Herr Krassnitzer, in Ihrem seit Anfang Mai laufenden Film „Der verlorene Mann“ spielen Sie einen Demenzkranken, der eines Tages vor dem Haus seiner ehemaligen Frau auftaucht, von der er seit 30 Jahren geschieden ist. Er ist fest davon überzeugt, dass er noch mit ihr verheiratet ist, weil er sich an die Scheidung nicht mehr erinnern kann. Der Film hat neben den dramatischen Momenten auch immer wieder humoristische Untertöne. Und es ist vor allen Dingen ein Liebesfilm.
Ja, es freut mich, dass Sie das so sehen. Der Film lässt sich nicht so leicht in ein Genre einordnen. Es ist vor allem ein Film über das Leben. Es ist ein Film über die Liebe, über die Freundschaft, über verlorene Träume, über alte Wunden, Erinnerungen und die Sehnsucht, nochmal aufzubrechen. Und durch all diese Gefühlswelten und die ruhige und einfühlsame Inszenierung von Welf Reinhart trifft uns diese Geschichte an manchen Stellen vehement.
Menschen jenseits der 60 hat man im Kino lange gar kein Liebesleben mehr zugestanden. Das ändert sich gerade. Wird das ein neuer Trend?
Mit Trends kenne ich mich nicht aus. Vielleicht hat es etwas mit unserer Zeit zu tun, dass bestimmte Fragen plötzlich wieder wichtiger werden, oder vielleicht hat es einfach nur mit der demographischen Entwicklung zu tun. Es gibt einfach immer mehr Alte.
Im Kino entstand auch lange der Eindruck, Menschen ab einem gewissen Alter haben keinen Sex mehr.
Das hat ja auch nichts mit dem wahren Leben zu tun. Wobei ich sagen muss, es gibt in unserem Film keine wirkliche Sexszene. Es gibt eine Andeutung davon, was es sein könnte.
Würden Sie eine Ex-Partnerin zu Hause aufnehmen oder einen der Ex-Partner Ihrer Frau?
Die Frage habe ich mir natürlich auch gestellt. Ich glaube allerdings, dass keine meiner Ex-Partnerinnen zu mir kommen würde. Wenn ich nicht mit meiner wunderbaren Frau zusammen wäre, dann wäre ich eher derjenige, der anklopft und um Asyl ansuchen würde.
Wie war es für Sie, diese Rolle zu spielen?
In erster Linie war es eine große Freude an der intensiven Arbeit mit einem jungen Team und auch an der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema. Es ist eine sehr bewegende Geschichte, die uns Welf Reinhart und Tünde Sautier da geschenkt haben. Aus dieser Zusammenarbeit mit Dagmar Manzel und August Zirner ist eine wirklich intensive Freundschaft entstanden. Das war, außer der feinfühligen, präzisen Arbeit mit Welf Reinhart, die schönste Erfahrung bei diesem Projekt. Es fühlte sich an wie ein Blitzerkennen und eine daraus resultierende Blitzliebe.
Hat diese Arbeit Ihren persönlichen Blick auf das Älterwerden und auch auf das Vergessen verändert?
Sie hat bei mir ein paar Sachen verstärkt. Es ergibt wenig Sinn, ständig Angst vor etwas zu haben, das man nicht kennt und das man sowieso nicht beeinflussen kann. Wir wissen nicht, ob wir eines Tages an Krebs oder Demenz erkranken. Trotzdem haben wir die ganze Zeit Angst davor. Im schlimmsten Fall befinden wir uns irgendwann in einem Zustand, der mehr mit unseren Ängsten als unserem Leben zu tun hat. Leben bedeutet für mich, sich in diese Veränderungen hineinzustürzen und es als Abenteuer zu sehen, egal was kommt. Und ich verstehe nicht, warum das im Alter plötzlich anders sein sollte. Ich habe durch diesen Film auch die Lust am Leben wieder neu entdeckt.

Der Regisseur des Films, Welf Reinhart, hat sich zur Vorbereitung auf das Projekt ein Jahr lang zum Demenzhelfer ausbilden lassen. Einige der Menschen, die er da kennengelernt hat, sind auch in einer Demenz-WG-Szene im Film zu sehen. Wie haben Sie diese Drehtage erlebt?
Die sind mir sehr nah gegangen. Denn das hatte nichts mehr mit Schauspiel zu tun, oder mit dem, was wir sonst in unserem Beruf machen. Das war ein echter Raum, mit echten Menschen. Und ich musste respektieren, dass das die Wirklichkeit ist und ich der Fremdkörper bin. In diesem Raum fand eine permanente Auslöschung statt. Und ich war Teil dieser Auslöschung. Es geht ganz schnell, du machst etwas und hast es schon wieder vergessen. Da ist jemand, und du hast ihn schon wieder vergessen. Das hat mich tief bewegt, weil ich in dem Augenblick in der unmittelbaren Zone dessen war, was diese Krankheit ist und was dieses Leben ist. Dort zu sitzen und einen Demenzkranken zu spielen, ist, ich würde fast sagen, blasphemisch. Weil man sich anmaßt, etwas zu tun, was nicht ist, und wo man dankbar sein muss, dass es nicht ist. Und ich habe es versucht, und das hat halt auch wehgetan.
