
Knapp zwei Dutzend Gegner sind gekommen und stehen am Rande des Gräberfeldes bei Pohořelice, das zu Deutsch Pohrlitz heißt. Tschechische Fahnen flattern unter dem weiten Sommerhimmel. Auf Pappschildern wird an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Ein älterer Mann trägt Sträflingskleidung wie aus einem Konzentrationslager. Doch bis auf ein paar Zwischenrufe bleibt es ruhig.
Nur ein paar Meter entfernt, auf der anderen Seite einer flachen Hecke, sind es über Tausend Menschen. Viele tragen Sportkleidung und Sonnenhüte, dazwischen einige Würdenträger. Auch der deutsche Bundesinnenminister Alexander Dobrindt ist gekommen, ebenso Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (beide CSU), dazu Markéta Vaňková, die Bürgermeisterin der südmährischen Stadt Brünn (Brno). Sie sind hier, um ein Zeichen der Verständigung zu setzen an jenem Ort, an dem 890 Opfer des Brünner Todesmarsches am Rand der Landstraße liegen sollen.
Der Versöhnungsmarsch, der von Pohořelice rund 30 Kilometer zurück nach Brünn führt, ist der erste Höhepunkt des Sudetendeutschen Tages, der in diesem Jahr zum ersten Mal auf tschechischem Boden gefeiert wird. Doch was als Fest der Völkerverständigung geplant war, hat die Tschechische Republik in eine heftige Debatte gestürzt. Es geht um den Umgang mit der Erinnerung an die rund drei Millionen Deutschen, die nach dem Ende der NS-Herrschaft aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben worden waren – und es geht um die Koalition von Ministerpräsident Andrej Babiš mit den rechten Motoristen und der rechtsextremen SPD, die beide gegen den ersten Sudetendeutschen Tag auf tschechischem Boden wettern.
Die vergessene Geschichte wird zu einem Thema
Die Parteien am linken und rechten Rand hatten den Sudetendeutschen Tag in den vergangenen Wochen genutzt, um ihre eigene Wählerschaft zu mobilisieren. Im Parlament verabschiedete die Koalition unter heftigem Protest der Opposition eine Resolution, die die Veranstalter in Brünn zu einer Absage des Treffens aufrief. Seither wird das Thema in allen Medien diskutiert. Podcasts, Interviews und Kommentare widmen sich der Frage, ob es richtig war, die Vertriebenenvertreter in die Tschechische Republik einzuladen und wie man selbst zu der Geschichte der einstigen Mitbürger steht, die bis zu ihrer Vertreibung rund 800 Jahre im Land gelebt hatten.
Auch am Gräberfeld bei Pohořelice, auf dem an diesem Morgen die jungen Leute in Wanderkleidung stehen, lässt sich der Umgang der Tschechen mit ihrer Geschichte erzählen. Der Brünner Todesmarsch kam in ihr lange nicht vor.
Ende Mai 1945 hatten die Arbeiter des Rüstungswerkes Zbrojovka und „Revolutionäre Gardisten“ auf eigene Faust rund 27.000 Deutsche aus der Stadt vertrieben, die meisten Frauen, Kinder oder Alte. Es waren die Verbliebenen der einst rund 60.000 deutschen Bürger, die vor dem Krieg in Brünn gelebt hatten. Der Nationalausschuss der Stadt soll damals noch versucht haben, sich der „wilden Vertreibung“ durch die Arbeiter entgegenzustellen, doch er blieb machtlos. Den rund 60 Kilometer langen Fußmarsch bei sommerlicher Hitze bis zur österreichischen Grenze überlebten etwa 5000 Menschen nicht. Viele starben an Krankheit und Erschöpfung, andere wurden schlicht erschossen.
Die Toten unter dem Klee bei Pohořelice
1992 ließ ein Überlebender des Todesmarsches ein großes Stahlkreuz an dieser Stelle errichten. Doch heute sind auf den Erinnerungstafeln in deutscher und tschechischer Sprache die Farbreste roter Hakenkreuze zu erkennen, die dort vor nicht allzu langer Zeit hingesprüht worden sein müssen.
Die Proteste von den politischen Rändern und die heftigen Angriffe gegen die Organisatoren des Festivals „Meeting Brno“, das die Sudetendeutschen nach Brünn eingeladen hat, zeigen aber auch in eine andere Richtung Wirkung. Er habe schon seit einigen Jahren überlegt, an dem Versöhnungsmarsch teilzunehmen, sagt František Chalupka, ein junger Mann aus Brünn. „Aber erst die Diskussionen der letzten Wochen haben gezeigt, wie wichtig die Unterstützung in diesem Jahr ist.“ Er ist mit einigen Freunden gekommen, um mit der Pilgertruppe die 30 Kilometer nach Brünn zu laufen.
Etwa die Hälfte der Teilnehmer, so scheint es, sind Tschechen, die meisten unter 40, aber nicht nur. Martin Večeřa ist mit seinem Sohn aus Šumperk gekommen, dem alten Schönberg nördlich von Olmütz (Olomouc). Ihn habe es nachdenklich gemacht, dass in seiner Stadt niemand über den Anteil der Sudetendeutschen an der Geschichte der Gegend spreche, sagt Večeřa.
