Der Sarg von Ayla ist warm und weich. Es ist ihre Lieblingsdecke. In sie eingekuschelt, wird sie an einem verregneten Mittwochnachmittag in ihr Grab getragen. Corinne Eichmann und Burkhard Ganzow haben Tränen in den Augen und Blumen in den Händen. Ayla war ihr „ungarisches Mädel“, ein Labrador-Kuvasz-Mischling, der zwölf Jahre lang bei ihnen lebte. Sie sei ein „richtiges Lämmchen“ gewesen, sagt Eichmann. Am meisten fehle es ihr, mit Ayla zu kuscheln. Sie war drei Jahre alt und lebte in Ungarn auf der Straße, als Eichmann und Ganzow sie adoptierten. Auf dem Tierfriedhof in Frankfurt-Rödelheim solle sie nun „zurück zur Natur“.
Der Weg zu Aylas Grab ist gesäumt von Bildern verstorbener Hunde und Katzen. Von Sir Grey und Sir Henry, von Jimmy, Bay und Peggy. Auf vielen der Grabstätten liegen frische Blumen, bei manchen brennen elektrische Kerzen, Engelsfiguren falten ihre Hände, kleine Hunde und Katzen aus Stein und Kunststoff in allen Farben und Formen verwittern vor sich hin. Täglich besuchen Menschen den Friedhof, setzen sich auf ihre mitgebrachten Stühle und Bänke, um ihrer Tiere zu gedenken.
Laut den Zahlen des Zentralverbands der Heimtierbranche hielten im Jahr 2025 mehr als 40 Prozent aller Haushalte in Deutschland sogenannte Heimtiere, darunter 16,7 Millionen Katzen und 10 Millionen Hunde. Im Gegensatz zu Haustieren, zu denen Nutztiere wie Kühe und Schweine gehören, haben Heimtiere für ihre Besitzer vor allem emotionalen Wert. Während nach dem Tod eines Menschen viele wissen, was zu tun ist, an wen sie sich wenden können und wer ihnen in ihrer Trauer helfen kann, ist das bei Tieren oft nicht der Fall. Dabei kann der Schmerz nach einem Verlust ebenso groß sein wie bei einem verstorbenen Menschen – bei manchen ist er sogar noch größer.
Tierbestattung als Sozialarbeit
Drei Wochen ist es her, dass Ayla zu Hause eingeschläfert werden musste. Noch an diesem Tag rief Eichmann bei Dr. Hans-Peter Clieves an. Er ist nicht nur der ehrenamtliche Geschäftsführer des Tierfriedhofs, sondern auch seit 15 Jahren Inhaber einer Filiale von „Anubis Tierbestattungen“ in Frankfurt. Nachdem er 30 Jahre als Unternehmensberater gearbeitet hatte und zuletzt CEO eines Pharmaunternehmens gewesen war, bestattet er nun mit inzwischen 78 Jahren hauptberuflich Tiere.
„Tierbestattungen haben eine Pflicht und eine Kür“, so Clieves. Die Pflicht sei es, sich mit den verstorbenen Tieren zu befassen, sie zu lagern, zu kremieren und zu bestatten. „Die Kür ist es, den Menschen zu helfen.“ Für ihn sei das eine Form der Sozialarbeit. Die meisten entschieden sich dafür, die Urne mit der Asche mit nach Hause zu nehmen. Andere lassen sich laut Clieves aus der Asche Diamanten pressen.

