In einer idealen Welt – aus Sicht derer, die es mit dem Pferdesport halten – müsste jedes Wochenende so sein wie Pfingsten in Aachen: Somme, Sonne und Spektakel in der Soers. Weil im August an selber Stelle die Reit-Weltmeisterschaften stattfinden, gab es dort jetzt zwar nur eine verkürzte Version des größten und prestigeträchtigsten deutschen Turniers. Doch obwohl ausschließlich Springreiten und Show auf dem Programm standen, kamen während der drei Tage mehr als 100.000 Besucher – und die Elite des Sports: 24 der 25 besten Reiter der Weltrangliste.

Das Stechen um Ruhm und Euros hatten nur drei von 40 Starterpaaren nach zwei fehlerfreien Umläufen erreicht. Darunter auch Sophie Hinners mit Singclair, die eine bemerkenswert sichere Runde vorlegte – in 51,62 Sekunden. Wohl wissend, dass sie nicht das schnellste Pferd hatte. Denn Vogels Hengst United Touch macht mit seinem raumgreifenden Galopp viel Zeit und Boden gut – sechs Sekunden waren es diesmal. Auch der letzte Starter, der Argentinier José Maria Larocca, kam mit Finn Lente ohne Fehler durch den Parcours – jedoch anderthalb Sekunden langsamer als Vogel, der sich mit 29 Jahren einen Lebenstraum erfüllte.
Erstmals in diesem Jahr kamen die sieben Mitglieder des deutschen Olympiakaders an einem Ort zusammen. Mit zwei Paaren unter den Top-Drei, dazu André Thieme mit Chakaria auf Platz sechs, verlief die WM-Sichtung auch für Bundestrainer Otto Becker optimal. In seiner idealen Welt könnte es beim Championat im August gerne so weitergehen. Doch im Pferdesport-Kosmos außerhalb Aachens, dieser Insel der Reiter-Glückseligkeit, ist bei Weitem nicht alles gut.
Misstrauen, Ablehnung und Proteste
An Pfingsten war in Aachen von alldem nichts zu spüren. Zu „Pferd&Sinfonie“ am Samstagabend, einer Mischung aus Reit-Show und klassischem Konzert, sowie zum Großen Preis am Sonntag waren alle verfügbaren Plätze im Stadion besetzt. Um Sponsoren muss sich der ausrichtende Aachen-Laurensberger Rennverein derzeit nicht sorgen. Im vergangenen Jahr ging er eine neue, langfristige Partnerschaft mit der Allianz ein, gerade bestätigte die Schweizer Luxusuhren-Manufaktur Rolex eine Verlängerung der Zusammenarbeit.
Aachen bietet seinen Partnern viel: große Aufmerksamkeit und eine Perspektive. Im Zuge der WM wird das Gelände erweitert und modernisiert. In einem neuen Stallgebäude gibt es mehr Platz für mehr Pferde, ein weiteres Stadion soll Kapazitäten für den Para- und Nachwuchssport schaffen.
Eine Pferdesport-Nation ohne Prestige-Wettkampf
Derweil kämpfen andere Turnierstandorte ums Überleben. Das Stuttgart German Masters hat drei große Geldgeber verloren. Die Finanzierung des Turniers von Donaueschingen scheiterte wenige Tage vor dem Start. Die Alternativen zu Aachen sind rar. Dort, beim CHIO, werden im Sommer traditionell die deutschen Nationenpreise ausgetragen. Für sie braucht es wegen der WM in diesem Jahr andere Standorte. Solche Fünf-Sterne-Turniere der höchsten Preisgeld-Kategorie können sich aber nur wenige Veranstalter leisten.
Während für die Dressur, Vielseitigkeit, das Vierspännerfahren und Voltigieren Ersatz gefunden wurde, gibt es im Springen in diesem Jahr keinen Fünf-Sterne-Nationenpreis. Das Mannheimer Maimarkt-Turnier bekam zwar den Zuschlag, es fehlte am Ende aber eine Million Euro, um den Wettkampf zu stemmen. Letztlich fand dort, wie auch in den vergangenen Jahren, ein Drei-Sterne-Nationenpreis statt – mit einem Preisgeld von 20.800 Euro für die Sieger. In Aachen gab es im vergangenen Jahr 250.000 Euro.
„Weit entfernt von Aufbruch, Boom und Fortschritt“
Das deutsche Team gewann in Mannheim ohne seine Spitzenreiter, die parallel in Mexiko oder in China um Hunderttausende Euros buhlten. Sie finden ihre ideale Welt woanders: „Der Reitsport hat in Amerika einen absoluten Boom“, erzählt Olympiasieger Christian Kukuk, der im Winter in Florida lebt und reitet. Dieses Gefühl habe er in Deutschland nicht. „Das liegt aber nicht allein am Thema Tierwohl. Die Turniere in Deutschland leiden nicht unter Zuschauermangel.“
Das Land sei generell „weit entfernt von Aufbruch, Boom und Fortschritt. Diese Lage spiegelt sich im Reitsport wider.“ Jahrzehntelang sei Deutschland die führende Nation in seiner Sportart gewesen. „Das sind wir nicht mehr.“
Obwohl die weltbesten Athleten aus der Bundesrepublik stammen. Bei den Olympischen Spielen von Paris 2024 gingen alle drei Einzel-Medaillen an deutsche Reiter: Christian Kukuk im Springen, Jessica von Bredow-Werndl in der Dressur und Michel Jung in der Vielseitigkeit. Einen Boom erlebten die Reitvereine trotzdem nicht. Im Gegenteil: Während der Deutsche Olympische Sportbund so viele Mitgliedschaften in Deutschlands Sportvereinen dokumentiert wie nie, steht die Deutsche Reiterliche Vereinigung als Einziger der zehn mitgliederstärksten Verbände mit einem Minus da.
Wie geht es der Pferdesport-Nation Deutschland also zwei Monate vor WM-Beginn? Es wirkt, als übertünche der Erfolg von Aachen die Probleme. Otto Becker meint aber: „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir erleben schon seit Jahren, dass die Menschen gerne zu den Top-Turnieren kommen, sich freuen, Pferde zu sehen.“ Dass die Firmen, die als Sponsoren infrage kämen, beim Sport sparten, sei der Wirtschaftslage geschuldet. Aber: „Die positive Stimmung der Zuschauer im Reitsport ist in meinen Augen ungebrochen. Und das ist gut so.“
