Semin und Milen, wie stellt ihr euch euer Leben und die Welt in 25 Jahren vor?
Milen: Mein Traum wäre es, Profiboxer zu werden, viel Geld zu haben, eine gute Familie, ein gutes Haus und so. Aber realistisch ist, dass ich ein ganz normales Leben haben werde.
Was meinst du mit normal?
Milen: Es ist einfach unrealistisch, dass ich Profiboxer werde. Aber ich will auch Bauzeichner werden. Dann werde ich gut verdienen.
Semin: Wenn alles gut läuft, werde ich Athlet, habe viel Geld und bemühe mich, eine schöne Familie aufzubauen, die auch hält. Aber realistisch gesehen werde ich wahrscheinlich relativ simpel leben. Weil ich es auch simpel mag.
Habt ihr Zukunftsängste?
Milen: Ja. Dass ich irgendwann Gehirnschäden vom Boxen bekomme. Oder dass ich den Schulabschluss oder den Beruf nicht schaffe.
Semin: Bei mir ist es auch die Schule. Und einfach die Gesellschaft. Die ist in Deutschland sehr gespalten, und ich mache mir wirklich Sorgen, ob ich später noch in Deutschland bleiben will oder auswandern soll. Hier ist so eine Spannung, alles wird teurer, die Jobs sind unsicher, die Gehälter nicht gut, die Wohnungen schlecht.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Bei den Träumen habt ihr über euch selbst gesprochen. Bei den Ängsten, hast du, Semin, direkt über Deutschland insgesamt geredet. Wie stellt ihr euch die Welt in 25 Jahren denn vor?
Milen: Wir hatten dieses Thema in der Schule. Unser Lehrer meinte, wenn wir erwachsen sind, wird es eine Nahrungsknappheit geben, Wasserknappheit, und die Natur wird auch nicht mehr so gut sein wie jetzt.
Semin: Und die ganzen finanziellen Bedingungen!
Milen: Genau. In der Zukunft wird es der Welt schlechter gehen als jetzt.
Das ist eine krasse Zukunftsvorstellung, oder?
Milen: Wir haben ja auch noch Erderwärmung und Klimawandel.
Semin: Die Welt wird korrupter werden, als sie es jetzt ist. Die Weltbevölkerung wird wachsen, und dadurch kommt es zu den Problemen, die Milen eben genannt hat. Diese Probleme sind wirklich sehr schwer zu lösen. Ich bin mir nicht sicher, ob man sie überhaupt lösen kann. Das wird alles meine Kinder und Enkelkinder betreffen, die müssen damit leben, was wir verbockt haben.
Eure Generation hat bis jetzt noch gar nichts verbockt. Was müsste sie denn tun, damit die Welt nicht so wird, wie ihr sie beschrieben habt?
Milen: Ich mache mir darüber eigentlich nicht so viele Gedanken. Ich bin noch zu jung dafür und sollte im Moment leben, statt an die Zukunft zu denken. Sonst stresse ich mich unnötig.
Sind junge Leute oft gestresst?
(beide nicken) Milen: Ja, sehr. Wegen Schulnoten oder familiären Problemen. Oder weil Freunde Streit haben oder wegen Beziehungsproblemen.
Semin: Das stimmt. Aber man ist auch vom Aussehen her gestresst. Wie man auf Leute wirkt. Durch das Internet sind Leute eher sozial gestört oder haben einen kleinen Knacks.

Semin: Jeder Mensch hat ja eh einen kleinen Knacks. (Milen nickt) Aber ich glaube, momentan gibt es dafür keine richtige Hilfe. Es sind so Kleinigkeiten im Leben, die dann immer mehr wachsen, und irgendwann enden sie in Gewalt, Armut oder anderen Problemen.
Du hast eben das Aussehen erwähnt. Stressen sich Jungs wegen ihres Aussehens mehr als Mädchen?
Semin: Ich kann das nicht beurteilen, wenn ich kein Mädchen bin.
Milen: Ich glaube, bei Mädchen ist das nicht so sehr das Problem – die können sich ja schminken! Aber Jungs vergleichen sich die ganze Zeit durchs Internet. Ich selber vergleiche mich auch, weil ich viele Pickel habe und wegen des Körpergewichts.
Verstehe ich das richtig: Du vergleichst dich mit Leuten, die im Internet ihr wunderschönes, makelloses Gesicht zeigen?
Semin: Genau, cleane Haut.
Meint ihr, dieses Vergleichen ist heute anders als früher?
Semin: Es war früher nicht so drastisch. Ich vergleiche zum Beispiel meinen Körper mit dem von Leuten auf Steroiden. Mein Lieblingshobby! (lacht ironisch) Früher ohne Internet hat man sich nur mit seiner direkten Umgebung verglichen. Oder mit irgendwelchen Filmstars. Jetzt kann ich das mit jedem Vierzehnjährigen im Netz, der krasser aussieht als ich.
