Einmal ein Kaiser sein! Und ein römischer noch dazu! Einen solchen Ausruf kann man sich bei Donald Trump nach den bisherigen innenpolitischen wie außenpolitischen Erfahrungen mit ihm in seiner zweiten Präsidentschaft durchaus vorstellen – nicht zuletzt während eines Flugs mit dem Präsidentenhelikopter zum Weißen Haus über Washington, einer Stadt, deren Gründer das antike Rom als Vorbild sahen und am Potomac ein „Neues Rom“ errichten wollten. Mit den republikanischen Idealen der amerikanischen Gründerväter dürfte Trump allerdings wenig gemein haben. Vielmehr scheint er sich – wenn auch sicherlich unbewusst – ein Vorbild an den römischen Kaisern zu nehmen, allerdings weniger im Moment des militärischen Sieges als in dem der Niederlage.
Verfolgt man die Äußerungen des amerikanischen Präsidenten zum Verlauf seines zweiten Feldzugs gegen den Iran, fallen zunehmend Parallelen zur Kommunikation der Kaiser im alten Rom auf. Bereits Mitte März erklärte Trump: „Wir haben gewonnen.“ Einen Monat später: „Die Vereinigten Staaten haben das Militär des Iran vollständig zerstört, einschließlich der gesamten Marine und Luftwaffe, und alles andere.“ Zu einem politischen Erfolg konnte Trump damit bislang allerdings nicht gelangen – weder bei den amerikanischen Verhandlungen mit der iranischen Führung noch bei den Amerikanern daheim, wo der Irankrieg inzwischen ähnlich unbeliebt ist wie zuvor die Kriege im Irak und in Vietnam.
Wenn der Haken teurer wird als der Fisch
Wie zogen sich römische Kaiser, die mit ihren Feldzügen keine politischen Erfolge erringen konnten, aus der Affäre? Das hat der Passauer Althistoriker Oliver Stoll 2023 in einem Aufsatz untersucht („Aureo hamo piscari . . .“ – „Fischen mit goldenem Haken“. Vom Risiko militärischer Niederlagen für den römischen Kaiser, in: „Geschichte wird von den Besiegten geschrieben“. Darstellung und Deutung militärischer Niederlagen in Antike und Mittelalter. Hrsg. von Manuel Kamenzin und Simon Lentzsch, Campus Verlag). Der Aufsatztitel zitiert Augustus, der es „Fischen mit goldenem Haken“ nannte, wenn er der Meinung war, dass der Aufwand höher war als der Gewinn.

Stoll beschreibt eine breite Palette kaiserlichen Verhaltens: von Verdrängen, Verschweigen, Umdeuten, Überschreiben, Vergessen und Kritisieren über Feiern falscher Triumphe und gespielte Wahrung des Scheins und „kaiserlicher Würde“ bis zur Bestrafung von Feldherren als Sündenböcken und zur Kritik an den Vorgängern. Auch emotionale Motive hätten sich beobachten lassen, wie Angst, Rache und Eifersucht. Schon im kaiserlichen Rom konnte die Politik einer gegebenen Gegenwart durch die Art der Erzählung von und über Vergangenheit beeinflusst werden, durch diejenigen, welche die Macht und den Einfluss hatten, diese Erzählungen zu formen und auszuwählen beziehungsweise zu überliefern – im Sinne von: „Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit; wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“
Alternative Fakten auch schon im alten Rom
Wie heute in Washington spielte schon damals in Rom das komplexe Gefüge des Akzeptanzsystems eine Rolle, wobei für Stoll insbesondere die Beziehungen zwischen Senat beziehungsweise senatorischer Geschichtsschreibung und dem jeweiligen Kaiser für das Thema der Niederlagen und des Umgangs mit ihnen von Interesse ist. Hier sei es offensichtlich letztlich um Bewahrung und Stabilität, um Manipulation und Beeinflussung, um Machtrelationen, um Traditionen, politische Normen und kulturelle Werte gegangen. „Erinnerungssanktionen“ hätten gegebenenfalls dazu gedient, Traditionen zu bewahren, Erwartungen und Werte der Gesellschaft zu sichern. Sie hätten als Formung der Vergangenheit, als Manipulationen fungiert und dabei geholfen, den politischen und sozialen Status quo zu bewahren – in diesem Sinne betrachtet Stoll sie als „Resilienzphänomen“.
Wenn im Extremfall aus Verlierern im Nachhinein durch die eigenen Deutungseliten sogar Sieger gemacht wurden, wenn versucht wurde, ihnen „gerecht“ zu werden durch Informationslenkung und Gesichtswahrung, dann stellte das nach Stolls Analyse als Modifikation eines realen Geschehens „Gedächtnispolitik“ dar – gegebenenfalls gegen historische Wahrheit und mittels der Konstruktion dessen, was wir dank Trump heute alternative Fakten nennen.
Allgemein stellt Oliver Stoll in der Historiographie eine sehr dynamische Gestaltung der Vergangenheit und der militärischen Niederlagen sowie ihrer Funktion in der jeweiligen Darstellung fest: Es gehe um die Bewertung von Kaisern als Siegern oder Verlierern, um „gut“ oder „schlecht“, um die offensichtliche Angst der Kaiser, als Gescheiterte dazustehen, und die genau dort entstehende Möglichkeit für nachfolgende Principes, sich gegebenenfalls und gerade in politischen Umbruchsituationen auch durch Abgrenzung gegen den „vorherigen Verlierer“ zu profilieren. Wem kommt all das heute mit Blick auf das „Neue Rom“ jenseits des Atlantiks nicht vertraut vor?
