Ende des vergangenen Jahres veröffentlichte die Pariser Onlinezeitung „Mediapart“ einen Investigationsbericht über das Théâtre du Soleil. Darin bezichtigten acht Frauen zwei langjährige Mitglieder der hauptstädtischen Truppe schwerer sexueller Vergehen – bis hin zur Vergewaltigung. Die beiden beschuldigten Männer hatten acht Monate zuvor, im März 2025, den Hut nehmen müssen. Ihre mutmaßlichen Opfer waren junge Frauen, die in der Hierarchie der Kompanie ganz unten standen. Sie hatten zwischen 2010 und 2025 am Théâtre du Soleil gearbeitet, zum Teil als Freiwillige.
Im Februar dieses Jahres legte „Mediapart“ nach und machte den Fall einer weiteren Frau publik, die 2003 als Zweiundzwanzigjährige durch einen rund doppelt so alten Mitarbeiter des Théâtre du Soleil viermal in den Duschräumen des Theaters angegriffen worden sei. Der Beschuldigte, schrieben „Mediapart“ und „Le Monde“, sei kein Schauspieler, arbeite noch heute für die Kompanie und bestreite alle Anschuldigungen. Dieses Zeugnis straft die Ende vergangenen Jahres gemachten Aussagen von Ariane Mnouchkine Lügen, sie habe vor 2023 nichts von den Übergriffen gewusst.
Eine Untersuchung wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt
Denn die junge Frau hatte der Theaterchefin und anderen Truppenmitgliedern seinerzeit von den Angriffen berichtet. „Mediapart“ zitiert nicht namentlich genannte Mitarbeiter des Theaters, die sich noch heute an den Vorfall erinnern und auch an eine Versammlung, bei der dieser 2003 thematisiert worden war. Auch den Beleg für eine damals durch die junge Frau erstattete Strafanzeige hat die Onlinezeitung gefunden – die betreffende Untersuchung wurde nach drei Monaten eingestellt, mangels Beweisen.
Dem Ruhm des als progressiv gepriesenen Théâtre du Soleil schaden die Vorwürfe empfindlich. Eine Ausstellung im „Centre national du costume et de la scène“ in Moulins und ein Kolloquium an der Sorbonne wurden abgesagt, ein langes Interview mit Mnouchkine aus einem im Januar erschienenen Manifest gegen kulturelle Ausgrenzung gestrichen, die auf Arte geplante Ausstrahlung eines Dokumentarfilms über die jüngste Produktion des Théâtre du Soleil, „Ici sont les dragons“, auf Eis gelegt. Womöglich noch schmerzhafter für das seit je um Jugendarbeit bemühte Theater, ließen Schüler wissen, sie würden sich dieses Stück nicht anschauen kommen. Ihnen sei unwohl bei der Vorstellung, sich in die Cartoucherie de Vincennes zu begeben.
„Feige und scheinheilig böse Absichten“
So richtete Mnouchkine drei Wochen vor der Premiere des zweiten Teils von „Ici sont les dragons“ am 12. März einen offenen Brief an ihr Publikum. Sie sei bereit, sich zu entschuldigen, schrieb sie, wies aber vehement eine „bestürzende Systematisierung“ zurück – „irre Interpretationen“ und „wahnwitzige Phantasmen“ beklagend. Das Vertrauen, das sie in alle Menschen setze, führte die Theaterleiterin aus, hätten die beiden Beschuldigten möglicherweise missbraucht, konzedierte sie. Und andere als sie hätten den Preis gezahlt für das Risiko, das jedem Vertrauensbeweis innewohne – „leben, lieben, schaffen“ sei nun einmal riskant.
Doch sei sie nicht willens, unter „einem unvorstellbaren Druck feige und scheinheilig böse Absichten, die ich nie hatte, und unverzeihliche Fehler, die ich nie begangen habe“, zuzugeben. Gemeint ist damit wohl das seinerzeitige Unter-den-Tisch-Kehren sexueller Übergriffe sowie ein durch manche gegeißelter „sektiererischer“ Einschlag im Leben der Truppe, der sowohl die vorgebrachten Vergehen als auch deren Verschleierung ermöglicht habe. Statt derlei Verfehlungen in einer aufgezwungenen Autokritik zu beichten, schrieb Mnouchkine, wolle sie das Maß ihrer allfälligen Schuld einem externen Audit des Pariser Anwaltsbüro Vigo entnehmen, das auf Wunsch des Kulturministeriums durchgeführt werde.
Dessen Inhalt wurde jetzt in groben Zügen bekannt. Nur vier überregionalen französischen Zeitungen sowie der Nachrichtenagentur AFP hat das Théâtre du Soleil die Lektüre des Dokuments in voller neunundfünfzigseitiger Länge angeboten – vor Ort und auf Papier. Von der F.A.Z. um Zugang zu dem Text gebeten, antwortete das Kulturministerium (das die Truppe jährlich mit fast zwei Millionen Euro subventioniert), die Bewilligung liege in der Hand von Ariane Mnouchkine. Eine Pressesprecherin der Kompanie verwies ihrerseits auf Anfrage auf die (durch das Théâtre du Soleil selbst erstellte) Zusammenfassung des Rapports, die am 21. Mai ins Netz gestellt wurde. Diese Art von selektiver Transparenz nährt unweigerlich den Verdacht, man habe etwas zu verbergen.

Auch Sarah Brethes, die Autorin der beiden „Mediapart“-Investigationen, konnte den vollständigen Rapport bis heute nicht lesen. Über die Vorgehensweise der Theaterleitung hinaus habe sie allerdings auch Fragen zur Art und Weise, wie das Audit durchgeführt wurde, sagt Brethes, von der F.A.Z. zum Fall befragt. „Keines der mutmaßlichen Opfer wurde direkt kontaktiert, vielmehr haben diese selbst die Verbindung zur Kanzlei suchen müssen und durften nicht anonym aussagen – woraufhin einige verzichtet haben. Ein verzweifeltes Opfer sagte mir letzte Woche: ‚Wir hatten den Eindruck, dass die Befreiung des Wortes erstickt wurde. Mit diesem Audit wurden wir ausgelöscht, genau wie die Gewalt, die wir erlitten haben‘.“
Nach der Lektüre des besagten Resümees ist man in der Tat so schlau ist wie zuvor. Zwar will das Anwaltsbüro nach Anhörung von dreißig Mitarbeitern nichts „Systemisches“ in Sachen sexueller Gewalt, geschweige denn sektiererischer Ausartung gefunden haben. Vielmehr seien Übergriffe „im Verhältnis zur Gesamtzahl der Mitarbeiter marginal“ – derzeit zählt die Truppe 116 Angestellte. Doch den präzisen Vorwürfen, die „Mediapart“ erhebt, stellt der Rapport, dem Resümee nach zu schließen, bloß Allgemeines entgegen. So versteht man halb zwischen den Zeilen, dass das Théâtre du Soleil auf den Schultern seiner charismatischen Leiterin ruht, die Konflikte eher informell mit einer Mischung aus Humanismus („Alle Menschen können sich bessern“) und Maternalismus („Böse Truppenmitglieder kriegen eine Ohrfeige“) zu lösen sucht.
Gegen die beiden Beschuldigten läuft derweil eine Untersuchung der Jugendschutzbrigade – ob diese zur Eröffnung eines Verfahrens führt, muss sich noch weisen. Sicher ist einstweilen dies: Sylvain Creuzevault wird, wann genau, steht noch nicht fest, die Nachfolge der siebenundachtzigjährigen Mnouchkine als Truppenleiter antreten. Dann beginnt eine neue Ära für das Théâtre du Soleil.
