
In den vielen Gesprächen, die ich führe, begegnen mir Sorgen wegen des aktuellen Erstarkens der AfD. Bald schon legt sich lähmende Furcht über die Gesprächsrunde. Es dominiert das Gefühl, nicht zu wissen, wie man die Situation in den Griff bekommen kann. Und die Einschätzung, dass die AfD eine Gefahr für unsere Menschenwürde-Demokratie ist. Das ist auch mein Eindruck.
Eine Menschenwürde-Demokratie, in der die Würde jedes einzelnen Menschen unantastbar ist, entspricht der christlichen Grundüberzeugung von der Gott-Ebenbildlichkeit eines jeden Menschen. Jeder Mensch hat für Gott den gleichen Wert. Deshalb setzt sich die evangelische Kirche für unsere Menschenwürde-Demokratie ein. Wie kann sie diese stärken, sodass extremistische Parteien weniger Zulauf bekommen?
Zunächst ist nüchtern einzugestehen, dass die Anzahl der Menschen, die extremistischen Parteien ihre Stimme geben, in der evangelischen Kirche so groß ist wie in der Gesamtbevölkerung. Und es gehört nach meiner Wahrnehmung zur ausdrücklichen Strategie der AfD, diejenigen Christen zu gewinnen, die sich durch Positionen der evangelischen Kirche (zum Beispiel zu Abtreibung oder zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften) nicht mehr vertreten fühlen oder die enttäuscht von ihrer Kirche sind (zum Beispiel weil nicht mehr alle kirchlichen Gebäude unterhalten werden können). Umso wichtiger ist ein Verstehen der Gründe, warum Menschen extremistische Parteien wählen.
Dauerkrisen lassen die Welt bedrohlich erscheinen
Da sind politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme, die sich durch die nicht enden wollenden Krisen unserer Tage immer schwerer lösen lassen. Aber da ist auch ein Sammelbecken von Emotionen angesichts der Dauerkrisen unserer Zeit, durch die die Welt als bedrohlich und unübersichtlich wahrgenommen wird.
Viele Menschen wählen extremistische Parteien, weil sie das Gefühl haben, dass sie mit den herkömmlichen Mitteln nichts ändern können. Auch die Erzählung lähmt, dass es in unserer Gesellschaft keine Mitte mehr gebe, weil wir unüberbrückbar polarisiert seien. Untersuchungen freilich zeigen, dass die Polarisierung bei uns keineswegs so groß ist, wie uns weisgemacht werden soll (siehe S. Mau / Th. Lux / L. Westheuser, Triggerpunkte, 2023).
Deshalb ist es wichtig, dass die evangelische und die katholische Kirche als weiterhin gesellschaftliche Großorganisationen die Mitte stärken, sich „auf die Widersprüchlichkeiten einer Ja-aber-Gesellschaft einlassen“ (dies., „Ja, aber“, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 2024) und dies sichtbar machen. Denn dann läuft die Polarisierungserzählung ins Leere.
„Das Gefühl, nichts ändern zu können, ist bei vielen stark.“
Gleichwohl: Das Gefühl, nichts ändern zu können, ist bei vielen stark. Es hängt auch damit zusammen, dass unsere Zeit mehr als früher von Verlusten bestimmt zu sein scheint, von so vielem, was sich nur zum Schlechteren ändert. Besonders schwierig fühlen sich diejenigen Verluste an, die die eigene Identität betreffen. Man hat dann den Eindruck, nicht nur etwas oder jemanden, sondern sich selbst zu verlieren. Kirchen haben Erfahrungen mit Abschieden beim Sterben und Bestatten. Aber auch mit Abschieden von Liebgewonnenem wie Gebäuden. Wir machen dort gute Erfahrungen mit Ritualen des Trauerns.
Gelingt das Verarbeiten von Verlusten nicht, dann können Verlustängste – wie die ständig angeheizte Angst vor dem sozialen Abstieg durch Zuwanderung – zum entscheidenden Bezugspunkt des Selbstverständnisses werden. Hier kann der Populismus ansetzen, der nach den Worten von Reckwitz im Kern eine „verlustbezogene Politik“ ist. Die dann dominierenden Gefühle sind negativer Art: Zorn, Ressentiment, Rache, Neid, Empörung.