Wenn Tiere erdbestattet werden, wie in Aylas Fall, dann bewahrt Clieves sie bis zur Beerdigung auf – im tiefgefrorenen Zustand, wie es Vorschrift ist. Für die Aufbahrung in der Abschiedshalle des Friedhofs werden sie aufgetaut. „Sonst bekommen die Besitzer einen Schrecken.“ Es sei wichtig, die Tiere mit Würde zu behandeln. Er habe schon einmal erlebt, dass verstorbene Tiere als „Kadaver“ in Tierarztpraxen bezeichnet wurden. Das sei respektlos, sagt Clieves. „Es sind Individuen mit Namen.“
Der Gärtner des Friedhofs bettet Ayla vorsichtig in ihr Grab, Eichmann und Ganzow legen ihre Blumen hinzu. „Mauseli, mach’s gut“, flüstert Eichmann. Sie greift zu der Schaufel, um ein wenig Erde auf ihre Hündin zu schippen. „Bitte nicht zu viel, da kommt noch eine Katze dazu“, sagt da der Gärtner. Es sei ein anonymes Grab, in dem mehrere Tiere bestattet würden. „Das macht nichts, sie mochte Katzen“, sagt Eichmann und versucht zu lächeln.
Die Beerdigung mache für Eichmann den Abschied von Ayla nun „rund“. Nun sind sie mit einem Umzug in ein neues Haus beschäftigt, damit können sie sich von ihrer Trauer ablenken – und von der Versuchung, direkt einen neuen Hund anzuschaffen. In ihrem Alter – mit Mitte 60 – sei das aber nicht mehr so einfach. Der schlimmste Gedanke für Eichmann ist es, vor ihrem Hund zu gehen.
Für Clieves dauert Aylas Bestattung drei Zigarillos. „Na, und jetzt der nächste?“, fragt er Eichmann, als diese sich vom Grab abwendet. „Mal sehen“, schnieft sie. Clieves hat schon 20 Hunde in seinem Leben verabschiedet. Mit seiner Ehefrau züchtet er Scottish Terrier. Aktuell haben sie sieben, es waren aber auch schon einmal zwölf Tiere.
In den 15 Jahren, in denen er Tiere bestattet, habe er schon viel erlebt. Zu manchen Beerdigungen kämen mehr als zehn Menschen. Einmal brachte ein Hundebesitzer Säcke mit Blüten weißer Rosen mit, die er und seine Freunde dem Hund ins Grab streuten. Mehr als 500 Tiere sind auf dem Tierfriedhof begraben. Die meisten sind Hunde und Katzen, doch auch zwei kaukasische Zwerghamster sind hier bestattet, keine 15 Zentimeter groß.

Für viele seien die Tiere Familienmitglieder, für manch einen auch die Kinder, sagt Clieves. Eine Frau, deren Hund er abholte, sagte zu ihm, dass der Tod ihres Hundes schlimmer sei als der ihres Mannes. Das habe ihn zuerst etwas irritiert, doch er habe dann begonnen, darüber nachzudenken. „Ein Tier ist immer ehrlich. Wer kann das von seinem Partner schon sagen?“ Das Verhältnis zu einem Tier sei ein tiefes, enges und ehrliches. Mittlerweile verstehe er die Frau.
Clieves weiß, dass nicht alle den Schmerz und die Trauer nach dem Tod eines Tieres nachvollziehen können. Früher habe es ihn geärgert, wenn Menschen ihm in seiner Trauer mit Unverständnis begegneten. Mittlerweile sage er in solchen Momenten immer das Gleiche zu ihnen: „Du tust mir eigentlich leid, weil du nie erlebt hast, was es bedeutet, mit einem Tier zusammenzuleben.“ Wer einmal die Liebe eines Tieres gespürt hätte, für den sei eine anständige Bestattung keine Frage mehr, so Clieves.

Beatrice Glodde hat sich nach dem Tod ihres Dackels Lucky zu einer Bestattung in ihrem Garten entschieden. Zehn Menschen sind zu der kleinen Abschiedsfeier gekommen, erzählt sie. Im südhessischen Altheim, einem Ortsteil von Münster, ist das Grab mit einer Plakette versehen: Lucky Luigi. Geboren am 10. April 2011, gestorben am 27. Dezember 2025. Am meisten fehle Glodde der Blick von Lucky. Seine großen Augen, braun, fast schwarz. Immer habe er sie im Blick gehabt.
Der Schmerz nach seinem Tod ist auch heute noch, fast ein halbes Jahr später, unermesslich groß. Direkt nachdem der Tierarzt ihn wegen einer angeborenen Herzklappenerkrankung einschläfern musste, habe ihr ganzer Körper wehgetan.