So sehr, dass Sie Szenen immer wieder abbrechen mussten.
Wir reden ja von Endlichkeiten, und ich saß mittendrin. Das ist dann mit viel Fragen verbunden. Wie hast du dein Leben gelebt? Wo sind deine Freunde? Wo ist deine Liebe? Wo ist all das, was für dich das Leben bedeutet hat? Welche Schwerpunkte hast du gesetzt? Wo hast du dich selbst belogen? Und da wird es dann sehr direkt. Da kommst du nicht mehr raus.
Hatten Sie vorher irgendeinen Bezug zum Thema Demenz?
Meine Mutter hatte eine schwere Demenzerkrankung.
Dann kannten Sie sich mit dem Thema schon aus.
Nein, man kennt sich damit ja nie wirklich aus.
Weil die Krankheit immer anders verläuft?
Genau. Selbst wenn du etwas über diese Krankheit weißt, ist das doch alles sehr abstrakt und theoretisch. Ich glaube, das kennen viele Menschen. Wenn ein Verwandter oder ein dir sehr nah stehender Mensch schwer erkrankt, weißt du trotzdem erst einmal nicht, wie du dich verhalten sollst. Diese Unmittelbarkeit löst eben auch aus, dass du dich entfremdest. Du kommst an deine Grenzen dessen, wie du es richtig machen kannst. Und du musst lernen. Das ist bei meiner Mutter genauso gewesen. Ich musste viel lernen, bis zum Schluss. In der Zeit habe ich sehr viel von meiner Schwester gelernt, die einen viel höheren Anteil der Betreuung übernommen hatte, weil sie am Wohnort meiner inzwischen verstorbenen Mutter lebt. Weil ich damals noch intensiver gearbeitet habe, war ich oft weiter weg.
Dann war es also mehr als eine Rolle, sondern auch ein persönliches Anliegen?
Nein, das trenne ich immer sehr gut. Das eine ist Teil des Lebens, das andere eine Rolle, die ich spiele. Wenn ich diese beiden Ebenen vermische, führt das zu falschen Emotionen. Dann wird daraus eher so ein Sud, so etwas Klebriges. Ich hoffe, es ist uns gelungen, an keiner Stelle klebrig zu werden, und dass die Szenen, in denen es ans Eingemachte geht, eine Direktheit haben, und man nicht den Eindruck bekommt, da wird etwas vermischt.

Ende des Jahres läuft Ihr letzter „Tatort“. Wie stellen Sie sich das Leben ohne Moritz Eisner vor?
Das ist ein weites Thema. Zum einen ist es eine spannende und schöne Phase. Ich habe im übertragenen Sinn wieder mal die Stützräder meines Fahrrads abmontiert. Genau so fühlt es sich an, wie etwas Neues zu lernen. Ich nenne das: mich kalibrieren. Es gab immer wieder Lebensabschnitte, in denen ich das tun musste oder wollte, und dann heißt es, sich neu zu orientieren. Wohin will ich? Das hat viele Aspekte: Was interessiert mich, was will ich erzählen, was ist meine Sprache, bin ich überhaupt fähig, etwas Neues zu erzählen, und wie viel Zeit bleibt mir noch dazu? Sie sehen, das ist für mich kein langweiliges Thema. Es bringt mich wieder näher ans Leben und die Wirklichkeit.
Warum hören Sie und Adele Neuhauser überhaupt auf?
Da kann ich jetzt gar nicht so viel sagen und halte es mit einem Spruch, den es bei uns in der Familie gibt: Wir heben den Fuß erst zum Klettern, wenn wir am Zaun stehen. Und das ist im Dezember. Nur so viel: Das Aufhören hat eine schöne, wohltuende Energie, die wir beide entwickelt haben. Dieser Prozess läuft ja für uns nun schon seit zwei Jahren, mit dem Sender in der Vorbereitung, Planung und Strukturierung. Ich empfinde das als Geschenk. Weil es immer gut ist, wenn man selbstbestimmt etwas tut und nicht ständig hört: Und wie viel wollt ihr denn noch machen?
Sie spüren nicht wenigstens ein kleines bisschen Abschiedsschmerz?
Ich wüsste nicht, warum, denn ich habe ja alles gehabt. Und du kannst dich an nichts festhalten. Es gibt einen Punkt, der uns sehr amüsiert hat, der aber auch zeigt, wie schnell das alles geht. Als wir unsere Entscheidung kundgetan haben, kamen natürlich auch enge Freunde und Bekannte aus der Branche, die sagten: Oh, das ist aber schade! Und dann kam: Aber wisst ihr denn schon, wer die Neuen sind? Und damit war vollkommen klar, dass unser Verwesungszustand bereits begonnen hat – und zwar noch bevor wir unter der Erde waren.
