1964, als Tokio die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, zeigte Japan uns zum ersten Mal unsere Zukunft. Es war die Zukunft von Schnellzügen und Satellitenfernsehen, die Zukunft des technischen und wirtschaftlichen Bedeutungsgewinns Asiens. Heute, so argumentiert der britische Journalist Tom Feiling in seinem Buch „Alone in Japan“, zeigt uns das Land erneut das, was auf uns zukommt. Nur sieht das dieses Mal deutlich weniger rosig aus, denn es ist die Zukunft wirtschaftlicher Stagnation, gesellschaftlicher Überalterung und menschlicher Isolation.
Dabei sieht man es Japan auf den ersten Blick gar nicht an. Die Straßen seiner Vorzeigegroßstädte sind so voll wie eh und je, wenn nicht, dank der postpandemischen Tourismusexplosion, noch voller. Und was in diesen Straßen mit grellen Videoreklamen und piepsigen Lautsprecherstimmchen bedient wird, ist der angenommene Jugendgeschmack. „Cool Japan“ heißt das Schlagwort, unter dem Pop-, also vor allem Jugendkultur staatlich gefördert wird. Kein Wort davon, dass dem Land die dazugehörige Jugend ausgeht, und zwar rapide.
Die Vereinsamung eines Landes, das die Individualität entdeckt hat
Das ahnt auch Feiling nicht, als er in seinen Fünfzigern in das Land zurückkehrt, das ihm in seinen Zwanzigern so viel gegeben hat, in denen er sich dort als Sprachlehrer verdingte. Einst quicklebendige Nachbarschaften findet er verwaist oder gentrifiziert, die Party scheint vielerorts vorbei. Bereits im umfangreichen Vorwort präsentiert er neben einem anekdotischen Abriss seiner eigenen Japan-Biographie genügend Fakten und Zahlen, um das Bild vom kunterbunten Manga-Land gehörig ins Wanken zu bringen. 1950 waren nur acht Prozent der japanischen Bevölkerung über 65, 2021 waren es 28 Prozent. Im Jahr 2024 fiel die Geburtenzahl auf ein dramatisches Rekordtief von unter 700.000. Bis 2070 wird die Gesamtbevölkerung des Landes zu 38 Prozent aus Rentnern und Rentnerinnen bestehen.

Diese Zahlen, zu denen sich im Hauptteil des Buches noch etliche weitere gesellen, hätte man auch aus weniger wortreichen Quellen erfahren können. Feilings Verdienst ist es, dass er Gesichter und Geschichten hinter den Zahlen zeigt. So wird dieses Japan, das demographisch vor dem Kollaps zu stehen scheint, in seinen Erzählungen doch zu einem recht lebendigen Ort, obgleich man die tickende Uhr ständig im Ohr hat. Er unterhält sich unter anderem mit Bankangestellten, Bauern, Gastwirtinnen, Stadtflüchtigen, Sex-Expertinnen und einem Hikikomori-Influencer, also einem modernen Eremiten, der es durch die sozialmediale Dokumentation seiner selbst gewählten Abschottung von der Gesellschaft zu einer etwas widersprüchlichen Bekanntheit gebracht hat.
Bei all den unterschiedlichen Lebensläufen kristallisiert sich eine Gemeinsamkeit heraus: Japanerinnen und Japaner haben Individualität als Leitwert entdeckt. Das Aufgehen des Einzelnen in der Gesellschaft unter Zurücknahme eigener Begehrlichkeiten ist keine Selbstverständlichkeit mehr – schon seit einiger Zeit. Ein Lebensentwurf, der ausschließlich aus Arbeit, Ehe und Nachwuchsproduktion besteht, hat nicht mehr die gleiche Strahlkraft wie zu Olympia 64.
Auf dem Land sieht es noch viel schlimmer aus
Bisweilen verrennt sich der Autor etwas in seiner unbeirrbaren Absicht, alles mit allem in Verbindung zu bringen. Da sollen Naturkatastrophen und Terroranschläge das Vertrauen in den schützenden Staat derart erschüttert haben, dass das Volk auch gleich das Vertrauen in die Ehe als staatliche Institution verloren hätte. Eine sehr steile These.
Genau wie die, dass Scham und Prüderie die Ursachen für den statistisch belegten zunehmenden Sexmangel zwischen Japanerinnen und Japanern seien. Die Autorin, die Feiling zum Thema befragt hat, nimmt sehr selektiv wahr, wenn sie Sex als großes Tabuthema in der japanischen Gesellschaft beschreibt. Aus einer anderen Perspektive könnte man auch ein sexpositives Land mit einer sehr freizügigen Kunst wahrnehmen, mit unbeanstandeten Love Hotels in Mittelklasse-Wohngegenden und einem entspannten religiösen Mischmasch, der Sexualität nie verteufelt hat.
Erhellender und fundierter ist „Alone in Japan“, wenn es Feiling auf das Land zieht und er die zusehends verlassenen Dörfer und Kleinstädte besucht, in denen der demographische Wandel mit dem bloßen Auge sichtbar wird. Zwar gibt es eine Gegenbewegung zur Landflucht – idealistische Neo-Landwirte mit dem einen oder anderen innovativen Konzept, doch die stehen zahlenmäßig in keinem Verhältnis zu denen, die dem Landleben und der Landwirtschaft den Rücken kehren und die vollen Großstädte noch voller machen.
Viel zu lernen für Europa
Natürlich sucht der Autor bewusst nach dem vereinsamten Japan. Wer will, der wird in westlichen Ländern ebenso Landflucht und verwaiste Dörfer finden. In Feilings Heimat thematisierte die BBC just vor Erscheinen seines Buches die schwindende Libido der Briten und fragte, ob Hormontherapie vielleicht helfen könnte. Japan ist nicht überall, aber Japans Probleme sind nicht typisch japanisch.
Bei einem derart persönlichen Buch muss auch eine persönliche Frage gestattet sein: Ist sich der Autor der Ironie bewusst, sich als kinderloser Single in seinen Fünfzigern den Kopf darüber zu zerbrechen, warum so viele Japanerinnen und Japaner kinderlose Singles bleiben? Er erwähnt den Umstand eingangs, stellt allerdings auch gleich klar, dass er sich mit der vermeintlich speziell japanischen Misere von Vereinsamung und Lustverlust nicht identifizieren könne.
Doch wer so denkt, ob es nun der Autor ist oder die Leser sind, wird aus Japans Problemen schwerlich etwas lernen – obwohl Europa dringend aus ihnen lernen müsste. Feilings akribische Fakten- und Anekdotensammlung bietet für den Lernprozess gutes Ausgangsmaterial. Bloß: Man sollte es nicht mit einem „Die und wir“-Schema im Kopf lesen.
Tom Feiling: „Alone in Japan“. A Journey to the Future. Allen Lane, London 2026. 368 S., geb., 24,72 €.
