
Nach Einschätzung der Vereinten Nationen impliziert ein neues Dekret der Taliban, dass Kinderheirat in Afghanistan nunmehr erlaubt sei. Die UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) äußerte sich am Donnerstag zutiefst besorgt über neue Ehe- und Scheidungsregeln, die in der vergangenen Woche in Kraft gesetzt wurden. Grundsätzlich sieht das Dekret des Taliban-Führers Hibatullah Achundsada zwar vor, dass Eheverträge, die von Vätern oder Großvätern für minderjährige Kinder vorab abgeschlossen werden, von den Betroffenen nach Erreichen der Pubertät aufgelöst werden können.
Für Mädchen gelten dafür aber andere Regeln als für Jungen. Wenn ein Mädchen beim Erreichen des geschlechtsfähigen Alters schweige, werde das als Zustimmung gewertet, heißt es in der Verordnung. Jungen können der arrangierten Ehe jederzeit widersprechen. Das Dekret enthält ein eigenes Kapitel mit Bedingungen, unter denen „Mädchen, die die Pubertät erreichen und verheiratet sind“ sich von ihren Ehepartnern trennen können. Darin sehen die UN eine implizite Erlaubnis für Kinderheirat.
Männer können sich uneingeschränkt scheiden lassen
Heiratsversprechen, die im Kindesalter zwischen Familien getroffen werden, sind in Afghanistan seit jeher weitverbreitet. Sie werden formalisiert, sobald die Kinder das heiratsfähige Alter erreichen. Bislang lag das gesetzliche Mindestalter für Mädchen bei 16 Jahren. Das Gesetz war noch zu Zeiten der Republik vor der Machtergreifung der Taliban verabschiedet worden. Durch das neue Dekret wird es außer Kraft gesetzt.
Die Verordnung gesteht Frauen und Männern außerdem unterschiedliche Scheidungsrechte zu. Während Männer sich uneingeschränkt scheiden lassen können, benötigen Frauen dafür in vielen Fällen die Einwilligung der Männer. So ist es für Frauen selbst bei dauerhafter Abwesenheit ihres Ehemanns nur möglich, sich scheiden zu lassen, wenn dieser für tot erklärt wird.
Das Dekret sei „Teil einer umfassenderen und zutiefst beunruhigenden Entwicklung“, sagte Georgette Gagnon, die amtierende Leiterin der UN-Mission in Afghanistan. Nach ihrer Machtübernahme hätten die Taliban im Dezember 2021 noch bestimmte Frauenrechte anerkannt, darunter das Recht zu erben und nur mit eigener Zustimmung zu heiraten. In mehreren Dekreten seien diese Rechte jedoch untergraben worden, sagte Gagnon. So können Frauen sich nur unter sehr bestimmten Bedingungen gegen Gewalt in der Ehe wehren. Der Sprecher der Taliban, Zabiullah Mudschahid, wies internationale Kritik an den Ehe- und Scheidungsregeln als „islamfeindlich“ zurück.