Lange richtete sich die Sorge der Tschechen vor allem darauf, dass die Nachkommen der Vertriebenen zurückkehren und das Eigentum ihrer Familien zurückfordern könnten. Einer der Gegendemonstranten am Rande des Feldes sagt, er wolle verhindern, dass die historischen Verbrechen der Deutschen relativiert würden.
Doch Bundesinnenminister Dobrindt bekräftigt in seiner kurzen Rede auf der Wiese bei Pohořelice, es gehe nicht darum, Schuld gegeneinander aufzurechnen oder geschichtliche Zusammenhänge zu leugnen. „Unermessliches Leid ist von Deutschland ausgegangen“, sagt er und würdigt dann die Leistung der tschechischen Organisatoren von Meeting Brno, die „mit ihrem herausragenden Engagement aus Vertreibung Versöhnung gemacht“ hätten.
Dann setzt sich der Marsch in Bewegung. Einige Hundert nehmen den Weg zu Fuß auf sich, viele Ältere fahren in Bussen zur Messehalle in Brünn, wo das reguläre Programm des Sudetendeutschen Tages mit Vorträgen, Musikeinlagen und Tanzveranstaltungen stattfindet. Hier wird am Sonntag auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erwartet, der als traditioneller Schirmherr der Sudetendeutschen sprechen wird, bevor er zum tschechischen Präsidenten Petr Pavel nach Prag fährt.
Dieses kleine Detail, dass Pavel den bayerischen Ministerpräsidenten in der tschechischen Hauptstadt empfangen wird, erzählt viel über die politischen Komplikationen, die mit der Einladung der Sudetendeutschen in die Tschechische Republik einhergehen. Während Regierungschef Babiš lange versuchte, sich aus der Sache herauszuhalten und schließlich von seinen Koalitionspartnern dazu gedrängt wurde, die Resolution gegen den Sudetendeutschen Tag in Brünn mitzutragen, setzte der Präsident entgegengesetzte Zeichen – allerdings mit großer Vorsicht. Denn um die Brisanz des Themas weiß auch er. Einer aktuellen Umfrage zufolge sehen 57 Prozent der Tschechen den Sudetendeutschen Tag in Brünn kritisch, wobei sich das Verhältnis umkehrt, je jünger die Befragten sind.
Statt selbst in Brünn zu erscheinen, entschied sich Pavel, Söders Besuch in der Tschechischen Republik durch einen anschließenden Empfang in Prag zu legitimieren. Am Dienstag ging Pavel schließlich noch einen Schritt weiter und übernahm offiziell die Schirmherrschaft über die Zusammenkunft mit den Sudetendeutschen in Brünn.
Auch als der Versöhnungsmarsch am späten Nachmittag in Brünn ankommt, ist diese Spannung zu spüren. Vor dem Gymnasium Vídeňská werden die Pilger in Brünn in Empfang genommen und mit Getränken und Sandwiches versorgt. Miloš Vystrčil von der oppositionellen ODS, als Senatspräsident der protokollarisch zweithöchste Mann im Staat, ist gekommen und schwärmt von dem Wunder der Begegnung, das, wenn es nach ihm ginge, künftig auch in anderen Städten stattfinden solle.
Die Gegner warten mit Trommeln und Pfeifen
Auch einige Abgeordnete sind da, darunter Hayato Okamura, der Bruder des rechtsextremen SPD-Vorsitzenden und Parlamentspräsidenten Tomio Okamura, der die Resolution gegen den Sudetendeutschen Tag in Brünn initiiert hatte. Hayato Okamura sitzt selbst für die Christdemokraten im Parlament und hat die Positionen seines radikalen Bruders immer wieder kritisiert. Ihm sei es besonders wichtig, in diesen Zeiten ein Zeichen zu setzen, dass die Völker Europas zusammenstehen, sagt Hayato Okamura der F.A.Z.
Auf der letzten Etappe warten dann noch einmal Gegendemonstranten. Vielleicht 200 sind es, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit Trommeln und Pfeifen lärmen und Plakate in die Höhe recken. „Gehen Sie heim ins Reich“, steht auf einem. Der Pilgerzug hat inzwischen bestimmt 2000 Läufer, die winkend an ihren Gegnern vorbeiziehen.
Am Ende sind es nicht mehr viele Schritte zum Augustinerkloster, in dessen Hof die deutschen Bürger Brünns Ende Mai 1945 zusammengetrieben worden waren. Hier hatte Gregor Mendel einst seine berühmten Kreuzungsversuche mit Pflanzen erdacht. Erschöpft lassen sich viele Wanderer auf den Rasen unter einer alten Platane fallen. Petr Kalousek, einer der Organisatoren von Meeting Brno, wirkt froh und erleichtert. „Ich weiß nicht, wie viele wir genau waren“, sagt er, aber darauf komme es nicht an. „Das Wichtigste war, dass wir so große Unterstützung hatten.“
