
Trotz des schwierigen Marktumfelds und Gerüchten um den Ausstieg mehrerer Wettbewerber halten die Energiekonzerne RWE und EnBW vorerst am geplanten Bau ihrer Windparks fest. „EnBW plant unverändert, den Offshore-Windpark Dreekant im Jahr 2033 vollständig in Betrieb zu nehmen“, teilte eine Sprecherin des Unternehmens auf Anfrage der F.A.Z. mit. Der Energiekonzern mit Sitz in Karlsruhe hatte im Jahr 2024 für gut eine Milliarde Euro das Recht erworben, in der Nordsee einen 1000 Megawatt großen Offshore-Park zu bauen (siehe Tabelle).
„Offshore-Windenergie bleibt für uns ein zentraler Baustein im zukünftigen Erzeugungsmix“, so die Sprecherin weiter. Das gelte, obwohl die gesamte Branche mit „deutlich gestiegenen Kosten in der Lieferkette, hohen Zinsen und gesunkenen Stromerlösen“ kämpfe und sich die Situation im vergangenen Jahr weiter verschärft habe. „Oberstes Ziel muss sein, dass der Ausbaupfad als Ganzes nicht ins Stocken gerät und das Erreichen der Klimaschutzziele nicht gefährdet wird.“
Der Windpark mit dem Namen Dreekant sollte ursprünglich schon 2032 vollständig in Betrieb gehen. Das Marinekommando der Bundeswehr beansprucht nun allerdings Flächen in der Nordsee für ein Artillerieschussgebiet, welches dem ursprünglich geplanten Trassenverlauf für die Anbindung des Windparks an das Stromnetz in die Quere kommt. Die zuständige Behörde, das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), hatte daraufhin vor gut einem Jahr mitgeteilt, dass die ursprünglichen Windstromtrassen umgeplant werden müssen. EnBW plant nun, im Juni 2027 bei der Bundesnetzagentur einen Antrag auf Genehmigung zu stellen. 2029 soll eine finale Investitionsentscheidung getroffen, 2032 dann der Windpark ans Netz angeschlossen werden.
„Konzerne müssen sich an Verträge halten“
Auch RWE hält an seinen vor Borkum geplanten Windparks fest. Zusammen mit dem französischen Energiekonzern Totalenergies, welcher zu 50 Prozent an den Projekten beteiligt ist, wolle man „die Entwicklung der Offshore-Windprojekte Windbostel Ost und Windbostel West weiterhin gemeinsam vorantreiben“, so eine Sprecherin auf Anfrage. Das Unternehmen hatte für die schon voruntersuchten Flächen mit einer Kapazität von jeweils 2000 Megawatt im August 2024 insgesamt 250 Millionen Euro geboten. Die Windbostel-Projekte sind die einzigen Nordsee-Flächen, die RWE sich gesichert hat und für die noch keine finale Investitionsentscheidung gefallen ist.
Damit schlagen EnBW und RWE einen anderen Weg ein als die Konkurrenz. Anfang dieser Woche hatte ein Medienbericht nahegelegt, dass der französische Energiekonzern Totalenergies und möglicherweise auch das Joint Venture Jera Nex BP zwischen 2023 und 2025 erworbene Flächen in Nord- und Ostsee wieder loswerden möchten. „Wenn das stimmen sollte, dann dürfte man die Konzerne nicht vom Haken lassen, sie müssen sich an die Verträge halten“, forderte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) am Freitag in einem F.A.Z.-Interview. In dem Fall bestehe er auf der Zahlung der Vertragsstrafe, so Schneider.
Totalenergies bestätigt die Berichte nicht, wonach die Milliardenprojekte vor dem Aus stehen. Dass die Windparks wie geplant gebaut werden, sagt der Konzern aber auch nicht. Stattdessen weist er darauf hin, schon im vergangenen Juni eine „strategische Überprüfung der seit 2023 erhaltenen Konzessionen eingeleitet“ zu haben. Dabei würden „insbesondere die Verspätungen bei den Netzanschlüssen berücksichtigt werden, die von den deutschen Übertragungsnetzbetreibern angekündigt wurden“. Mit anderen Worten: Die Pläne aus dem Jahr 2023 basierten auf Zusagen vonseiten der Netzbetreiber, die nicht eingehalten wurden.
Unter diesen Vorzeichen halten die Franzosen die Investitionen womöglich nicht länger für wirtschaftlich. Damit sei aber keineswegs ein genereller Abschied aus dem deutschen Offshore-Markt verbunden, betont man bei Totalenergies. Deutschland bleibe in diesem Geschäftsbereich vielmehr „ein Schlüsselmarkt“, auf dem man weiter investieren und wachsen wolle.
„Risiko eines erneuten Fadenrisses verringern“
Im Bundesverband Windenergie Offshore (BWO), in dem alle großen Windparkprojektierer Mitglied sind, gibt man sich derweil zerknirscht. Es bestehe die Gefahr, dass Flächen für bis zu 16 Gigawatt installierter Leistung blockiert würden, teilte der Verband am Mittwoch mit. Inklusive Aufträgen an Zulieferer hätten die betroffenen Projekte ein Volumen von bis zu 50 Milliarden Euro. Der Verband schlägt nun vor, dass Unternehmen, die in den Auktionen der Jahre 2023 bis 2025 einen Zuschlag erhalten, aber noch keine finale Investitionsentscheidung getroffen haben, ihre Flächen freiwillig zurückgeben können. So sollten „blockierte Flächen rasch neu ausgeschrieben und vergeben werden, damit der Ausbaupfad gesichert bleibt“, hieß es in einer Mitteilung des Verbands.
Umweltminister Schneider sagte, er sei „sehr optimistisch“, dass in einem solchen Fall andere Anbieter die Flächen übernehmen würden. Auch RWE äußerte sich wohlwollend zu dem Vorschlag des BWO. Er könne „das Risiko eines erneuten Fadenrisses“ im Offshore-Ausbau verringern, sagte eine Sprecherin, schränkte aber ein: „Wenn der Gesetzgeber eine solche Regelung trifft, sollte eine solche Rückgabeoption auf die in den Jahren 2023 bis 2025 vergebenen Projekte begrenzt bleiben und ausdrücklich nicht auf zukünftige Auktionen ausgeweitet werden.“ Blockaden von Flächen und Netzanbindungskapazitäten sowie potentielle Schäden für die Lieferkette müssten abgewendet werden.
