
Kürzlich verkündete der ukrainische Präsident eine militärische Premiere. Erstmals in der Geschichte des russischen Angriffskrieges, sagte Wolodymyr Selenskyj, hätten die Ukrainer eine feindliche Stellung ausschließlich mit unbemannten Waffensystemen, Bodenrobotern und Flugdrohnen, eingenommen. Die Reaktionen fielen gemischt aus: Lob für moderne Kriegstechnik und ukrainische Innovationskraft auf der einen Seite, Warnungen vor der Entmenschlichung des Krieges auf der anderen.
Der Vorgang zeigt, wie weit die Meinungen über den Einsatz autonomer Waffensysteme und Künstlicher Intelligenz (KI) im Krieg auseinandergehen. Während Länder wie die Ukraine oder die Vereinigten Staaten in Iran den Einsatz von KI offensiv erproben, dringen andere auf eine strengere Regulierung oder gar Verbote autonomer Waffensysteme. Seit Jahren ringt man bei den Vereinten Nationen in Genf um gemeinsame Regeln für den Einsatz autonomer Waffensysteme – ohne Erfolg.
Hierzulande ist das Bild von KI im Krieg von dystopischen Erzählungen geprägt. Das Motiv des „Killerroboters“, populär geworden mit den „Terminator“-Filmen seit 1984, wird bis heute von den Befürwortern von Verboten und strengerer Regulierung autonomer Waffensysteme und KI angeführt. Mitunter dient es auch als Kampfbegriff. Doch dieses Schreckbild trifft die realen Streitfragen nicht. Es verstellt vielmehr den Blick auf die nüchterne Realität moderner Streitkräfte.
Das Völkerrecht gilt für jede Technologie
KI ist dort längst ein breit eingesetztes Arbeitsmittel. Benutzt wird es etwa bei der Erstellung von Lagebildern und deren Aktualisierung in Echtzeit. KI steckt auch in Flugsteuerungs- und Assistenzsystemen, ohne die moderne Kampfflugzeuge kaum beherrschbar wären. Und sie unterstützt bei der Erstellung und Zusammenstellung von Flugoperationsbefehlen. Die Liste der KI-Anwendungen der Streitkräfte ist lang, ihr Nutzen für die Militärs enorm.
Dass mit diesen KI-Anwendungen auch Risiken einhergehen, zeigen Beispiele aus den gegenwärtigen Konflikten. Das wohl häufigste Problem sind veraltete Daten, auf deren Grundlage Systeme Empfehlungen geben. Die USA bombardierten am ersten Tag ihrer Angriffe in Iran eine Mädchenschule; mehr als 170 Menschen wurden getötet. Nach ersten Ergebnissen interner Untersuchungen könnten überholte Zieldaten zu dem Fehler bei der Zielauswahl beigetragen haben; der Schulkomplex war früher militärisch genutzt worden.
Die Konsequenz liegt auf der Hand: Regierungen müssen die Risiken des militärischen KI-Einsatzes genau bewerten. Entscheidungsprozesse sind sorgfältig zu dokumentieren. Verantwortlichkeiten müssen entlang der gesamten Befehlskette klar definiert werden. Das humanitäre Völkerrecht gilt – unabhängig davon, welche Technologie im Krieg eingesetzt wird.
Das Wettrüsten mit KI ist in vollem Gange
Ein generelles Verbot autonomer Waffen taugt hingegen nicht: Denn es könnte auch Systeme erfassen, die sich bewährt haben, ohne dass bislang unbeherrschbare Risiken zutage getreten wären. Definiert man „autonom“ so, dass ein System Ziele selbständig erfassen und bekämpfen kann, fielen darunter auch Flugabwehrsysteme wie Patriot. Zwischen Erkennung und Abwehr bleibt hier so wenig Zeit, dass der Mensch auf die Maschine angewiesen ist.
Das UN-Waffenübereinkommen verbietet bestimmte konventionelle Waffen, die übermäßige Leiden verursachen – etwa Blendwaffen, die Opfer dauerhaft blind machen. Auf autonome Waffensysteme lässt sich dieses pauschale Verbotsprinzip jedoch kaum übertragen: Denn es gibt nicht „die“ eine Waffe, sondern eine ganze Bandbreite von Anwendungen und Automatisierungsgraden. Regeln oder gar Verbote müssten deshalb sehr spezifisch formuliert sein.
Das Wettrüsten im Bereich KI ist in vollem Gange. Technischer Fortschritt wird von den Großmächten als entscheidender Hebel gesehen, um sich geopolitisch zu behaupten. Wer sich dieser Erkenntnis zu lange verschließt, verliert Macht und Einfluss. Er wird sich später an die Vorgaben anderer anpassen und den Rückstand aufholen müssen.
Das erinnert an die Debatten im Kontext des Afghanistan-Einsatzes. Ende 2020 verständigte sich die SPD-Fraktion darauf, der Bewaffnung der Bundeswehrdrohne Heron TP nicht zuzustimmen – in der Hoffnung, zuvor eine „breite gesellschaftliche Debatte“ führen zu können. Angesichts des Ukrainekriegs ging das Projekt zwei Jahre später weitgehend geräuschlos über die Bühne.
In dieser Realität müssen sich auch Deutschland und die Europäer zurechtfinden. Zu viel KI-Skepsis können wir uns nicht leisten. Ansonsten werden wir auf Fähigkeiten verzichten, die andere längst haben. Gerade wirtschaftlich birgt der militärische Einsatz von KI zudem erhebliches Potential.
