Der Giraffensaal im Souterrain des Museums Wiesbaden heißt so, weil man dort einst das Präparat einer echten Giraffe zeigen konnte. Er ist also sehr hoch und deswegen prädestiniert als Ausstellungsort für das Werk von Georg Lührig. Denn der heute so gut wie unbekannte Maler und Grafiker, der 1868 in Göttingen geboren wurde und 1957 in Lichtenstein starb, die längste Zeit seines Lebens aber in Dresden zu Hause war, neigte zum Monumentalen. Zu seinen zentralen Werken zählen riesige Fresken, denen die Prachtbauten seiner zu jener Zeit prosperierenden Wahlheimatstadt bis zu deren Zerstörung 1945 angemessene Räume boten.
Lührigs Hang zur Expansion zeigte sich schon 1892, als er mit einem modern interpretierten „Totentanz“ bekannt wurde. Der Zyklus aus 15 großen, im doppelten Sinne schwarzen Kreidezeichnungen ist verschollen. Aber auch fünf nun in Wiesbaden gezeigte Vorzeichnungen machen seine Auffassung eines sich sehr alltäglich gebenden Todes deutlich, der in der Kneipe oder beim Waldspaziergang erscheint, dessen bürgerliches Outfit seine klappernden Gebeine aber nur vordergründig verhüllen kann. Sein feixender Schädel würde heute auch als Tattoo-Motiv taugen.
Stärker wird man indes durch ein Bild von Karl-May-Illustrator Sascha Schneider verschreckt: Eine so bukolische wie martialische Gruppe aus wilden, aberwitzig kostümierten Muskelmännern marschiert gleich zu Beginn auf die Besucher zu, die, während sie intuitiv zurückweichen wollen, doch geradewegs vor eine zweieinhalb mal viereinhalb Meter große Wand laufen. Gern werden diese wilden Kerle als Schneiders Künstlerfreunde identifiziert, unter denen sich auch Lührig befindet: Links im Bild erscheint er im grüngelben Habit mit finsterem Blick und langem Rauschebart. Die „Phalanx der Starken“ bläst „zum Kampf“, so die beiden programmatischen Titel des Werks, dessen Schöpfer damit gegen die Dominanz der Künstlervereinigung und deren strenge Regeln aufbegehrt. Kaum hat man sich an Schneiders Werk buchstäblich vorbeigedrängt, wird man von Lührigs wandhoher Rübezahl-Darstellung geradezu erschlagen – das Fresko des freundlich lachenden Waldschrats schuf er 1910 für die Fassade einer Dresdner Mädchenschule.

Lührigs Leben schloss das Kaiserreich, zwei Weltkriege, die Blüte ebenso wie die totale Zerstörung seiner Heimatstadt und nicht zuletzt die frühen Jahre der DDR ein. Nach seiner Ausbildung in München lehrte er später – bis 1934 – auch selbst an der Dresdner Akademie. Unterdessen nahm er von 1897 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs regelmäßige Auszeiten, um in Rumänien die Kinder der Fürstin Lucie von Schönburg-Waldenburg im Zeichnen zu unterrichten. Seine eigenen Gemälde aus jenen Jahren zeigen Sinnbilder von Jugend und Alter oder dräuenden Wald und fallen durch einen exaltierten Figurenstil sowie eine geradezu surreale Farbigkeit auf. Dass ihn in Dresden wiederum der Körperkult faszinierte, der heute im Hygienemuseum fortlebt, belegen zahlreiche Aktdarstellungen.
Das 1900 entstandene Ölbild eines Pelikans ist noch im Gedächtnis von der Ausstellung, mit der das Museum 2023 Lührigs bekannteren, ebenfalls in Dresden beheimateten Zeitgenossen Oskar Zwintscher breiter vorstellte. Daraufhin machten Lührigs Nachfahren den Kurator Peter Forster auf den Nachlass ihres Ahnen aufmerksam, der in Leverkusen lagerte und in teilweise beklagenswertem Zustand war. Mit der Unterstützung von Kulturstiftung und des Museumsfreundeskreises wurden vor allem die zahlreichen grafischen Arbeiten aufwendig restauriert und auf diese Weise in den Besitz des Museums gebracht. Allen voran die Vorstudien zum Auftrag für zwei Wandbilder im Gebäude des damaligen Kultusministeriums aus dem Jahr 1904: Lührigs figurenreiche Allegorien für Licht und Finsternis stehen in Wiesbaden den Entwürfen seines Konkurrenten Max Pietschmann gegenüber. Aus heutiger Sicht wäre das Urteil eindeutig: Lührigs Version ist ideenreicher und mutiger – unter anderem gehört ein nur mit Leoparden-Tanga bekleideter Mann zum Personal – als die Pendants des Raffael-Epigonen Pietschmann, die stark an die Schule von Athen in der vatikanischen Stanza della Segnatura erinnern. Zu Lührigs Lebzeiten empfand man anders. Seine Vorschläge verwirklichte man erst Jahre später und „entschärft“. Eine digitale Rekonstruktion gibt in Wiesbaden einen guten Eindruck von seinem Opus magnum.
Der Rundgang löst ein, was Schneiders Bild zu Beginn versprochen hat, und präsentiert einen eigenwilligen Vertreter von Jugendstil und Symbolismus. Das Museum, das, seit im Jahr 2019 die Sammlung Nees ans Haus kam, seinen Ruf als Jugendstil-Ort kontinuierlich festigt, wird mit Georg Lührigs Kunst um eine unkonventionelle, um nicht zu sagen schräge Spielart des Genres reicher.
Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden. Museum Wiesbaden, bis 17. Januar 2027
