Unser Tennisclub wird von einem Italiener betrieben. Um genau zu sein: nicht unser Tennisclub, sondern sein Clubhaus. Wichtig: Club mit C. Nicht Klub mit K. Ist ja nicht Fußball. Aber trotz großem C und italienischem Wirt ist unser Clubhaus ein Vereinslokal. So wie unser Club ein Verein ist und kein Gesundheitszentrum. Das erkennt man auf den ersten Blick an den bandagierten Senioren auf den Plätzen und auf den zweiten Blick im Gastraum.
Dort stehen rundherum leere Weinflaschen in Reih und Glied. Tignanello, Flaccianello, erste Liga. Wie Trophäen stehen sie da. Vorn links an der Bar trinkt man gern Bier, und weil gleich nebenan das Fußballstadion unserer glorreichen, wenn auch zuletzt wenig erfolgreichen Zweitligamannschaft steht, wird in unserem Clubhaus vor Spielen gerne vorgeglüht. Und später nachgeglüht. Ein Fußballspiel hat hier vier Halbzeiten: zwei auf der Tribüne, zwei im Clubhaus.
Krisensitzung des Vorstands, womöglich bei einem Bier oder zwei
Wenn hier zufällig mal ein WHO-Beobachter aufschlagen würde, hätte er vermutlich einiges zu monieren in unserem Clubhaus. Nicht die Stimmung, aber den Alkohol. Wer sich Spiele im Fernsehen anschaut, lernt in der Werbepause vor allem eines: Beim Fußball braucht man einen Ball und ein Bier. Hopfen und Malz, Gott erhalt’s. Tennis liegt irgendwo dazwischen: halb Bier-, halb Weinsportart. Dazu ein Schuss Prosecco und natürlich: Aperol Spritz.
Jetzt eine interessante Frage, sie hat vergangene Woche Tennis-Schlagzeilen geschrieben: Was passiert, wenn bei einem ordentlich alkoholisierten deutschen Tennisclub plötzlich kein Alkohol mehr ausgeschenkt wird?
Geschehen im hessischen Gießen ist Folgendes: Dort ist in einem Tennisverein ein Streit entbrannt. Die neuen Pächter des Vereinslokals, ein türkisches Ehepaar mit Wurzeln in Anatolien, wollen im Clubhaus keinen Alkohol ausschenken. Gar keinen. Kein Bier, keinen Wein, keinen Sekt, keinen Raki. Nichts dergleichen. Im Pachtvertrag ist die Getränkekarte nicht geregelt, sie sollte sich so ergeben, hatte man verabredet, und was sich so ergab, sorgte für eine Krisensitzung des Vorstands, womöglich bei einem Bier oder zwei.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Den Pächtern wurde bedeutet, dass eine deutsche Vereinsgaststätte ohne Alkoholausschank keine Vereinsgaststätte sei und auch kein Clubhaus mit C. Die Pächter wiederum, gläubige Muslime, vertreten die Meinung, dass man Sport auch alkoholfrei treiben kann, auch danach am Tresen. Es prallen kulturelle Welten aufeinander.
Man kann ja viel verändern im Sport: Regeln, Bälle, Trikots, sogar die Länge von Socken. Aber beim Clubhaus hört der Spaß auf. Wäre interessant zu sehen, was passiert, wenn die Gießener Tennisspieler den möglichen Rechtsstreit verlieren. Man sieht sie schon dasitzen bei Çay, Ayran und Fruchtsaft und über verlorene dritte Sätze und die guten alten Zeiten debattieren, als es noch einen Zapfhahn gab. Und sich aufs Auswärtsspiel freuen bei uns im Clubhaus.
Unser Wirt, wie gesagt, ist Italiener, und die verstehen bekanntlich viel von Espresso, Pasta und – seit Sinner – auch von Tennis, aber nur sehr wenig von der Idee, in einem Lokal keinen Alkohol auszuschenken. Wir sind auf der sicheren Seite. Da könnten die Gäste aus Gießen beim nächsten Besuch glatt mal einen 2018er-Tignanello aufmachen.