Zu diesen negativen Gefühlen gehört auch das Misstrauen. Eigentlich bräuchten wir heute viel mehr Vertrauen als früher. Wo man früher alle Menschen kannte, mit denen man zu tun hatte, brauchen wir heute, in unserer komplexen Gesellschaft, Vertrauen in viele Personen, ohne sie genauer zu kennen. Stattdessen wächst das Misstrauen „in ganze gesellschaftliche Teilbereiche, unter anderem in Wissenschaft und Medien“.
Misstrauen bereitet den Boden für Populismus
Weil Menschen, die misstrauen, ihrerseits Menschen vertrauen, die auch misstrauen, entstehen „Misstrauensgemeinschaften“. Sie stärken sich in ihrem Misstrauen gegenüber „dem ‚System‘ …, Expertinnen und Experten, Institutionen oder dem Staat“ (A. El-Mafaalani, Misstrauensgemeinschaften, 2025). Der Populismus mit seiner Misstrauensunkultur hat dann leichtes Spiel.
Zu guter Letzt, und damit schließt sich dann die letzte Tür, wird neuerdings propagiert, sich nicht durch die Not anderer berühren zu lassen und stattdessen auf Empathie zu verzichten. Wer das Leben anderer mitempfinde – so wird gewarnt –, versinke im Strudel der Gefühle. Stattdessen seien jetzt nüchterne Urteile gefragt, die sich durch das Elend anderer Menschen nicht berühren und beirren lassen.
Es ist wichtig wahrzunehmen, wie extremistische Kräfte dieses Panoptikum von Emotionen missbrauchen. Sie vermitteln Menschen das Gefühl, die Verluste rückgängig machen zu können und so wieder handlungsfähig zu werden, suggerieren Orte des Vertrauens und der Zusammengehörigkeit. Aber letztlich spielen sie Mimikri. Dort werden Menschen nicht ermächtigt. Dort herrscht ein von Misstrauen vergiftetes Vertrauen. Und das Zusammengehörigkeitsgefühl ist von Ausgrenzungsdynamiken bestimmt, denen schnell weitere Menschen zum Opfer fallen.
„Nicht in Furcht verharren“
Wir brauchen angesichts dessen nicht im Gefühl lähmender Furcht zu verharren. Aus christlicher Perspektive kann dem ein Vertrauen in Gottes Geist entgegengesetzt werden. Denn „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Gottes Geist und seine Wirksamkeit im Menschen und in der Kirche feiern wir an Pfingsten. Pfingsten ist ein Fest gegen die Furcht.
Denn Gottes Geist ist ein Geist der Kraft: Die evangelische Kirche sieht jeden Menschen als Gottes Ebenbild. Darin steckt der Auftrag, unsere Welt zu gestalten. Der Mensch ist kein Spielball der Umstände. Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, die Welt zu gestalten, nicht nur einige wenige, die die Welt unter sich aufteilen.
Die Kirche ist, recht besehen, ein Erfahrungsraum von Gestaltungsmacht und Selbstwirksamkeit. Menschen erleben in der Kirche, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht – sei es im Ehrenamt oder Hauptamt, sei es im Engagement in der Gemeinde oder in einer lokalen Initiative gemeinsam mit anderen Partnern.
Wo Jugendliche Handlungsmut lernen
Worin unterscheidet sich diese Selbstwirksamkeit im christlichen Geist der Kraft von der Selbstwirksamkeit in extremistischen Organisationen? Die christliche Selbstwirksamkeit realisiert Freiheit, und zwar nicht nur die eigene, sondern auch die Freiheit anderer Menschen, weil sie jeden als zum freien, verantwortungsvollen Handeln bestimmt ansieht.
Das erleben wir besonders in der kirchlichen Jugendarbeit. Hier leben Jugendliche demokratische, an christlichen Werten orientierte Prozesse. Sie erfahren, dass Demokratie Spaß macht und man in ihr etwas für andere erreichen kann. Sie lernen dort Handlungsmut.
Zum Geist der Kraft gehört auch zu verhindern, dass Personen mit extremistischen, menschenverachtenden Positionen die Entscheidungen der Kirche beeinflussen. Menschen sollen wissen, dass die Leitung unserer Kirche in den Händen von Personen liegt, für die der Grundsatz, dass Gottes Liebe jedem Menschen unterschiedslos gilt, und also die Würde jedes einzelnen Menschen, Vielfalt und Respekt zentrale Werte sind. Deshalb hat die EKHN ihre Kirchengemeindewahlordnung verändert. Menschen, die extremistische, rassistische, antisemitische oder sonst menschenverachtende oder kirchenfeindliche Positionen vertreten oder entsprechenden Organisationen anhängen, sind für unsere Leitungsgremien nicht wählbar.
