Von Putin distanzierte sich Tönnies nach dem Überfall auf die Ukraine. Im Stadion ist er längst nicht mehr so häufig wie früher. Denn: „Alles im Leben hat seine Zeit.“
Der Mann polarisiert auch deswegen so stark, weil er nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er gerne Erfolg hat. Tönnies ist einer der wenigen Milliardäre in Deutschland, der sein Vermögen nicht geerbt hat. 7,8 Milliarden Euro setzte sein Unternehmen zuletzt um. Es ist der mit Abstand größte Schlachter von Schweinen, bei Rindern kommt es nach Westfleisch auf den zweiten Platz. Die geplante Übernahme von drei Rindfleisch-Schlachtbetrieben des niederländischen Anbieters Vion hatte das Kartellamt der PFG 2025 untersagt.
Clemens Tönnies ist das Kerngeschäft Schlachten und Verwursten nicht genug. Seine PFG bietet auch Tiernahrung an, übernimmt für andere Unternehmen die Logistik, und tierische Proteine gehen als Inhaltsstoffe in Produkte wie Zahnpasta oder Medikamentenkapseln. All das ist der Grund, warum sich das Unternehmen 2025 in „Premium Food Group“ umbenannt hat – auch, um für Kunden und Investoren jenseits der Schlachtung attraktiv zu sein. Der Name Tönnies ist schließlich vor allem mit diesem Bild verbunden.
Clemens Tönnies hat sich in den letzten Jahren viel vorgeworfen – die Werkverträge, den Familienstreit, manches öffentliche Wort zu viel. Und er hat gelernt, Haken dranzumachen. Was bleibt, ist ein Unternehmer, der mit 70 immer noch montags um sieben Uhr im Büro sitzt und sich fragt, welcher Roboter als Nächstes seine Arbeit übernehmen kann. Loslassen, ja. Aber langsam.
