
Großbritanniens Finanzministerin Rachel Reeves hat Schiffbruch erlitten mit einem Vorstoß zur Deckelung von Preisen für Lebensmittel in Supermärkten. Nach Protesten aus der Branche gab das Schatzamt die Initiative auf. Der Chef der Einzelhandelskette Marks & Spencer hatte die Idee zuvor als „absolut absurd“ und „lächerlich“ bezeichnet. Andere Branchenvertreter sprachen von einem „verzweifelten“ Vorstoß der Labour-Regierung im Popularitätstief. Der Einzelhandelsverband British Retail Consortium warnte vor „1970er-artigen Preiskontrollen“. Diese würden Supermärkte zwingen, Produkte mit Verlust zu verkaufen. Stattdessen sollte die Regierung besser fragen, was ihre Politik zum Kostenanstieg beitrage.
Schatzkanzlerin Reeves hatte seit einigen Wochen diskret versucht, Supermarktketten dazu zu bewegen, „freiwillig“ Preisdeckel für etwa zwanzig Grundnahrungsmittel wie Brot oder Milch einzuführen. Im Gegenzug sollten die Unternehmen von bestimmten staatlichen Vorgaben, etwa einer neuen Verpackungsabgabe, befreit werden. Auch neue gesetzliche Vorgaben im Kampf gegen Übergewicht könnten verschoben werden, hatte das Schatzamt in Aussicht gestellt. Die meisten Unternehmenschefs lehnten Gespräche über Preisdeckel aber ab. M&S-Chef Stuart Malchin sagte diese Woche, sein Unternehmen mache etwa mit dem Verkauf von Milch gar keinen Gewinn, sondern verkaufe unter Einkaufspreis.
Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Jahren in Großbritannien steil gestiegen, getrieben unter anderem vom Energiepreissprung infolge des Ukrainekriegs seit 2022. Innerhalb von sechs Jahren verteuerten sich Lebensmittel für die Verbraucher um rund 50 Prozent. Allerdings hat der Preiswettbewerb in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch den Expansionskurs der deutschen Discounter Aldi und Lidl auf der britischen Insel stark zugenommen.
Starker Preiswettbewerb durch Discounter
Die Wettbewerbsbehörde CMA befand in einer Untersuchung, dass die Teuerung bei Nahrungsmitteln nicht durch mangelnden Wettbewerb verursacht sei. Aldi und Lidl hätten Gewinnmargen von durchschnittlich nur 0,7 Prozent, bei anderen Supermärkten wie Tesco und Sainsbury lägen sie bei etwa drei Prozent. In der Labour-Partei verdächtigen dennoch viele die Unternehmen, sie würden auf dem Rücken der Verbraucher übermäßige Profite machen.
Die regierende Schottische Nationalpartei (SNP) hatte jüngst erfolgreich mit der Idee Wahlkampf gemacht, dass Geschäfte einen preisgedeckelten Korb von etwa 50 Lebensmitteln anbieten müssten. In Deutschland brachte die SPD zum Jahresanfang die Idee eines „Deutschland-Korbs“ mit günstigen, preisgedeckelten Lebensmitteln auf. Sie hat diese Idee aber nicht mehr weiterverfolgt.
Finanzministerin Reeves versuchte am Donnerstag, mit anderen Maßnahmen Handlungsfähigkeit zu zeigen. Unter anderem wird der geplante Anstieg der Benzinsteuer abgesagt. Außerdem sollen einige Importzölle auf Agrarprodukte gesenkt werden.