Trauer löst körperliche Schmerzen aus
In der Küche ihres Hauses, in dem sie mit ihrer Zwillingsschwester und ihrem Neffen wohnt, hängen überall Fotos von Lucky. Von Lucky im Wald, Lucky auf Föhr, Lucky mit anderen Hunden, Lucky eingekuschelt auf dem Sofa. Es ist das Sofa, auf dem er starb. An der Stelle, an der es passierte, kann Glodde sich immer noch nicht hinsetzen.
Nach seinem Tod war ihr eines klar: Er darf nie vergessen werden. Kann er jetzt auch nicht mehr, weder von ihr noch von ihren Nachbarn. Denn er ist auf Gloddes Hauswand verewigt – als Graffito, fünf mal sechs Meter groß. Der Offenbacher Künstler Florian Erb erarbeitete mit ihr gemeinsam den Entwurf. „Das war eine intensive Trauerarbeit“, sagt Glodde.

Für Glodde war Lucky mehr als ein Freund, mehr noch als ein Familienmitglied. Sie sagt, er sei ihr Lebenspartner gewesen. „Zu Menschen gibt es Konflikte. Es gibt Erwartungen, Verletzungen, Ambivalenzen.“ All das habe es mit Lucky nicht gegeben. Sie habe ihren Hund nicht vermenschlicht, das sagt sie nachdrücklich. Doch ihr Partner sei er dennoch gewesen. „Ich war sein Mensch.“
Die beiden lebten in einer Symbiose. „Lucky war immer an meiner Seite, ohne ihn gab es mich nicht“, so Glodde. Als sie einmal auf ihrer gewohnten Strecke im Wald spazieren ging, kamen ihr Bekannte entgegen – und gingen einfach an ihr vorbei. Ohne Lucky erkannten sie Glodde schlicht nicht.
Sie habe ihr ganzes Leben nach ihm ausgerichtet. Glodde ist Lokführerin und arbeitet im Schichtdienst. Mit Lucky hatte sie eine feste Routine. Sie ist viel früher aufgestanden, damit sie noch genug Zeit hatte, mit ihm rauszugehen. Nun steht sie immer noch zu früh auf. „Ich habe meinen Rhythmus verloren.“

Ob es sich bei dem Verstorbenen um einen Menschen oder ein Tier handele, sei für den Trauerprozess nicht entscheidend, sagt Professorin Julia Linke vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz. Getrauert werde um die Rolle und Funktion, die der Verstorbene in der Beziehung hatte. „Menschen trauern um Bindung, Nähe und eine gemeinsame Geschichte.“
Viel Forschung zu Trauerprozessen nach dem Tod von Tieren gebe es nicht, so Linke, aber die wenigen durchgeführten Untersuchungen seien eindeutig: Der Tod eines Tieres ist für viele Besitzer eine enorme Belastung. In einer aktuellen Studie aus Großbritannien gaben mehr als 20 Prozent an, dass der Tod eines Tieres sie mehr belastet habe als der Verlust eines nahestehenden Menschen. 7,5 Prozent entwickelten eine anhaltende Trauerstörung (Prolonged Grief Disorder), sind also auch viele Monate und teils Jahre nach dem Tod ihres Tieres im Alltag durch ihre Trauer eingeschränkt. Ähnlich hoch ist der Anteil der Menschen, die nach dem Tod eines engen Freundes eine anhaltende Trauerstörung entwickeln.
Im Gegensatz zur Trauer nach dem Tod von Menschen sei die Trauer nach dem Tod von Tieren allerdings gesellschaftlich weniger anerkannt, was den Trauerprozess zusätzlich erschwere, sagt Linke. Statt Mitgefühl hören Betroffene nicht selten Sätze wie: „Es war doch nur ein Tier.“ Trauernde fühlten sich unverstanden. Dabei ist die Unterstützung des sozialen Umfelds einer der wichtigsten Schutzfaktoren in Krisensituationen.
