Herodias (miss-)braucht Herodes, weil dieser Macht und Gold besitzt. Herodes begehrt auf perverse, inzüchtig-impotente Art seine Stieftochter Salome, die auch durch Narraboth vergöttert wird. Salome ist verrückt nach Jochanaan. Jochanaan wiederum schwärmt für „des Menschen Sohn“: den Messias der Christen, dessen Kommen er verkündet.
„Liebe“ möchte man keine dieser Beziehungen nennen, nicht einmal mit der Einschränkung „einseitig“. Das Wort fällt bezeichnenderweise erst im siebtletzten Satz des Librettos, das Richard Strauss 1903 aus Oscar Wildes Drama „Salome“ gewonnen hat. „Sie sagen, dass die Liebe bitter schmecke“, singt Salome da unmittelbar vor ihrem Tod – nach Erfüllung tönt das nicht. Triebfeder der Handlung ist vielmehr eine Kette von Zweikämpfen, die für alle Hauptfiguren böse endet. Am Schluss sind die Titelfigur, Jochanaan und Narraboth eines gewaltsamen Todes gestorben, derweil Herodias und Herodes, glaubt man den Visionen des Propheten, dasselbe Schicksal erwartet.
Zweikämpfe der Gefühle
Matthias Goerne stellt diese Zweikämpfe, bei denen Gefühle wie Waffen eingesetzt werden, in den Mittelpunkt seiner Inszenierung am Théâtre du Capitole in Toulouse. Christophe Ghristi, der ideenreiche und gut vernetzte Intendant, hatte den deutschen Bariton für dessen Debüt als Regisseur gewinnen können. „Salome“ war Goernes eigener Wunsch. Der 59 Jahre alte Lied- und Opernsänger versetzt die Handlung von einer Terrasse im Palast des Herodes Antipas, der zur Zeit Jesu in Galiläa herrschte, in eine Mischung aus Investmentbankatrium und Lobby eines Raumschiffs für Techmilliardäre.
Ein Ort der Macht: In der Mitte eine von rechts nach links aufsteigende Treppe, eingefasst durch gerundete Wände aus Sichtbeton mit Tadao-Ando-Ankerlöchern (das ebenso schicke wie funktionale minimalistische Bühnenbild hat Hernán Peñuela entworfen). Vinicio Chelis Beleuchtung lässt diese mineralischen Flächen zunächst wie roten Marmor aussehen, vor Jochanaans Aufstieg aus der Zisterne finden sie dann ihren charakteristischen Grauton.

Da hat bereits ein erster Zweikampf stattgefunden: Die Prinzessin Salome brachte den Hauptmann Narraboth mit der Aussicht auf künftige Gesten der Aufmerksamkeit dazu, den Propheten aus dem Verlies zu lassen und so das Verbot des Tetrarchen zu brechen. Aufgekratzt wie ein Kind, das ein neues Spielzeug erwartet, verfolgt die Stieftochter des Herodes, wie Jochanaan in einer Glaskapsel aus dem verspiegelten Boden auffährt – prämonitorisch sieht man zunächst nur seinen Kopf.
Es folgt ein zweites Duell: Salome buhlt, zunehmend aggressiv und explizit, um Jochanaans Beachtung; dieser weist sie, zunehmend harsch und verdammend, ab. Laut Goernes Lesart weniger aus Standfestigkeit denn aus Furcht, der Kindfrau zu verfallen. Das verwöhnte Gör seinerseits ist Widerstand nicht gewohnt: Von wirbelnd und strahlend gefrieren ihm Gestik und Mimik bald zu stocksteif und konsterniert. Erst als der Tetrarch sie später zum Tanzen auffordert, erwacht Salome aus der Schockstarre – bietet sich ihr doch so die Möglichkeit, dem Stiefvater einen nicht spezifizierten künftigen Dank abzutrotzen, eidlich besiegelt.

Dem „Tanz der sieben Schleier“ gibt Goerne eine neue Choreographie. Sieben Soldaten entschleiern die Prinzessin mit grinsendem Sadismus, derweil der Tetrarch aufgegeilt zuschaut und Gladiatorenkampf-Daumen nach oben und nach unten verteilt. Goerne treibt den Übergriff nicht bis zur Nötigung, was darstellerische Peinlichkeiten erspart und die gemimte Gewalt umso glaubhafter macht.
Darstellung der Juden als Schwachpunkt
Doch in einem letzten Zweikampf rächt sich Salome am Stiefvater. Gegen dessen zunehmend verzweifelten Widerstand erringt sie – „Du hast einen Eid geschworen, Herodes“ – den Kopf des Jochanaan. Dieser fährt in Toulouse auf dem dazugehörigen (leblosen) Körper sitzend in der erwähnten Glaskapsel aus dem Boden. Am Schluss wird Salome auch nicht durch Soldaten zwischen ihren Schilden zermalmt, sondern kauert lebend, aber entrückt vor dem toten Propheten: „Allein, was tut’s? Was tut’s? Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan.“
Ein Schwachpunkt der sonst sehr soliden Inszenierung: die Darstellung der fünf Juden. Wie sie im Fugato der vierten Szene knicken und nicken, mit den Augen zwicken, bedient heikle Klischees. Sicher ungewollt: Der Regieanfänger Goerne hat da wohl einfach unbedacht den durch Text und Musik in einer Silberschüssel gereichten Anstoß aufgegriffen, religiöse Eiferer zu karikieren. Ein Schwachpunkt der musikalischen Verwirklichung: Der „italienische“ Saal mit seinen heute 1136 Sitzplätzen ist schlicht zu klein für Strauss’ Riesenorchester. Über weite Strecken hinweg dröhnt es.
Großes Lob verdient Nicole Chevalier, die kurzfristig als Salome eingesprungen ist – am Vorabend der Premiere war sie noch als Violetta Valéry in Basel zu sehen. Ihr Rollendebüt liegt erst sechs Monate zurück; sie stürzt sich rückhaltlos in die sportliche Herausforderung und besteht diese mit Brio. Stimmlich ist (fast) alles an seinem Platz, interpretatorisch wird es besonders interessant nach der forcierten Entschleierung, als Goerne die Prinzessin in ein verbiestertes Racheengelchen verwandelt – und Chevalier das hören und sehen lässt, mit dunkel brennender Intensität und mahlendem Gebiss.
Jérôme Boutilliers sonorer Jochanaan, Nikolai Schukoffs schier zu schneidiger Herodes, Fabien Hyons schwärmerischer Narraboth und Sophie Kochs herrische Herodias zeugen von glücklicher Hand beim Casting. Und Frank Beermann am Dirigentenpult animiert das – dank Michel Plassons und Tugan Sokhievs langjähriger Aufbauarbeit – superbe Orchestre national du Capitole dazu, die Modernität der Partitur auszukosten. Die Kontrafagottisttin Marion Lefort hat da einen großen Abend.