Milen: Zurzeit gibt es ja diese Looksmaxxer, kennen Sie die?
Milen: Die schlagen sich zum Beispiel mit einem Hammer ins Gesicht, damit die Knochen sichtbarer und maskuliner aussehen. Die machen auch Skincare, Augen, Massagen und so.

Die schlagen sich mit einem Hammer?
Milen: Damit sie besser aussehen. Dichte Knochenmasse ist zurzeit irgendwie fame, jeder will die haben.
Semin: Ein Looksmaxxer ist eine Person, die so gut aussehen will wie möglich. Vor allem im Gesicht. Und die drastische Maßnahmen unternimmt, um etwa eine krasse Jawline zu bekommen, also so eine Knochenlinie vom Kinn bis zum Ohr. So wie Ihr Fotograf hier. Sie wollen ein perfektes Gesicht haben, also eine ideale Nase, perfekte Augen, eine gute IPD …
Semin: Der Abstand im Augenbereich.
Euch fallen solche Äußerlichkeiten direkt auf, oder?
Semin: Ja. Aber Looksmaxxer sind auch relativ toxisch. Es gibt Edits, wo hässliche Leute gezeigt werden . . .
Semin: . . . genau, chopped. Und dann gibt es Stufen, wie von einer Skala von eins bis zehn. Man bewertet dann die Leute, aber immer „sub“, also unter einer Zahl. Also eine Person ist dann zum Beispiel „sub 3“, also unter drei.
Moment, langsam. Da werden also Fotos im Netz gepostet, und es geht darum, wie schlecht jemand aussieht – und das wird dann öffentlich bewertet?
Semin: Wie schlecht oder wie gut. Es werden auch zwei Personen miteinander verglichen, also es wird eine Person gezeigt, die relativ hässlich ist – objektiv betrachtet. Und daneben eine Person, die sehr hübsch ist. Und zwar im Sinne von: dass diese hübsche Person mehr wert ist.
Milen: Sie benutzen Videos, die schon online sind, und editieren das halt.
Semin: Oder Models oder einfach sehr hübsche, prominente Personen.
Wie ihr darüber redet, finde ich interessant: Einerseits reflektiert ihr das, andererseits aber vergleicht auch ihr euch mit angeblich perfekten Körpern. Wieso?
Milen: Das Vergleichen ist auch ungewollt. Wenn ich auf Tiktok jemanden sehe, der gut aussieht oder eine cleane Haut hat, und mich dann selber betrachte, dann sehe ich ja den Unterschied. Man will sich einfach immer verbessern.
Wie viel Zeit verbringt ihr denn pro Tag mit Social Media?
Milen: Nicht so viel, weil ich oft trainiere. Manchmal abends so drei bis vier Stunden.
Semin: Mein Handy ist kaputt, deshalb gerade gar nicht. Das ist ein bisschen schwer. Wegen dem Dopamin . . .
Semin: Ja, das ist das Belohnungsgefühl des Körpers durch Social Media.
Milen, du hast gesagt, drei bis vier Stunden in Social Media findest du nicht viel. Mir kommt das viel vor.
Milen: Ja, aber in unserem Freundeskreis gibt es Leute, die sieben, acht, elf Stunden Handy gucken. Dagegen bin ich nix!
Machst du dir Sorgen um diese Freunde?
Milen: Ich sage ihnen: Macht mal Sport, kommt mit mir raus, aber die hören meistens nicht auf mich. Ich mache mir aber nicht viele Sorgen um die. Ich mache mir Sorgen um mich selber.
Befürwortet ihr ein Social-Media-Verbot, sagen wir, unter 16?
Lasst uns mal über eure Eltern sprechen. Die sind wahrscheinlich etwa 25 Jahre älter als ihr . . .
Milen: Als ich geboren wurde, war mein Vater 19, meine Mutter 18.
Semin: Meine Mutter war 20.
Habt ihr andere Meinungen über die Welt als eure Eltern, weil ihr jünger seid?
Semin: Ja, und das betrifft ziemlich viele Dinge. Wir reden immer aneinander vorbei, wenn wir über irgendwas diskutieren. Meine Mutter und mein Vater konnten nicht richtig zur Schule gehen, sie waren sehr arm und haben viel durchgemacht. Es geht ihnen jetzt gut, aber sie haben sich alles in Deutschland erkämpft. Und wenn ich jetzt sage: Die Schule ist so schwer, ich will auch mal Freizeit haben, dann sagen die: Nein, die ist nicht schwer. Lern jetzt mal ein bisschen, mach es fertig. Ich denke, die wollen, dass ich nicht dieses Leid erfahre, wie sie, als sie jung waren. Aber sie verstehen nicht, dass meine Lage heute eine andere ist.