Was viele zudem belaste, seien Schuldgefühle, so Linke. Anders als beim Tod von Menschen sind Tierbesitzer häufig direkt an der Entscheidung, ein Leben zu beenden, beteiligt. Viele fragten sich, ob sie zu lange mit der Einschläferung gewartet hätten oder ob es zu früh gewesen sei, ob sie mehr hätten tun können, sagt Julia Linke.
„Keine Sekunde war er allein“
Auch Glodde beschreibt Schuldgefühle. Nach Luckys Tod habe sie das am meisten überrascht – und überfordert. Immer wieder ist sie die letzten gemeinsamen Tage und Stunden durchgegangen. Sie kontaktierte mehrfach den Arzt von Lucky. Er führte ihr noch einmal deutlich das Unausweichliche vor Augen und versicherte ihr, dass sie alles richtig gemacht habe. Dass es gut gewesen sei, wie Glodde Lucky immer im Blick gehabt habe. „Keine Sekunde habe ich ihn aus den Augen gelassen, keine Sekunde war er allein“, sagt sie über die letzten Stunden.
Die Trauer hält für Glodde bis heute an. Immer wieder kommen ihr die Tränen, wenn sie über Lucky spricht – aber genauso oft lächelt sie, wenn sie an ihn denkt. Sie mache in ihrem Schmerz viel mit sich selbst aus, habe aber auch schon einmal nach Angeboten gesucht, die ihr helfen könnten. Nur eine einzige Person habe sie gefunden, die Tiertrauerbegleitung anbietet: Jenny Krüger in Rüsselsheim.

Krüger arbeitet als Tierarzthelferin in einer Praxis. Die Trauer nach dem plötzlichen Tod ihres Pferdes habe sie „aus allem rausgerissen“. Auf der Suche nach Unterstützung stellte sie fest, wie wenig Angebote es für Menschen gibt, die um Tiere trauern – und wie stark dieses Thema gesellschaftlich noch tabuisiert ist. Sie machte eine Ausbildung zur Sterbe- und Abschiedsbegleitung für Tiere und bietet seitdem Gespräche für trauernde Tierbesitzer an.
In der Praxis beobachte sie täglich, wie tief der Verlust eines Tieres Menschen treffen kann. Oft viel mehr, als sie es öffentlich zugeben würden. „Es braucht viel mehr als nur ein paar liebe Worte beim Abschied“, sagt Krüger. Als Trauerbegleiterin gibt sie den Tierbesitzern Raum, über ihre Gedanken und auch ihre Schuldgefühle zu sprechen. Nach einer Einschläferung berichteten viele davon, sich zu fühlen, „als hätten sie ihr Tier umgebracht“.
Die meisten der Personen, die das Angebot von Krüger wahrnehmen, sind Frauen. Krüger ermutigt sie dazu, weder die eigene Trauer zu bewerten noch sich von gesellschaftlichen Erwartungen unter Druck setzen zu lassen. „Es gibt kein Richtig oder Falsch.“
Glodde weiß nicht, ob sie eine Trauerbegleitung, wie sie Krüger anbietet, je in Anspruch nehmen wird. Offen dafür sei sie durchaus, aber noch helfe es ihr vor allem, mit Freunden und ihrer Familie über Lucky zu sprechen – und das Graffito an jedem Tag zu sehen.
Sie sei sich sicher, dass Lucky die Größe des Graffitos „gerade so ausreichend“ gefunden hätte, sagt sie und lächelt. Immer habe er im Mittelpunkt stehen wollen. Er habe die Menschen so lange angeschaut, bis sie ihn wahrgenommen und gestreichelt hätten, erzählt sie. Da sei es nur konsequent, ihm nun auf der Hauswand ein solches Denkmal zu setzen, so Glodde. Es ist ihr Weg, mit dem Verlust ihres Hundes – ihres Lebenspartners – umzugehen. Für sie steht fest: „Trauer muss nicht leise sein.“
