
Dieses Bild sagt mehr als 1000 Worte, wenn auch nicht auf den ersten Blick. Es erzählt Weltgeschichte und Prominenten-Klatsch gleichermaßen und kann erstmals seit vielen Jahrzehnten in London wieder öffentlich betrachtet werden. Im Ausstellungsraum der Wallace Collection hängt „Der Turm der Koutoubia-Moschee“, wie der Titel des Gemäldes lautet, zwischen anderen Ansichten von Marrakesch.
Alle Bilder stammen vom Maler, nicht vom Staatsmann, Winston Churchill, dem die Ausstellung gewidmet ist. Churchill war im Lauf seines Lebens öfters in Marrakesch, er schwärmte von dem Licht und den Farben. Aber der in Öl festgehaltene Blick auf die Altstadt mit dem Turm der Moschee und dem schneebedeckten Atlasgebirge im Hintergrund ist dennoch einzigartig.
Denn er gibt wieder, was der britische Premierminister im Januar 1943 dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt zeigen wollte. Beide hatten sich zuvor in Casablanca getroffen, bei der ersten jener Serie alliierter Konferenzen, auf denen über den Kriegsverlauf beraten und über das Schicksal Nachkriegsdeutschlands entschieden wurde. Der Weltkrieg stand in jenem Moment in einer entscheidenden Phase; die deutsche Wehrmacht verlor den Winterkampf um Stalingrad. Churchill und Roosevelt einigten sich auf die nächsten strategischen Schritte: eine Invasion der Alliierten in Italien; ein systematisches Bombardement deutscher Städte.
Eine Vertrautheitsgeste und Zeichen der Dankbarkeit
Nach der Konferenz an der marokkanischen Küste überredete der Brite seinen amerikanischen Freund zu einem Abstecher nach Marrakesch, um ihm die Farben zu zeigen, in die dort die untergehende Sonne die Altstadtmauern und die Berggipfel taucht. Es war eine Vertrautheitsgeste und ein Zeichen der Dankbarkeit an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, auf dessen uneingeschränkte Unterstützung die anderen Alliierten angewiesen waren, um das Ringen mit den faschistischen Mächten in Europa zu gewinnen.
Und damit Roosevelt diesen schönen und intimen Moment nicht vergäße, hielt Churchill die besondere Stimmung in einem Bild fest – dem einzigen, das er während des Weltkriegs anfertigte. Er schickte es dem Präsidenten zu dessen Geburtstag im Frühjahr.
Die Freude am Malen hatte der britische Premierminister ein Vierteljahrhundert zuvor entdeckt – in einer Lebenskrise. Der vor Tatkraft und Ungeduld platzende Soldat, Schriftsteller, Politiker geriet schon seines Wesens wegen mitunter in sehr prekäre Lagen – eine Periode in den Dreißigerjahren, in denen seine politische Karriere am Ende schien, hat er selbst als „Jahre in der Wildnis“ bezeichnet.
Er fand Anerkennung als Maler
Auch während des Ersten Weltkriegs schien Churchills Laufbahn am Ende, nachdem er 1915 ein militärisches Desaster im Kampf gegen die Türkei an der Meerenge der Dardanellen zu verantworten hatte. Alsbald zog er als Bataillonskommandeur an die Westfront. Die Bilder, die er dort von einem zerschossenen Bauernhof malte, dem Hauptquartier seiner Truppe, stehen am Anfang der Londoner Ausstellung.
Am Ende seines Lebens hatte Churchill nicht nur Großbritannien und Europa vor dem Nationalsozialismus gerettet, sondern auch den Literaturnobelpreis bekommen – und Anerkennung als Maler gefunden. Die Royal Academy erhob ihn zum Ehrenmitglied und veranstaltete Ende der Fünfzigerjahre eine Werkschau seiner Bilder – ähnlich umfassend, wie es jetzt die Wallace Collection tut. Übrigens ging der Maler Churchill großzügig mit seinen Werken um; er verschenkte im Laufe seines Lebens mehr als 70 der rund 500 von ihm gemalten Bilder. Auch die Nachfolger Roosevelts, Harry S. Truman und Dwight D. Eisenhower, bekamen von ihm einen „Churchill“ überreicht.
Das Bild tauchte in einer Auktion in New Orleans auf
Das Freundschaftsbild mit der Ansicht Marrakeschs aber entwickelte noch ein besonderes Schicksal. Es blieb weder im Besitz des amerikanischen Staats noch der Familie Roosevelt, tauchte aber 2011 auf einer Auktion in New Orleans auf. Dort ersteigerte es ein anonymer Bieter, bei dem es sich nach damaligen Zeitungsmeldungen um den Schauspieler Brad Pitt handelte, für drei Millionen Dollar.
Offenkundig hat Pitt damit seine damalige Frau Angelina Jolie überraschen wollen. Jedenfalls trat sie ein Jahrzehnt später selbst als Verkäuferin auf und gab das Gemälde bei Christie’s in London ins Auktionsangebot.
Der Privateigentümer, der es dort ersteigerte, will wiederum unbekannt bleiben, aber der Preis ist bekannt, den er 2021 für Churchills Werk bezahlte: Es waren einschließlich der Auktionsgebühren 8,2 Millionen Pfund, knapp zehn Millionen Euro.
