Im sich mit der Geschwindigkeit einer ruhenden Schnecke vom Frankfurter Waldstadion zur Straßenbahnhaltestelle bewegenden Menschenstrom ist genug Zeit zum Sinnieren. Das war also das erste Mal. Dein erstes Metallica-Konzert. So wird es gewiss auch manch anderem im mit rund 60.000 Besuchern ausverkauften Stadion gegangen sein. Allerdings sind die vermutlich einfach zu jung, um auf die Erfahrung von mehr als 2000 besuchten Konzerten anderer Künstler und eine jahrelange berufliche Beschäftigung mit dem weiten Themenfeld Rockmusik zurückzublicken, was es eher kurios wirken lässt, dass unter diesen vielen Konzertgängen ausgerechnet der zu einer der erfolgreichsten und bedeutendsten Bands der vergangenen vier Jahrzehnte fehlt.
So lange schon ist mir die Musik von Metallica vertraut; meine ich sogar, mich an das Plakat für ihren Auftritt 1987 in Offenbach dunkel erinnern zu können, doch zum Konzertbesuch zog es uns im Gegensatz zu einigen Schulfreunden nicht. Zwar hatten damalige Metallica-Songs wie „Seek And Destroy“ oder „Ride The Lightning“ Schnittstellen mit den von uns favorisierten Genres Hardcore und Punk und sogar Melodien obendrein, doch die hatten Bands wie Hüsker Dü oder Bad Religion auch. Und dann kam irgendwann das Monsteralbum „Metallica“ mit heutigen Klassikern wie „Enter Sandman“, „The Unforgiven“ und natürlich „Nothing Else Matters“, mit denen Metallica zu Weltstars und den Indie-Schnöseln „viiiel zu erfolgreich“ wurden.
Diese Arroganz wich aber schon bald der reinen Bewunderung des spieltechnischen Vermögens gerade des Frontmanns James Hetfield und des Leadgitarristen Kirk Hammett, der sich viele Jahre später in einem Interview auch noch als äußerst reizender Gesprächspartner erweisen sollte, doch zu einem Konzertbesuch kam es trotz verschiedener Gelegenheiten bis zum ersten der beiden Metallica-Auftritte über Pfingsten in Frankfurt nie.
Weil es eben keine der auf Youtube so beliebten „XYZ hört zum ersten Mal den Song ABC“-Situationen war, sondern der in etlichen Konzertfilmen bestens dokumentierte, schon seit Anbeginn aller Zeiten von Metallica praktizierte Brauch auch in Frankfurt Anwendung fand, den Auftritt mit Ennio Morricones Komposition „The Ecstasy Of Gold“ aus dem Sergio-Leone-Film „Zwei glorreiche Halunken“ einzuleiten (gut, davor durfte noch AC/DCs „It’s A Long Way To The Top“ gegrölt werden), konnte sich auch der Novize gleich bestens im Ritual aufgehoben fühlen, bevor Hetfield, Hammett, Schlagzeuger Lars Ulrich und Bassist Robert Trujillo mit „Creeping Death“ ein zweistündiges sonisches Freudenfest für ihre Anhänger starteten, von denen viele am Sonntag noch einen Nachschlag erhalten, spielt die Band doch zwei gänzlich unterschiedliche Sets, ein für Vertreter der Weltstars-Liga auf großer Tour eher ungewöhnliches Gebaren, von Metallica aber bei verschiedenen Gelegenheiten schon öfter ausprobiert.

Das hat zwar zur Folge, dass die Band mit Sicherheit nicht all ihre Hits an einem Abend spielen, doch dafür aus einem wesentlich größeren Repertoire schöpfen wird. Das umfasste am ersten Abend im Waldstadion Songs von immerhin neun ihrer insgesamt elf Studioalben, spannte den Bogen vom 1983 veröffentlichten Debüt „Kill ‘Em All“ bis zum jüngsten Werk „72 Seasons“ und zeigte, wie sehr die vier Amerikaner nicht nur das Genre Heavy Metal geprägt, sondern auch dessen Grenzen erweitert haben. Brachiales Gedresche und virtuose Gitarrensoli in Höchstgeschwindigkeit sind hier ebenso wenig Gegensätze wie dynamische Powerchord-Riffs und zart gezupfte Melodien mit Hooks, denen sich selbst das Popradio nicht verschließen kann.
Selbst Humor zeigte die Band in Frankfurt, als Hetfield plötzlich ein Duett von Hammett und Trujillo ankündigte, die beiden hätten sich etwas ausgedacht. Und tatsächlich stimmte Trujillo das Lied „Schwarz-weiß wie Schnee“ von den Frankfurter Thrash-Metal-Haudegen Tankard an, so etwas wie die Hymne des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt und deshalb von einem guten Teil des Publikums mitgesungen, wenngleich auch so manches ratlose Gesicht darauf schließen ließ, dass Metallica beileibe nicht nur Eintracht-Fans ansprechen.
Dieser charmante Gag unterstrich aber das offensichtliche Bemühen der Band, trotz der immensen Dimensionen, die Stadionkonzerte mittlerweile angenommen haben, so etwas wie Nähe zum Publikum herzustellen. Dem präsentieren sich Metallica auf dieser Tour auf einer großen runden Bühne, die in der Mitte der Stadien aufgebaut wird. Das ermöglicht die Sicht auf das Geschehen von allen Seiten, führt aber dazu, das man immer wieder die Augen wandern lässt, wo denn nun der ein andere andere Musiker genau steht und dann doch wieder auf die verschiedenen Videoleinwände in Zylinderform starrt, um das Tun der Band in Nahaufnahme zu verfolgen. Die wandert zwar im Kreis ebenso wie Ulrichs Schlagzeug, das über Lastenaufzüge an verschiedene Standorte auf dem Bühnenrund gebracht wird, doch als Einheit will sie in einer Choreographie, bei der jeder Musiker in eine andere Richtung spielt und so jeweils drei Vierteln des Publikums in Miles-Davis-Manier den Rücken zudreht, nicht erscheinen. Aber vielleicht waren es es nur zu viele andere Konzerte, bei denen sich die Musiker den Anschein einer Gruppe ergeben, dass einem beim ersten Mal Metallica gerade dieser Aspekt eines fulminanten Auftritts im Gedächtnis bleibt.
