Zum Interview im Luxushotel in Cannes erscheint John Travolta mit einiger Verspätung. Dem kleinen Grüppchen internationaler Journalisten bietet das Gelegenheit, das für den Termin ausgewählte Zimmer ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Dass an der Wand eine Schwarz-Weiß-Fotografie hängt, die die Schauspielerin Uma Thurman auf dem roten Teppich der Internationalen Filmfestspiele zeigt, wirkt fast zu stimmig, um Zufall zu sein. Schließlich gelang Travolta an der Seite ebendieser Kollegin vor 32 Jahren in Cannes mit „Pulp Fiction“ sein großes Comeback, das Kinogeschichte schrieb.
Als der Hollywoodstar eintrifft, scheint er selbst die Aufnahme von Thurman gar nicht wahrzunehmen. Vielleicht liegt es daran, dass er eine andere junge Frau an seiner Seite hat: Tochter Ella Bleu Travolta ist mit ihrem Vater nach Cannes gekommen, und einen gemeinsamen Film haben die beiden auch im Gepäck. „Propeller One-Way Night Coach“ ist das Regiedebüt des 72-Jährigen, seine 26-jährige Tochter spielt darin eine Nebenrolle. Vom 29. Mai an ist das gerade einmal eine Stunde lange Werk beim Streamingdienst Apple TV+ zu sehen.
„Für mich gab es nichts Größeres als den Traum vom Fliegen“
Während des Gesprächs trägt Travolta, der in den zurückliegenden Jahren meistens in zweitklassigen Actionfilmen mitspielte, die direkt im Heimkino-Markt verwertet wurden, eine braune Baskenmütze, farblich abgestimmt zu seinem Anzug und der goldgerahmten Brille auf seiner Nase. Ein ganzes Set dieser Kopfbedeckungen habe er sich vor der Abreise nach Cannes zugelegt, in fünf verschiedenen Farben, um auszusehen wie ein Regisseur alter Schule, erklärt er lachend.
Zwei Tage zuvor war die cremefarbene dran gewesen, als Festivalleiter Thierry Frémaux ihm bei der Weltpremiere von „Propeller One-Way Night Coach“ überraschend eine Goldene Ehrenpalme überreichte. „Ich wusste vorab wirklich nichts“, beteuert Travolta. „Aber ich fühle mich unglaublich geehrt. Filme, die die Goldene Palme gewonnen haben – von Fellini, Bergman, Lelouch oder Truffaut –, haben mich in meinem Leben mehr begeistert und geprägt als viele, die mit dem Oscar ausgezeichnet wurden.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dass ihm auf der Bühne des großen Salle Debussy im Festivalpalast Tränen der Rührung kamen, dürfte nicht nur der unerwarteten Auszeichnung geschuldet gewesen sein. „Propeller One-Way Night Coach“ ist für den Schauspieler ein zutiefst persönliches Projekt, das auf einer von ihm verfassten, autobiographisch inspirierten Geschichte basiert.
„Meine Liebe zur Luftfahrt begann, als ich fünf Jahre alt war und wir in New Jersey wohnten, wo über unser Haus die startenden und landenden Maschinen aller drei großen New Yorker Flughäfen flogen“, erinnert sich Travolta, der seine Erzählung über einen flugzeugbegeisterten Jungen, der 1962 mit seiner Mutter eine mehrteilige Reise gen Los Angeles antritt, zunächst 1997 als Novelle veröffentlicht hatte. „Man konnte die Flugzeuge nicht nur hören, ich konnte einige auch nachts von meinem Bett aus beobachten. So lag ich da dann und stellte mir vor, wer wohl die Menschen sind, die das große Glück hatten, sich auf diese Weise fortbewegen zu können. Für mich gab es nichts Größeres als den Traum vom Fliegen.“

Im Film ist Travolta nun nicht nur als erwachsene Stimme des kleinen Protagonisten aus dem Off zu hören, sondern hat am Ende auch kurz einen Auftritt als Pilot. In Wirklichkeit hat er sich den Traum vom Fliegen längst erfüllt: Erste Flugstunden nahm er als Teenager, mit 22 Jahren (kurz bevor er mit „Saturday Night Fever“ zum Oscar-nominierten Weltstar wurde) machte er seinen ersten Pilotenschein. Seit 2002 ist er nicht mehr auf kleine Privatmaschinen beschränkt, sondern ist im Besitz einer Lizenz für große Passagier-Jets wie die Boeing 707 und 747.
