Nebojša »Naki«
Nakićenović erreicht man in China, wo der österreichische Energieökonom eine
Konferenz der Tsinghua-Universität in Peking besucht. Dort diskutieren Hunderte
Teilnehmer aus aller Welt darüber, wie sich Klimaneutralität erreichen lässt. Wie
passend, um über sein Worst-Case-Emissionsszenario zu sprechen, das er im Jahr
2011 veröffentlicht hat – und das Klimaforscher nun nicht mehr berücksichtigen wollen, weil es »unplausibel« geworden sei. Gegner starker Klimaschutzmaßnahmen – vom US-Präsidenten
bis hin zu Politikern der AfD – nutzen es gerade, um Forschenden Lügen, Panikmache
und Übertreibung vorzuwerfen.
DIE ZEIT: Herr Nakićenović, Sie
gelten als Vater des RCP8.5-Szenarios, über das gerade die halbe Welt spricht. Finden
Sie es richtig, dass es nun nicht mehr in Betracht gezogen wird?
Nebojša Nakićenović: Nein. Zum einen würde ich so ein extremes Szenario nach wie vor nicht ausschließen. Es ist leider immer noch
denkbar, dass die reale Entwicklung einen tragischen Verlauf nimmt. Zum anderen
braucht es diese Hochemissionsszenarien, um Klimamodelle zu testen und
herauszufinden, wie man sich an den Klimawandel anpassen kann. Ich verstehe
schon, dass die Entwicklung von Szenarien komplex ist und viele Ressourcen
benötigt. Aber es wäre doch
unverantwortlich, nicht zu erforschen, was passieren wird, sollten die
Emissionen ein katastrophal hohes Niveau bekommen und uns ein Klima bescheren,
in dem allerhand Teile des Erdsystems kippen. Und mit ihnen Gesellschaften in
viele weitere Krisen geraten.
ZEIT: Wie kam es
überhaupt dazu, dass Sie dieses Albtraumszenario vor 15 Jahren entworfen haben?
Nakićenović: Der
Weltklimarat brauchte neue Szenarien für die Zukunft, und ich sollte das koordinieren
und daraus später RCP8.5 entwickeln. Der Auftrag war klar: Die Szenarien sollten das
ganze Spektrum der Möglichkeiten umfassen – und dazu gehörten niedrige bis hohe
Emissionen.
ZEIT: Was war das damals für
eine politische Situation?
Nakićenović: China und Indien waren
noch Kohleländer und bauten ein Kohlekraftwerk nach dem anderen. Die erneuerbaren Energien waren teuer. Und Elektroautos existierten praktisch nicht.
ZEIT: Wie gingen Sie bei der
Entwicklung des Szenarios vor?
Nakićenović: Wir haben jahrelang die wissenschaftliche Literatur danach
bewertet, wie sich die Weltbevölkerung entwickeln wird, Landnutzung,
Wirtschaftswachstum, Technologie und Fortschritt. Und eben die Treibhausgasemissionen.
Die wirklich schwierige Aufgabe für uns war, zu modellieren, wie jene Faktoren miteinander
zusammenhingen. Daraus entstand im Jahr 2011 dann RCP8.5 – ein Szenario ohne
jegliche Klimaschutzmaßnahmen, in dem bis zum Ende des Jahrhunderts zwölf
Milliarden Menschen die Erde bevölkern und die Wirtschaft kaum wächst. Wir haben RCP8.5 also nicht
einfach aus dem Hut gezaubert.
ZEIT: Kritiker bemängeln seit Jahren: Eine
Verzehnfachung der Kohlenutzung und eine Verdreifachung des CO₂-Gehalts – wie
es das RCP8.5-Szenario voraussetzt – sei undenkbar. Und selbst bei einer
kompletten Aufgabe des Klimaschutzes sei noch keine Fünf-Grad-Welt zu erwarten.
Nakićenović: Es ist egal, wie
wahrscheinlich oder realistisch RCP8.5 betrachtet wird! Am Ende des Tages sind
das Berechnungen, Narrative, wie sich die Zukunft entwickeln könnte, und zwar
in verschiedensten Richtungen.
ZEIT: Wie könnte die
aktuelle Situation dafür sorgen, dass die Emissionen wieder stärker steigen?
Nakićenović: Das Problem mit der Kohle
ist: In vielen Teilen der Welt ist es weiterhin eine einheimische
Energiequelle. Indien hat wenig andere fossile Ressourcen. Kommt es zu Kriegen
und Energiekrisen, könnten sich solche Länder womöglich darauf zurückbesinnen. Die
Situation derzeit erinnert mich übrigens an die Ölkrise in den 1970er-Jahren,
aber ich glaube, die aktuellen Krisen gehen noch tiefer. Sie stellen eine große
Gefahr dar, da die alte Ordnung verschwindet und ungewiss ist, was ihr folgt.
ZEIT: Aber es gab doch das
Pariser Klimaabkommen 2015, und Solar- und Windenergie erleben gerade ein
exponentielles Wachstum.
Nakićenović: Nach dem Pariser
Klimagipfel habe ich tatsächlich mal gedacht, dass RCP8.5 umfällt und wir eine
Zwei-Grad-Welt erreichen können. Aber inzwischen sieht die Realität wieder
anders aus: Wieder sind die USA aus dem Klimavertrag ausgetreten und setzen in
der Energiepolitik stark auf fossile Energiequellen. Und wer weiß, wer noch
alles abspringt.
ZEIT: Hätten Sie je gedacht, dass sich Donald Trump in
eine wissenschaftliche Diskussion um Ihr RCP8.5-Szenario einschalten wird?
Nakićenović: Donald Trump kann man
nicht vorhersagen.
ZEIT: Er wirft der
Klimaforschung vor, übertrieben zu haben – sie habe mit ihren Szenarien
falschgelegen. Auch die AfD sprach am Donnerstag in einer aktuellen Stunde im
Bundestag von dem »größten Betrug an der Menschheit« sowie von »Panikmache«,
die nur dazu gedient habe, eine »Verbotspolitik« durchzusetzen.
