
Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, als man sich in Mainz schwertat mit der im Jahr 1900 geborenen Schriftstellerin Netty Reiling, die schon als junge Frau ihre rheinhessische Heimat verließ und unter dem Namen Anna Seghers in Berlin berühmt wurde. Bereits 1928 wurde ihr der renommierte Kleist-Preis verliehen, 1933 emigrierte sie und kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Sie starb, überzeugte Sozialistin bis zum Schluss, 1983 in Ostberlin, kurz bevor ihr, nach vielen Diskussionen und gegen zahlreiche Widerstände, die Mainzer Ehrenbürgerwürde zuerkannt wurde.
Nun geht man gelassener mit Anna Seghers um, und Alina Flucks Bühnenversion ihres berühmtesten Romans „Das siebte Kreuz“ im Kleinen Haus des Staatstheaters zeigt, dass die Autorin eine Klassikerin ist. Und dass ihr Werk, wiewohl auf den ersten Blick untrennbar mit dem Zeitgeschehen, mit der Herrschaft der Nationalsozialisten, mit Emigration und antifaschistischem Widerstand verbunden, inzwischen zeitlos geworden ist und eine aktuelle Lesart verträgt, die über das eigentliche historische Geschehen hinausreicht. Fluck lässt dafür Anna Seghers selbst auftreten (Kruna Savić), sie liest vor und steht als stumme Zeugin neben den Figuren.
Die Geschichte des Häftlings Georg Heisler (David T. Meyer), mit sechs anderen geflüchtet aus dem KZ Westhofen, das sein Vorbild im realen Konzentrationslager Osthofen bei Worms hat, wird in Flucks mit Pause knapp dreistündiger Fassung zu einem anschaulich gestalteten Panorama der mit dem Terror einer Diktatur einhergehenden inneren Zerstörung der Bürger. Dies ist der ganz überzeitliche Fokus von Flucks Inszenierung. Auf der grauen, kargen Bühne (Kostüme und Bühne Marleen Johow), nach hinten durch einen Betonwall begrenzt und ab und zu durch Gefängnisprospekte und eine an den Rhein erinnernde Landschaft ergänzt, werden nicht nur die sechsfach scheiternde Flucht und das grausame Ende der wieder Eingefangenen an den Kreuzen im Lager gezeigt.
Wie sich Unterdrückung auf die Bevölkerung auswirkt
Georg Heislers Fluchtstationen nach Rüsselsheim und Frankfurt, später zurück zum Rhein nach Mainz-Kastel und von dort auf einen Schlepper in die Niederlande, zeigen an unterschiedlichen Typen, allesamt im fliegenden Wechsel vom gesamten Ensemble gespielt, wie sich das totale Unterdrückungsregime auf den Einzelnen auswirkt. Da gibt es den Ängstlichen, der jeden Kontakt vermeiden will, ebenso wie den Helfer, der dabei so tut, als nehme er gar nicht wahr, einen Feind des Regimes zu unterstützen. Am eindringlichsten gelingen Alina Fluck hier die Szenen mit Georgs Ehefrau Elli (Leandra Enders) und seinen alten Freunden Paul und Liesel Röder. Liesel (Carlotta Hein) ist eine überzeugte Nationalsozialistin geworden, während ihr Mann Paul (Adrian Weinek) alles unternimmt, um Georg zur Flucht zu verhelfen. Dafür nimmt er auch Gestapo-Folter und Haft in Kauf.
So überzeugend wie Alina Fluck und das hoch konzentriert die vielen Rollen spielende Ensemble (Vincent Doddema, Stephanie Kämmer, Benjamin Kaygun, Klaus Köhler) die Deformation durch Angst und Nazipropaganda bei Georgs Familie und Freunden zeigen, so schablonenhaft ist die Darstellung der Aufseher und Lagerkommandanten geraten. Hier sieht man dumm-grobschlächtige, in schwarze Phantasieuniformen gewandete B-Movie-Schergen, die im Stakkato ihre Weltanschauung herausbrüllen. Der bildungsbürgerlich-kultivierte Judenjäger Hans Landa, den Christoph Waltz in Tarantinos „Inglourious Basterds“ verkörpert, oder Sandra Hüllers Darstellung der gefühlskalten Ehefrau von Auschwitz-Leiter Höß sind entschieden erschreckender und wahrhaftiger. Alina Flucks seltsam unterkomplexe Nazistereotypen fallen hinter diese Differenzierung zurück und trüben leider den Gesamteindruck des intensiven Abends.
Nächste Aufführung am 31. Mai um 18 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz.