Welche Einstellung haben sie zu Social Media?
Semin: Meine Eltern verstehen nicht, welchen Wert es hat. Mein Vater hat mir mein Handy oft weggenommen, weil ich in der Schule schlecht war. Er hat nicht verstanden, dass er dadurch meine schulischen Leistungen noch schlechter machte. Weil ich nicht in den beiden Klassengruppen war. Weil ich keinen Zugang auf das Schulportal hatte.
Milen: In meiner Familie kann fast keiner gut Deutsch. Deswegen muss ich meistens alles Formularische erledigen, Briefe schreiben oder übersetzen. Ich verstehe das aber manchmal selbst nicht. Dann bekomme ich mit meinen Eltern Probleme. Ich sag denen: Ich weiß nicht, wie ich das übersetzen soll. Ich kann das nicht. Und sie sagen: Wofür gehst du zur Schule, wofür bezahlen wir Geld für dich! Aber hey, ich bin achte Klasse, ich kann doch nicht alles.
Ist das Thema Krieg und Wehrdienst ein Thema, das euch beschäftigt, wenn ihr über eure Zukunft nachdenkt?
Milen: Früher haben wir uns manchmal darüber unterhalten. Zurzeit mache ich mir eigentlich gar keine Sorgen um Krieg. Wie gesagt, ich will ein sorgenfreies Leben.
Semin: Ich mache mir viele Sorgen. Denn wieso sollte ich für dieses Land kämpfen: wenige Wohnungen, schlechtes Schulsystem, rassistische und diskriminierende Leute. Wissen Sie, was das klassische Bild eines Ausländers von einem Deutschen ist?
Semin: Er hat einen guten Job, er ist so ein bisschen grimmig, und er verachtet Ausländer.
Und entspricht dieses Bild deiner Meinung nach der Wahrheit?
Semin: Das ist ja nur ein Bild. Ich kenne viele Deutsche, die komplett okay sind. Die Älteren sind oft ein bisschen verbittert. Ich kann aber auch verstehen, dass die misstrauisch, sogar rassistisch sind. Als Ausländer darf man eben keine Faxen machen und muss sich integrieren – ich habe mich ja auch integriert. Und als Deutscher muss man die Ausländer willkommen heißen. Das sind ja keine schlechten Menschen.
Wie alt warst du, als du nach Deutschland kamst?
Semin: Sechs Monate. Ich bin fast mein ganzes Leben lang hier.
Und du sagst trotzdem, dass du dich integrieren musstest?
Semin: Meine Schwester kam, als sie acht war. Bei ihr war das wie bei Milen, sie musste viel Papierkram für die Familie erledigen, das war eine große Herausforderung. Sie hatte auch viel mit Rassismus zu kämpfen, weil sie die Sprache nicht konnte oder weil sie einfach anders aussah, von der Haut her. Das hat sie sehr geprägt, sie ist jetzt auch ein bisschen grimmig. Und sie hat es auf mich übertragen, sie hat mir davon viel erzählt.
Milen: Neulich war ich in einem Laden und habe nichts gekauft. Da haben die mich direkt angehalten und gefragt: Was hast du gemacht? Gleichzeitig ist ein Deutscher mit seiner ganzen Freundesgruppe raus und durfte einfach weitergehen. Das empfinde ich als rassistisch.
Semin: Ich glaube, bei den alten Leuten liegt es an der Angst vor der Veränderung. Die haben hier sehr viel gearbeitet und geleistet, und dann sehen die, wie die ganze Welt sich so schnell verändert. Wie aus dem Nichts sehr viele Leute aus verschiedenen Ländern kommen, hier auch noch Scheiße bauen. Die Medien berichten auch nur von Ausländern, die rauben, abstechen oder Bomben platzieren. Letztens hat eine unbekannte Person einen Schweinekopf vor eine Moschee gelegt. Aber darüber redet niemand.
Eben hast du gesagt, Semin, das Schulsystem sei schlecht. Was meinst du damit?
Semin: Man übertreibt halt wirklich, was diese ganzen Noten für das spätere Leben bedeuten. Meine ganze Zukunft basiert gerade darauf, ob ich gut in Balladen bin, obwohl ich wahrscheinlich nie in meinem Leben mehr eine Ballade brauche. Und wenn ich deswegen meinen Abschluss nicht kriege – na ja, welcher Arbeitgeber stellt mich dann ein? Obwohl ich im Praktischen total gut bin. Aber das wirkliche Leben, wie man ist, wenn es hart auf hart kommt, das zählt überhaupt nicht.
Wenn es hart auf hart kommt, dann kommst du gut klar?