Anlässlich seines 72. Geburtstags im Februar gönnte er sich darüber hinaus den Erwerb einer Global Express SIC-Qualifikation, dank der er Bombardier-Langstreckenmaschinen fliegen darf. Und sein fast zweieinhalb Quadratkilometer großes, in den 1990er-Jahren gebautes Anwesen in der Kleinstadt Ocala in Florida, wo er samt Ella Bleu und Sohn Benjamin bis heute seinen Hauptwohnsitz hat, liegt direkt an einem privaten Flughafen und verfügt über zwei Hangars für seine Flugzeuge und über ein Rollfeld.
„Selbstverständlich“ lautet die Antwort, wenn man ihn danach fragt, ob er zum Festival in Cannes im eigenen Flugzeug angereist ist. „Sogar als Pilot. Und wenn ich nicht zu müde bin, dann übernehme ich auch auf dem Rückflug wieder das Steuer“, fügt er hinzu. „Ich liebe wirklich kaum etwas so sehr, wie im Cockpit zu sitzen. Vor allem in den aufregendsten Momenten des Fliegens, also Start und Landung. Aber wenn es zwischendurch mal ein bisschen langweilig wird, bin ich auch heute noch ausgesprochen gerne Fluggast. Zumindest in meinen eigenen Maschinen, denn die habe ich in der Innenausstattung ganz nach meinem Geschmack entworfen.“
Eine Hommage an seine Mutter
Wie so eine Reise à la Travolta aussieht, lässt sich in „Propeller One-Way Night Coach“ erahnen, auch wenn der Schauspieler natürlich gemeinhin keine Propellermaschinen fliegt. Das goldene Zeitalter des Fliegens, wie er es nennt, verklärt der Film mit viel Nostalgie: in adrette Uniformen gewandte Flugbegleiterinnen, die aussehen wie Hollywoodstars, Drinks aus dem Cocktailshaker, die von kleinen goldenen Wagen serviert werden, und Essen auf teurem Porzellan.
„Bei uns an Bord läuft der Service eigentlich genauso“, gibt er zu Protokoll. „Ich weiß natürlich, dass es gute Gründe gibt, warum sich in der Luftfahrt vieles verändert hat. Aber mir fehlt ein wenig der Glamour, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere. Und wenn ich ehrlich bin, vermisse ich sogar den Zigarettenrauch an Bord. Eine Mischung aus Zigaretten und Cordon Bleu – so roch für mich früher der Aufbruch in die Wolken.“

Fragt man Ella Bleu, ob sie die Flugzeugleidenschaft ihres Vaters geerbt hat, zögert sie einen Moment, als wollte sie Papas Gefühle nicht verletzen. Ins Cockpit scheint es sie nicht unbedingt zu ziehen. „Ich liebe es, per Flugzeug zu reisen. Das Fliegen gehört zu meinen allerersten Kindheitserinnerungen“, sagt sie schließlich, bevor Travolta einwirft, sie sei schon als ungeborenes Baby im Bauch der Mutter Vielfliegerin gewesen. Gleichzeitig, fährt die Tochter fort, liebe sie es auch, an ihrem Ziel anzukommen und dort Zeit zu verbringen. „Außerdem bedauere ich es etwas, dass Flugreisen heutzutage nicht mehr wirklich zelebriert werden. Ich liebe unseren Film auch deswegen, weil er die Romantik des Fliegens zurückholt und zeigt, wie sich die Menschen damals dafür sogar richtig schick gemacht haben.“
Nicht nur wegen Ella Bleu, die als Stewardess an Audrey Hepburn erinnert, ist „Propeller One-Way Night Coach“ eine echte Familienangelegenheit. Travoltas ältere Schwestern Ellen und Margaret, die beide als Schauspielerinnen nie annähernd die Erfolge ihres Bruders feiern konnten, spielen kleine Rollen, die eine als Großmutter des Protagonisten, die andere als Mitpassagierin auf einer Teilstrecke.
