Selbst beim Mainzer Open Ohr Festival, das am Pfingstwochenende auf dem weitläufigen Zitadellengelände hoch über der Stadt bereits zum 52. Mal über die Bühnen gegangen ist, wird inzwischen weniger geraucht als früher. Was nicht nur gut für den zu anderen Zeiten von Zigarettenstummeln übersäten Rasen ist, sondern auch für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Besucher: Bis zu 12.000 Gäste konnten sich von Freitag bis Montag so an Konzerten, Filmen und Theateraufführungen erfreuen. Zudem hatten sie reichlich Gelegenheit, sich bei Diskussionsrunden und Vorträgen intensiv mit dem 2026er Festivalthema „Alleinsam“ zu beschäftigen. Nachdenklich machten dabei allerdings Sätze wie „chronische Einsamkeit ist so schädlich wie täglich 15 Zigaretten“. Und: „Weltweit werden jährlich gut 870.000 Todesfälle mit Einsamkeit in Verbindung gebracht.“
Wenngleich man die Aussagekraft und den Wahrheitsgehalt solcher Statistiken durchaus mit Fragezeichen versehen darf, hat es die von der Stadt finanziell und logistisch unterstützte Freie Projektgruppe wieder einmal geschafft, eine Zeiterscheinung zu beleuchten, die vor allem die „Gen Z“ – sprich: die zwischen 1995 und 2010 geborenen Digital Natives – arg zu beschäftigen scheint. Denn wie kann es nur sein, dass man fast rund um die Uhr online und weltweit vernetzt, aber trotzdem schmerzhaft einsam ist? Noch dazu in Mainz, also einer Stadt der Lebensfreude, die gerne damit wirbt, dass es in den hiesigen Weinstuben, so beengt es dort auch zugehen mag, immer noch mindestens einen freien Platz an einem der Tische gibt; weil zur Not eben alle noch enger zusammenrücken und schnell ins Gespräch kommen.
Immer online und trotzdem so allein
Anders als früher sind es längst nicht nur Ältere, die zurückgezogen, wenn nicht sogar isoliert leben. Junge Menschen, gerade in ländlichen Regionen, litten ebenfalls oft darunter, dass es zu wenig Begegnungsstätten und kaum Zusammenhalt in ihrem Umfeld gebe, hieß es am Sonntag in der Podiumsdiskussion „Zwischen sozialer Isolation und antidemokratischen Tendenzen“. Gerade in Ostdeutschland seien Jüngere deshalb besonders anfällig für populistische Botschaften, die von rechten Gruppen gezielt und oft sehr geschickt im Netz gestreut würden. Dabei sei die immer noch beste Antwort auf Verlockungen der Rechten eine „starke soziale Bewegung“.

Wie gehabt mangelte es bei den Wort-Veranstaltungen, die in zumeist extrem überhitzten und stickigen Zelten kaum in Gänze zu ertragen waren, nicht an Kapitalismus-Kritik. Was halt zum „Open Ohr“ gehört, dessen Planer und Akteure sich seit mehr als einem halben Jahrhundert über das lange Feiertagswochenende in Mainz an den „Verhältnissen“ abarbeiten und für eine bessere Gesellschaft streiten. Ganz sicher ist es zwar nicht, inwieweit die aktuellen Arbeitsverhältnisse im Land und auf der Welt der Einsamkeit Vorschub leisten. Umfragen zufolge leiden aber auch nach der Corona-Pandemie weltweit noch fast ein Viertel der Erwachsenen darunter, dass sie zwar nach Belieben liken und chatten können, aber nur selten gebraucht und womöglich noch seltener gelobt werden.
Loben lässt sich beim „Open Ohr“ dagegen allerlei: dass eines der ältesten deutschen Jugend- und Kulturfestivals, das derzeit mit einem Etat von gut 500.000 Euro auskommen muss, überhaupt ein halbes Jahrhundert überstehen konnte und dabei recht jung geblieben ist. Dass die Toilettenanlagen, für die allein circa 80.000 Euro zu veranschlagen sind, in einem Jahrzehnte währenden Wandlungsprozess nun tatsächlich absolut vorbildlich sind. Dass die in Mainz gerade erst eröffnete Vegane Fleischerei mit ihrem „Keine Bratwurst und kein Fleischkäse“-Angebot direkt den Weg in die Zitadelle gefunden hat. Und nicht zuletzt, dass die Eintrittspreise – mit diesmal 57,10 Euro fürs Vier-Tage-Ticket – immer noch sehr günstig sind.
Anderes ließe sich diskutieren: Ob eine einzige Wasserentnahmestelle bei den hochsommerlichen Temperaturen ausreichend war. Warum es nach Mitternacht ein striktes „Spontan-Party-Verbot“ für das Areal am Crêpes-Stand gab. Und warum sich einige Bands, die zu den Topacts des gut und gerne 100.000 Euro verschlingenden Bühnenprogramms gehörten, beharrlich weigerten, auf der Bühne für Pressefotos bereitzustehen. Wobei sie sich andererseits ohne jegliches Murren von der wogenden Menge der Handy-und-Netz-Nutzer bei ihren Auftritten ablichten ließen.