„Die Kirche ist weiterhin für alle Menschen da“
Gottes Geist ist ein Geist der Liebe. Deshalb ist uns wichtig: Kirchliche Angebote wie Seelsorge, Diakonie und Gottesdienste sind für alle Menschen offen. Die evangelische Kirche ist weiterhin für alle Menschen da.
Zu diesem Geist der Liebe gehört auch, unterschiedliche Menschen ins Gespräch miteinander zu bringen. Und hier wollen wir noch besser werden. Wir wollen noch mehr Begegnungsmöglichkeiten schaffen, um über unterschiedliche Überzeugungen in ein ehrliches Gespräch zu kommen. Dies geschieht zum Beispiel bei der Demokratie-Küche in Mörfelden-Walldorf: Einfache Gerichte wie Waffeln werden an öffentlichen Orten zubereitet, und man kann dort miteinander reden. Alles, was die Kirche – auch zusammen mit anderen gesellschaftlichen Akteuren – hier versucht, wirkt der Erfahrung entgegen, dass vor Ort nur noch extremistische Akteure da sind.
Der Geist der Liebe ermöglicht Menschen ganzheitliche Heimat. Unsere Stadtjugendpfarrerinnen und -pfarrer haben mir berichtet, dass bei den Jugendlichen in den letzten Jahren der Wunsch nach Heimat zunimmt, nach einem Ort, an dem sie schlicht so sein können, wie sie sind. Wo sie sich nicht vergleichen müssen mit irgendwelchen Schlanken und Erfolgreichen auf Tiktok, sondern sich aus einer christlichen Grundhaltung heraus angenommen fühlen. Mit solchen Erfahrungen können wir das Vertrauen auch in Institutionen wieder stärken und Misstrauensgemeinschaften aufbrechen.
Gottes Geist ist ein Geist der Besonnenheit. So können Polarisierungsdynamiken verringert werden. Gegen den Wunsch, Komplexität durch populistische Positionen zu reduzieren, kann insbesondere die biblische Tradition dabei helfen, mit den Spannungen des Lebens umzugehen. Viele biblische Geschichten, viele Psalmen erzählen von Ambivalenzen und Ambiguitäten und wie man sie im Glauben aushalten kann.
Der Geist der Besonnenheit verhilft zu Augenmaß und genauem Hinsehen statt einem pauschalen Abwerten von ganzen Menschengruppen. In unseren demokratischen evangelischen Gremien stellen wir der Steigerung von Polarisierungsdynamiken das gemeinsame, differenzierte Nachdenken entgegen und das Zuhören, was der oder die andere zu sagen hat. Menschen können die stärkende Erfahrung machen, gemeinsam um einen guten Weg ringen.
Vom Geist der Besonnenheit ist auch der kirchliche Einsatz für eine gute Erinnerungskultur geprägt. Die Kirche steht in der Tradition des Judentums, in dem das regelmäßige Erinnern zum Jahreskreis gehört. Es ist kein Heldengedenken, sondern ein Erinnern von Licht und Schatten. Wir stehen als evangelische Kirche ein für die Erinnerung an die Grauen des Nationalsozialismus. Denn die Überzeugung von der Würde aller Menschen hat erst nach diesen Gräueln des Nationalsozialismus breite, völkerrechtliche Resonanz gefunden. Wir wollen als evangelische Kirche die Erinnerung an die Zeit des nationalsozialistischen Terrors in Deutschland wachhalten, um die Intuition, was verletzte Menschenwürde ist, nicht zu verlieren.
Und noch ein Letztes: Gottes Geist stärkt die Hoffnung der Menschen, dass diese Welt nicht im Niedergang ist. Hoffnung ist eine Kraft im Dunkeln. In der Hoffnung wendet man den Blick vom Dunkel weg auf das hin, wo man Helligkeit entdeckt. Für Christinnen und Christen entsteht Hoffnung durch das Vertrauen, dass Gott da ist, auch in dieser dunklen Welt. Hoffnung ist kontrafaktisch. Sie findet sich nicht mit den Umständen ab. Hoffnung macht aus unserer Sehnsucht nach einer helleren Welt Tatkraft. Wer hofft, schaut sich in der vom Licht schon ein wenig erhellten Dunkelheit um und entdeckt, dass da auch noch andere sind, die hoffen. Mit ihnen verbündet er sich.
