Wer Los Angeles besucht, sollte „The Vista“ nicht verpassen. Das Kino, 1923 am Sunset, Ecke Hollywood Boulevard eröffnet, ist heute so ikonisch, dass es selbst in Filmen auftaucht. Wahrscheinlich wäre es längst verschwunden, hätte der Regisseur Quentin Tarantino es nicht während der Pandemie, als es geschlossen war, gekauft und restauriert. Sein persönliches Highlight ist der 70‑mm‑Projektor. Im „Vista“ werden Filme ausschließlich analog gezeigt, nicht digital. Außen zeigt sich die Kinofassade im ortstypischen Spanish‑Mission‑Stil, doch im Inneren wird man fast geblendet von einem ägyptisierenden Spektakel aus goldenen Pharaonen, halb nackten Göttinnen und pyramidenförmigen Leuchten. Kurz nach der Entdeckung von Tutanchamuns Grab war damals die ganze Welt im Ägyptenfieber.
An Karten für das „Vista“ zu kommen, ist trotz seiner 838 Plätze nicht leicht. Umso glücklicher war ich daher, für einen Sonntag, morgens um zehn Tickets für Jean‑Luc Godards „À bout de souffle“ zu ergattern. Es war damit zu rechnen, dass die Originalfassung mit englischen Untertiteln kaum jemanden vom Frühstückstisch weglocken würde. Das aber ist Los Angeles: Die Vorstellung war ausverkauft. Kein Sitz blieb frei. Godards Spielfilmdebüt aus dem Jahr 1960 handelt von Patricia, einer Amerikanerin in Paris (Jean Seberg), die auf einen französischen Ganoven trifft, den sie erst belächelt, dann begehrt, schließlich rettet und zuletzt verrät. Der junge Belmondo ist dieser unentwegt rauchende und posierende Kleinkriminelle, der sich mit dem Daumen so gern über die Lippen streicht.
Jede Einstellung ruft die Kinogeschichte auf
Kann man sich den Film heute überhaupt noch anschauen, ohne den Seminarton im Ohr zu haben? Der Film hat die Kinogeschichte in ein Davor und Danach geteilt wie Moses einst das Rote Meer. „Außer Atem“ ist deshalb auf eigentümliche Weise größer als seine eigene Vorstellung. Nahezu jede Einstellung ruft mythische Momente auf. Und kaum eine andere Epoche der Filmgeschichte ist ähnlich mit Bedeutung aufgeladen wie die Nouvelle Vague.
Die makellose Kopie von „Außer Atem“, die in Tarantinos Kino über die Leinwand flimmert, hat fast dokumentarischen Charakter. Zugleich aber haben die Szenen und Geräusche aus dem Paris der Sechzigerjahre, die Darsteller, das Tempo und die sexuelle Offenheit mehr als sechzig Jahre nach der Uraufführung noch immer Charme.

Godards filmische Mittel waren Avantgarde, die Handkamera genauso wie der Jump Cut und dass er an Originalschauplätzen mit natürlichem Licht drehte. Doch nicht alles war seinem künstlerischen Willen geschuldet – der das Leben dort filmen wollte, „wo es ist“ –, sondern auch finanziellen Engpässen. Der Film brach mit Traditionen, zugleich aber liebte Godard das amerikanische Kino, der Regisseure wie Fritz Lang, Howard Hawks und Alfred Hitchcock verehrte und „Außer Atem“ als Hommage an den Film noir verstand. In einer Szene betrachtet Belmondo als Michel ein Filmplakat mit Humphrey Bogart.
Diese Szene in einem Kino in Los Angeles zu sehen, das Tarantino gehört, ist filmhistorisch daher nur folgerichtig. Der Regisseur hat nicht nur seine Produktionsfirma „Bande à Part“ nach einem Godard-Film benannt. Auch Tarantinos eigenes Werk besteht aus Pastiches, Zitaten und Huldigungen an den Filmkanon. Einst schaute der Franzose Godard nach Amerika. Heute blickt der Amerikaner zurück nach Paris, der vor vielen Jahren, als er noch in einem Videoladen arbeitete, sich durch die gesamte Filmgeschichte geschaut hatte.
Unverkennbar ist „Außer Atem“ ein Film der Nouvelle Vague, weshalb die Erzählebene nicht sonderlich viel hergibt. Eine richtige Handlung, überzeugende Gefühle oder visuelle Plausibilität gibt es nicht. Michel ist ein typischer französischer „Mec“. Er klaut ein Auto, erschießt einen Polizisten, schmeichelt Frauen und hängt mit seinen Gangsterfreunden ab. Sein Verhalten lässt sich psychologisch nicht deuten. Während Jean Seberg als unnahbare Patricia, die ihre Distanz zur Welt nie ganz aufgibt, in ihrer Rätselhaftigkeit atemraubend ist.
Jean-Luc Godard folgt seinen eigenen Regeln. Auch der brutale Schluss hat nichts Melodramatisches, sondern erscheint wie der ganze Film eher als eine Satire auf große Kinogefühle. Man betrachtet Filmgeschichte und fühlt sich trotzdem nicht wie im Museum. Dafür ist es zu lässig und zu unbekümmert. Das macht „Außer Atem“ bis heute so sehenswert.