Die Figur der Mutter (Kelly Eviston-Quinnett), die ihren Sohn mit auf seine erste Flugreise nimmt, weil sie in Los Angeles auf eine späte Filmkarriere hofft, sei auch eine Hommage an seine Mutter, sagt Travolta: „Meine Mutter war eine Frau mit sehr viel Stil, allerdings hatten wir damals kaum Geld. Genau wie im Film kaufte sich meine Mutter deswegen einen gebrauchten Chanel-Mantel, wie ihn Elizabeth Taylor trug, oder für mich einen Anzug von Dior für kleine Beträge beim Secondhand-Verkauf im Keller der Kirche.“
Dass sie im Flugzeug unter den Teller guckt, um sicherzustellen, dass ihr Essen wirklich auf feinstem Porzellan gereicht wird, oder die Tatsache, dass sie ihren Sohn glauben lässt, dass er nicht nur einmal im Jahr, sondern jeden Monat Geburtstag habe – ebenfalls Kindheitserinnerungen an die eigene Mutter, die einst selbst von der Schauspielerei träumte, bevor sie Theaterlehrerin an einer High School wurde. Zu viel getrunken und fremden Männern nachgestellt habe sie allerdings nicht, so Travolta: „Das ist in meiner Geschichte eher eine Reverenz an ihre wilden Freundinnen, an deren Leben meine Mutter regen Anteil nahm.“
Gewidmet hat der spät berufene Regiedebütant sein Erstlingswerk nicht nur den eigenen Eltern und Geschwistern sowie Ella Bleu und Benjamin, sondern auch seinem 2009 verstorbenen Sohn Jett und seiner 2020 verstorbenen Ehefrau Kelly Preston. „Diese Menschen sind das Gerüst meines Lebens“, sagt er, ohne näher auf die Verluste der zurückliegenden Jahre einzugehen. „Ohne sie würde ich heute nicht hier sitzen.“
„Mein Traum war es nie, Regisseur zu werden“
Ob die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie und das Inszenieren von „Propeller One-Way Night Coach“ womöglich auch kathartische Wirkung hatte? Travolta zuckt mit den Schultern. „Mit meiner Kindheit habe ich mich schon vor vielen Jahren intensiv auseinandergesetzt“, sagt er mit Blick auf die Novelle, die er in einer ersten Fassung sogar schon zu Papier gebracht hatte, bevor an „Pulp Fiction“ überhaupt zu denken war.
„Und meinen eigenen Film zu drehen, war nichts, was mich sonderlich aus der Fassung gebracht hätte. Als Pilot bin ich es gewohnt, mit Checklisten umzugehen, die ich Punkt für Punkt abarbeite. Genauso habe ich es beim Regieführen auch gemacht. Das war viel Arbeit, aber nichts, wovon ich schlaflose Nächte gehabt hätte.“
Quentin Tarantino, so sagt er zur Verabschiedung, habe Glückwünsche zur Premiere und zur Palme geschickt. Und wer weiß, womöglich meldet sich ja auch Uma Thurman noch. Dass er noch ein weiteres Mal auf dem Regiestuhl Platz nehmen wird, scheint Travolta allerdings zu bezweifeln. „Mein Traum war es nie, Regisseur zu werden. Ich habe diesen Film gedreht, weil ich mit Leidenschaft gebrannt habe für diese Geschichte“, sagt er, bevor die nächste Journalistengruppe hereingelassen wird. „Sofern ich nicht noch einmal so tiefe, persönliche Gefühle für ein Projekt entwickele, werde ich es wohl bei der Schauspielerei belassen.“
