
Was hat Alexander Zverev mit vielen Deutschen gemeinsam? Er hat Rücken. Bei rund einem Drittel der Bevölkerung verschwinden die Rückenschmerzen früher oder später, sie bleiben aber der dritthäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Zverev dagegen hat es nicht nur einmal im Kreuz erwischt, weil er sich verhoben hat oder dergleichen. Bei Deutschlands bestem Tennisspieler kehrt der Schmerz immer wieder zurück, seit es im vergangenen Jahr losging und er sich mehr schlecht als recht bis zum Saisonende durchschleppte.
Anders als Kassenpatienten muss der Weltranglistendritte bei auftretenden Schmerzen nicht wochenlang auf einen Facharzttermin warten. Er braucht nur seinen Bruder zu bitten, zwischen zwei Dienstreisen den Flugplan anzupassen und eine diskrete Behandlung einzuschieben. Und so landete Zverev zwischen den Turnieren in Rom und Paris vor einigen Tagen in München unweit des Marienplatzes: im Alten Hof, wo Deutschlands bekanntester Sportmediziner praktiziert. „Ich hatte zwei wunderbare Behandlungen bei Doktor Müller-Wohlfahrt“, sagte Zverev vor seinem ersten Match bei den French Open: „Und die haben mir sehr geholfen.“
In den vergangenen Wochen hatte der Neunundzwanzigjährige immer wieder Rätsel aufgegeben: mit Andeutungen über seinen Gesundheitszustand, mit manchen mäßigen Matches, mit seinen deutlichen Niederlagen gegen den Weltranglistenersten Jannik Sinner in Monte Carlo und Madrid. Die Teilnahme an seinem Heimturnier in Hamburg hatte er vor zehn Tagen sogar kurzfristig abgesagt.
In Paris gab sich Zverev weniger zugeknöpft und erklärte, dass Ende April beim ATP-Turnier in München die Rückenschmerzen zurückgekehrt seien und sein Leistungsvermögen beeinflusst hätten. „Nach einigen Matches hatte ich Beschwerden“, sagte Zverev, der bei den French Open am Pfingstsonntag in der ersten Runde auf den Lokalmatadoren Benjamin Bonzi trifft (circa 14 Uhr, Eurosport).
Für seine Methoden wurde Müller-Wohlfahrt oft belächelt
Bei der erstbesten Pause, nach der Achtelfinalniederlage in Rom gegen den Lokalmatadoren Luciano Darderi, wurde Zverev bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in München vorstellig. Innerhalb von wenigen Tagen nahm der langjährige Teamarzt des FC Bayern München und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sich zweimal des Tennisprofis an.
Wie der bald 84 Jahre alte Sportmediziner Zverev behandelt hat, ist nicht bekannt. Aber vermutlich ging Müller-Wohlfahrt so vor wie immer in den vergangenen fünfzig Jahren bei Usain Bolt, Kobe Bryant, Sebastian Vettel und anderen Sportstars, die auf seine Behandlung schworen: Er ertastete und diagnostizierte die Verletzung. Seine Fingerkuppen hätten Fähigkeiten, die in der Schulmedizin nicht gelehrt würden, behauptet der in Bayern lebende Ostfriese.
Für seine Injektionen auf Basis von Kälberblut und biologischen Mitteln wurde Müller-Wohlfahrt oft belächelt. Manche hielten die Heilkräfte für Hokuspokus, doch die Behandlungserfolge sprechen für Müller-Wohlfahrt. Auch bei Zverev schlugen die Spritzen sofort an, wie er schon nach seinem ersten Besuch bei dem Sportmediziner im vergangenen Dezember erklärte. „Der hat mir 77 Spritzen irgendwo reingesteckt, das hat geholfen“, sagte der Tennisprofi im Januar, als er bei den Australian Open nach langer Zeit mal wieder schmerzfrei spielte und den Finaleinzug knapp verpasste.
Allerdings lässt die Wirkung nach. Nach der ersten Spritzkur habe er sich in den ersten drei Monaten der neuen Saison „unglaublich“ gefühlt, sagte Zverev in Paris. Dann habe ihm sein Kreuz wieder zu schaffen gemacht. Also nochmal zu Müller-Wohlfahrt: „Nach der Behandlung dauert es ein paar Tage, bis man sich wieder gut fühlt.“ Im Moment zeigt sich Zverev putzmunter.
Was dem Rücken im Speziellen und Zverev im Allgemeinen auch guttut, ist Wärme. Insofern kann sich der Weltranglistendritte auf die kommenden Tage von Roland Garros freuen, an denen das Thermometer auf Werte jenseits der 30 Grad Celsius steigt. „Ich freue mich immer auf Hitze, das ist kein Geheimnis.“
Darüber hinaus verspricht das Turniertableau schon in den ersten Runden heiße Auseinandersetzungen, könnte es Zverev doch in seinen ersten vier Matches des wichtigsten Sandplatzturniers dreimal mit französischen Gegnern zu tun bekommen. Alexander Zverev sollte also nicht davon ausgehen, dass auch das Pariser Publikum ihm den Rücken stärkt.
